Superbike-WM Misano/I (Archivversion) Rot Glüht

In sengender, reifenmordender Hitze holte Ducati-Werksfahrer Régis Laconi bei den Superbike-WM-Rennen in Misano unweit der italienischen Adriastrände zwei überzeugende Siege. Ein alter und ein neuer Vorzug seines edlen Renners halfen ihm nicht unwesentlich.

Power is nothing without control – Leistung bringt gar nichts ohne Kontrolle. Der Werbeklassiker von Pirelli, Exklusiv-Reifenausstatter der Superbike- und Supersport-WM, war Programm für alle, die sich am bis dahin heißesten Tag
des Jahres in Italien auf den Asphalt des
Autodromo Santamonica wagten, nur ein
paar Kilometer landeinwärts vom Strand
in Misano Adriatico. Temperaturen von bis
zu 60 Grad an der Pistenoberfläche trieben Pneus wie auch die Hirne der Pirelli-Ingenieure und aller anderen Team-Verantwortlichen, Fahrer, vor allem aber der Fahrwerksspezialisten über den Siedepunkt. »Im Normalfall können wir mit einer sehr sensiblen Einstellung der Federungs- und Dämpfungssysteme dem Reifen helfen, seine Qualitäten voll auszuspielen. In solch einer Hitze jedoch reichen selbst unsere extremsten Varianten nicht aus«, wies
Andreas Vogt, als Showa-Techniker für die Klaffi-Honda-Superbikes von Max Neukirchner und Pierfrancesco Chili zuständig, auf die Grenzen seiner sonst oft als Magie verehrten Kunst hin.
So gingen insbesondere die Top-Fahrer wie WM-Tabellenführer Troy Corser, mit der Werks-Suzuki auf der Pole Position, sein Teamkollege Yukio Kagayama, aber auch die vier Honda-Helden, die beiden Australier Chris Vermeulen und Karl Muggeridge in Diensten des Ten-Kate-Teams ebenso wie das Klaffi-Duo Chili und
Neukirchner mit der einzigen Gewissheit in die Hitzeschlachten, dass sie für die zu
erwartende Funktionsfähigkeit ihrer Reifen hoffnungslos übermotorisiert sind.
Etwas anders war die Stimmung beim Ducati-Werksteam. Zum einen konnten Régis Laconi und Titelverteidiger James Toseland unter der heißen Adria-Sonne auf fast vergessene Tugenden ihrer edlen roten Renner vertrauen: das im Vergleich mit der Japan-Konkurrenz sanftere Ansprechverhalten und das breitere nutzbare Drehzahlband der Zweizylinder. Der Italo-Franzose Laconi übernahm jeweils nach einem
guten Drittel der Renndistanz – der erste Heat wurde wegen eines Unfalls nach vier Runden abgebrochen und neu gestartet – die Spitze und enteilte dem zweitplatzierten Chris Vermeulen ebenso wie dem
in der WM immer noch führenden Troy
Corser und dessen Suzuki GSX-R 1000
auf Rang drei.
Während sich Corser zumindest im
ersten Rennen von Kupplungsproblemen
eingebremst sah, erkannte Teamchef Gerrit
ten Kate ein neues Plus der Werks-Ducati: »Die fahren inzwischen mit einer sehr
gut funktionierenden Traktionskontrolle. So bleibt die Leistung des Reifens länger erhalten, und die Fahrer rutschen weniger.«
Den Technologie-Vorsprung der Roten in Sachen Traktionskontrolle erklärt sich Gerrit ten Kate im Übrigen recht einfach. »Ich bin nur ein Honda-Händler aus
Nordholland, und wer meine Werkstatt mit
Ducati Corse vergleicht, erkennt schnell,
dass es Unterschiede geben muss. Unsere Renn-Superbikes sind für 75000 Euro käuflich, ein Bruchteil dessen, was eine Werks-Ducati kostet.«
Ducati-Corse-Direktor Claudio Domenicali redet bei der Erfolgsanalyse weniger gern über die Hitze und Einzelheiten einer immerhin nicht dementierten Traktionskontrolle. Vielmehr führt er kleine, aber hoch wirksame Detailverbesserungen der Werks-999 an: »Wir haben nach dem nicht zufrieden stellenden Saisonbeginn in sehr feiner Weise vor allem an der Einbauposition des Motors gearbeitet und dabei die Gewichtsbalance des Motorrads verbessert, was unsere beiden Fahrer wieder nach vorn gebracht hat.« Und damit näher an die in der WM führenden Alstare-
Suzuki, deren Teambesitzer Francis Batta kaum überrascht ist: »Ich habe von Anfang an gesagt, dass diese Saison kein Durchmarsch für uns wird. Wir dürfen jetzt nur nicht versuchen, unseren Punktevorsprung zu verwalten. Wir müssen wieder gewinnen. Dann holen wir auch den Titel.«
Leider gar nichts zu gewinnen gab es für den deutschen Nachwuchshelden Max Neukirchner. Nach beeindruckenden Trainingsleistungen – in drei Sitzungen jeweils Zweiter hinter Corser – blieb für den
Sachsen und seine Klaffi-Honda nach zwei Stürzen in den beiden Teilen des ersten Rennens und als Folgeschaden Ölverlust im zweiten Lauf nur eine Nullnummer.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote