Superbike: WM-Tests in Kyalami/RSA (Archivversion) Runden der Wahrheit

Die Zeit der Spekulationen ist vorbei. Bei den ersten offiziellen Testfahrten der Superbike-WM-Werksteams 2009 im südafrikanischen Kyalami kam es für die Neueinsteiger BMW und Aprilia zur ersten Konfrontation mit den Platzhirschen wie Suzuki mit seinem Star Max Neukirchner und den umformierten Teams von Ducati und Yamaha.

Auf Zulu, einer der elf Amtsprachen in Südafrika, bedeutet Kyalami so etwas wie „meine Heimat“. Und tatsächlich kommt der Superbike-WM-Zirkus am 17. Mai 2009 nach siebenjähriger Abwesenheit auf die einzigartige, sehr anspruchsvolle und etwas verwinkelte Strecke am nördlichen Rand der explosiven Metropole Johannesburg zurück.

Gleichwohl betraten fast alle der 13 Superbike-Werksfahrer Neuland, als sie zu den ersten offiziellen Testfahrten des Einheitsreifenausrüsters Pirelli für 2009 in Kyalami ausrückten. Die verdienten Veteranen Noriyuki Haga, Troy Corser und Ruben Xaus können zwar noch auf ausgiebige Kyalami-Erfahrung aus alter Zeit zurückgreifen. Aber ausgerechnet dieses Trio mit gefühlten 100 Jahren Superbike-Erfahrung tritt 2009 komplett auf neuen Motorrädern an: Haga als Nachfolger des zurückgetretenen Weltmeisters Troy Bayliss auf der Werks-Ducati, Corser und Xaus auf den brandneuen BMW S 1000 RR.

Ebenfalls völlig unbelastet von etwaigen Vorerfahrungen begann der deutsche Superbike-WM-Mitfavorit Max Neukirchner in Südafrika den Angriff auf den Titel 2009. Innerhalb des Alstare-Suzuki-Werksteams ist er um eine feine, von außen kaum sichtbare Stufe aufgerückt. Obwohl der Sachsenpfeil 2008 klar der schnellste Suzuki-Superbiker und als WM-Fünfter am Schluss auch der Bestplatzierte war, galt er offiziell doch als der Junior im Team, der mit Vorjahresmaterial vorliebnehmen musste.

2009 ist Max dagegen unbestritten die Nummer eins bei Suzuki. Zusammen mit seinem Teamkollegen und Werks-Test- und Entwicklungsfahrer Yukio Kagayama hat der Deutsche nun unbeschränkten Zugriff auf die Suzuki GSX-R 1000 K9. Optisch nur dezent geliftet, handelt es sich technisch im Vergleich zum Vorjahresmodell um ein völlig neues Motorrad.

Dabei überrascht Neukirchners Einschätzung nach den Kyalami-Tests, weil er die größten Unterschiede zum bisherigen Suzuki-Superbike weniger im neuen, extrem kurzhubigen Motor, sondern im Fahrwerk gefunden hat. „Der neue Motor unterscheidet sich in seiner derzeitigen Ausbaustufe weniger vom alten, etwas langhubigeren Triebwerk, als ich erwartet habe“, erklärt er, „das Ansprechverhalten und die Leistungsentfaltung sind ähnlich. Allerdings muss ich dazu anmerken, dass wir hier in Kyalami noch nicht die end-gültige Version gefahren sind. Es kommen noch weitere Entwicklungsstufen des Motors auf uns zu.“

Von seinen äußeren Abmessungen wirkt der neue Suzuki-Reihenvierer etwas kompakter, was möglicherweise das Fahrverhalten mit beeinflusst. „Das hat sich gegenüber dem alten Motorrad deutlich verbessert“, freut sich Max Neukirchner, „Handling, Einlenkverhalten, alles wirkt sehr viel leichtfüßiger als bisher. Trotzdem spüre ich auf der anderen Seite erhöhte Steifigkeit und Stabilität im Hochgeschwindigkeitsbereich.“


Offensichtlich befindet sich Neukirchner mit seinem etwas umstrukturierten Alstare-Suzuki-Werks-team auf dem richtigen Weg, der GSX-R 1000 ihr bisheriges Haupt-Defizit – das nicht zuletzt aufgrund der eher ausladenden Gesamterscheinung etwas bockige Verhalten in engeren Ecken – auszutreiben, ohne ihre starke Seite, die bärige Leistungsentfaltung, dafür opfern zu müssen.

Zusammen mit seinem neuen Cheftechniker, dem im Superbike-WM-Fahrerlager an Erfahrung kaum zu überbietenden Italiener Giacomo Guidotti, nutzte Max die vergleichsweise extremen Bedingungen in Kyalami, um in der grundsätzlichen Fahrwerksabstimmung voranzukommen. Denn die Berg-und-Tal-Bahn auf knapp 1800 Meter Meereshöhe gilt mit ihren vielen Ecken und kurzen Geraden klar als die langsamste Strecke im internationalen Rennsport-Zirkus. Dazu kam eine erhebliche Hitze mit bis zu 55 Grad Asphalt-Temperatur, die allerdings bei den Rennen Mitte Mai im dann beginnenden südafrikanischen Winter nicht ganz erreicht werden dürften.

