Superbike: WM-Tests in Portimão/P (Archivversion) Alles frisch

Die Superbike-WM präsentiert sich 2009 mit völlig neuem Gesicht. Nach Troy Bayliss’ Rücktritt ist der Meisterthron vakant, was hyperspannende Auseinandersetzungen von mehr als einer Handvoll Top-Fahrern verspricht. Mittendrin: der Deutsche Max Neukirchner. Dazu kommen mit Aprilia und BMW zwei neue Marken sowie ein neues Qualifikationssystem.

Kaum etwas bleibt dieses Jahr in der Superbike-WM wie es war. Troy Bayliss, der dreifache Champion und unbestrittene König der Superbike-Welt, hat abgedankt. Mit Aprilia und aus deutscher Sicht vor allem BMW ziehen zwei neue Hersteller durchaus erwartungsfroh in den Kampf um den WM-Titel der seriennahen Renner. Und der Schwei­zer Sportrechte-Gigant Infront hat die Promotionagentur der Superbike-WM, die FGSport, aufgekauft.

Am einschneidensten jedoch ist das neue Format zur Ermittlung der Startaufstellung. Ähnlich der Formel 1, allerdings ohne den Druck des dort geltenden Nachtankverbots, werden die Startplätze zu den zwei WM-Rennen pro Veranstaltung künftig in einer dreigeteilten Qualifikation ausgefahren.

Das neue System wurde, mit Vorschusslorbeeren aus allen Ecken des Fahrerlagers bedacht, zum ersten Mal bei den offiziellen Auftakt-Testfahrten der Saison 2009 im portugiesischen Portimão in der Praxis erprobt. Und der Zufall wollte es, dass das neue Prozedere gleich unter heftigsten Wetterbedingungen getestet werden musste. Wechselweise Regenschauer und Trockenperioden machten etwaige in der Winterpause ausbaldowerte Strategie-Theorien für dieses Mal zunichte. Beim heißen Saisonauftakt, dem ersten WM-Event auf Phillip Island vor der australischen Südspitze am 1. März, können deshalb auch die Superbike-Top-Stars nicht auf eine erprobte Herangehensweise an die neue Superpole-Qualifikation zurückgreifen.

Trotz der Wetter-Kapriolen waren die neuen Superpole-Helden durchaus angetan vom Rennstrecken-Dreisatz. Der Deutsche Max Neukirchner, welcher seine Werks-Suzuki GSX-R 1000 im Superpole-Test auf den zweiten Platz hinter Shane Byrne jagte, der auf der privaten Sterilgarda-Ducati der große Überraschungsheld der Portimão-Tests war, begrüßt den neuen Weg in die Startaufstellung. „Du musst zwar deine Top-Konzentration und -Motivation über drei mal zwölf Minuten aufrecht halten, was sicher sehr anstrengend ist“, erklärt der Sachsenpfeil, „auf der anderen Seite besteht aber nicht mehr die Gefahr, dass ein einziger kleiner Fehler deine gesamten Trainingstage vernichtet.“

Beim Blick in die Ergebnisliste erscheint bemerkenswert, dass die Besten in der Rangliste der absoluten Test-Zeiten auch die Superpole-Auseinandersetzung beherrschten: „Shakey“ Byrne, Max Neukirchner sowie die neue Ducati-Nummer-eins Noriyiuki Haga. Einzig Hagas Nach­folger bei Yamaha, der mehrfache US-Superbike-Champion Ben Spies, musste seinen ersten Superpole-Test dem Wetter opfern und fiel so in der zweiten Sitzung raus.

Noch auffälliger aber war, dass der große Meister der alten Superpole-Zeitenjagd das neue Format offenbar von Anfang an beherrscht: Der australische Doppelweltmeister Troy Corser bescherte den Superbike-Debütanten der Bayerischen Motorenwerke den ersten Teilerfolg und stellte die noch rennunerprobte S 1000 RR – in der absoluten Zeitenliste als Elfter auch nicht so schlecht – nach den drei Zwölf-Minuten-Turns auf den beeindruckenden Startplatz sechs, nicht mal vier Zehntelsekunden hinter Pole-Mann Byrne. „Wir haben nicht umsonst Mister Superpole eingekauft“, spielte BMW-Teamchef Rainer Bäumel augenzwinkernd den Unüberraschten, „im Ernst: Wir machen derzeit vor allem auf der Fahrwerkseite noch recht große Schritte, während unser Motor schon ziemlich konkurrenzfähig ist. Wir haben sicher noch sehr viel Potenzial der S 1000 RR nicht ausgeschöpft, da motiviert dieser sechste Platz ganz gewaltig.“

Aprilia, der zweite Neuling in der Superbike-WM, aufgrund wesentlich größerer Motorrad-Rennsporterfahrung eigentlich höher als BMW eingeschätzt, hat noch größere Probleme vor allem beim Einlenken in Kurven und kam deshalb nicht mit der Spitze mit.

Max Neukirchner indes lobt sein neues Arbeitsgerät schon kräftig: „Das Handling der GSX-R-1000-K9 ist durch die kompaktere Bauweise gegenüber der Vorgängerin viel besser. Dies haben wir bereits bei den ersten Tests festgestellt“, so Max, „inzwischen sind wir auf dieser sehr guten Basis noch weiter vorangekommen.“ Auch der neue, kurzhubigere Motor passt offenbar zum neuen Konzept. Mit weniger hartem Leistungseinsatz führt er, was die Piloten in Portimão gleich erfahren durften, gerade bei Regen zu um Welten besserem Fahrverhalten der GSX-R 1000. „Nässe war ja bisher der große Fluch für uns Suzuki-Fahrer. Dieses Thema scheint erledigt zu sein“, freut sich Max Neukirchner neuerdings wieder auf Regenschlachten.

Etwas vom Schönheitsfehler der von Ducati-Privatfahrer Byrne vorgelegten Bestzeit getrübt fiel die Bilanz des Ducati-Werksteams aus. „Das Wetter war unberechenbar“, resümierte Noriyuki Haga, „deshalb sollten wir am besten gar nicht auf die Rangliste schauen. Die reine Testarbeit dagegen macht mich optimistisch für den Saisonauftakt in Phillip Island. Wir haben die 1098 F09 zwar noch nicht ganz auf dem Stand, wie ich sie in Australien am Start sehen möchte, aber das werden wir hinbekommen“, lautet seine Kampfansage.

Ten-Kate-Honda erregte nicht nur durch Jungstar Jonathan Rea aus England Aufsehen, der die dienst­älteren Teamkollegen Carlos Checa und Ryuichi Kiyonari düpierte, sondern auch durch ein buntes Farbenspiel. Denn Kiyonaris Fireblade zeigt sich in der Lackierung des Honda-Original-Ersatzeilevertriebs statt der des TV-Geräteherstellers Hannspree bei Checa und Rea, welcher bei Ten-Kate wie auch als WM-Gesamtsponsor sein Budget stark reduziert hat.

Völlig neu sind grüne Hoffnun­gen beim bisherigen Honda-Privat- und künftigem Kawasaki-Werksteam Paul-Bird-Racing mit Fahrer Broc Parkes, nicht aber die Ninja ZX-10R-Maschinen. Die diskreten Kawasaki-Ergebnisse in Portugal lassen jedoch auch mit neuer Besetzung keine grünen Heldentaten erwarten.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die deutschen Superbike-Freaks vielleicht vor einem großen Jahr. Max Neukirchner auf seiner Suzuki und auch das BMW-Alpha-Racing-Team scheinen zu allen Heldentaten bereit zu sein.

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