An der ultimativen und vor allem zu Saisonbeginn auch sehr prestigeträchtige Bestzeitenjagd beteiligte sich Max zumindest am letzten der drei Testage zugunsten weiterer Entwicklungsarbeit weniger. Die dennoch erzielten 1.40,394 Minuten und Platz sechs in der Zeitenliste, sechs Zehntelsekunden hinter der Bestzeit von Ducati-Werksfahrer Michel Fabrizio, konnte Neukirchner schließlich akzeptieren: „Wir werden mit dem neuen Motorrad voll konkurrenzfähig sein, dürfen dabei aber nicht vergessen, dass das Jahr 2009 das wahrscheinlich spannendste und interessanteste der gesamten Superbike-Geschichte wird. So viele siegfähige Fahrer wie in der kommenden Saison gab es schon lange nicht mehr.“

Nicht nur Max Neukirchner bringt den Neu- respektive Wiedereinsteigern von BMW und Aprilia große Anerkennung, ja sogar fast schon Vorschusslorbeeren entgegen. Wobei die Italiener wie auch die Bayern in der Tat von Anfang an als vollwertige Mitglieder im Superbike-Weltmeisterschafts-Orchester mitspielen wollen.

Um sich da nahtlos zu integrieren, muss die maximale Harmonie zwischen Fahrwerk, Motor, Reifen und Fahrer entstehen. BMW-Teamchef Rainer Bäumel sah sich und seine Crew in Kyalami erstmals mit dem richtigen Leben der Superbike-Weltmeisterschaft konfrontiert, wobei er wohl zumindest keine größeren bösartigen Überraschungen erlebte.


Zwar hatten seine beiden Fahrer, der australische Ex-Weltmeister Troy Corser und Ruben Xaus aus Spanien ein wenig mehr Arbeit mit Fahrwerks-Chattering als erwartet. Und auch die Kupplung bereitete etwas Ärger. Bäumel räumte ein: „Anfangs traten wir hier in Kyalami bei der Fahrwerksabstimmung auf der Stelle. Doch als wir dieses Hindernis überwunden hatten, wurden die Fortschritte für uns alle, Motorrad, Team, Fahrer, insbesondere auch das weitere Zusammenwachsen des gesamten Projekts, deutlich sichtbar.“

Den Rundenzeiten – die beiden BMW-Fahrer fanden sich nach den drei Testtagen, wenn auch mit recht geringen Rückständen, eher am Ende der Zeitenliste – schenkten die Bayern keine allzu große Beachtung. „Wir sind keinen Meter auf Qualifyer-Reifen gefahren“, stellt Josef Meier, Mitbesitzer der BMW-Superbike-WM-Partnerfirma Alpha Racing, klar, „wenn wir dies in Betracht ziehen, ist der Rückstand unserer Fahrer gegenüber Ducati an der Spitze deutlich unterhalb einer Sekunde. Das berechtigt zu Optimismus.“

Auch Troy Corser, der mit mittelfristig erwarteten Resultaten unter den ersten Fünf der Superbike-Rennen die Latte für sich selbst, aber auch das gesamte BMW-Team sehr ambitioniert gelegt hat, fuhr ohne größere Aufregung in die Winter-pause bis zu den nächsten Testfahrten vom 23. bis 25. Januar im portugiesischen Portimão: „Wenn ich ganz ehrlich bin, sind wir trotz meines ärgerlichen Sturzes vor allem mit der Fahrwerksabstimmung der BMW um einiges weiter gekommen, als ich im Vorfeld erwartet hatte.“

Auch die Tatsache, dass die Aprilia-Superbiker Max Biaggi und Shinya Nakano an den drei Tagen immer etwas schneller waren, beunruhigte die Bayern kaum. Diesbezüglich bekamen sie noch Schützenhilfe aus Sachsen. „BMW war in Kyalami schon weiter in der Entwicklung als Aprilia“, so der Eindruck von Max Neukirchner, „Biaggi fuhr zwar eine schnellere Zeit, aber in der Aprilia-Box hatten sie doch noch viele Probleme mit ihrer Elektronik. Die BMW wirkt schon fertiger.“

Ganz vorn in der Test-Rangliste von Kyalami findet sich hinter Ducati-Junior Michel Fabrizio WM-Neuling Ben Spies, der nach seinem Yamaha-Debüt unmittelbar nach dem Saisonfinale in Portimão erneut zeigen konnte, dass er und die neue Big-Bang-R1 sich gesucht und gefunden haben.


Am Ende fand auch der neue Ducati-Held Noriyuki Haga noch die Ideallinie in Kyalami und Platz drei auf der Testliste. Der Weg dahin jedoch war buchstäblich steinig. Der Japaner wurde von seinem neuen Arbeitsgerät gleich dreimal abgeworfen und vermittelte somit seinem Teamchef Davide Tardozzi schon mal einen Eindruck davon, was da an Genie und Wahnsinn auf die Ducatisti zukommen kann.

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