Superbike-WM und Supersport-WM in Phillip Island/AUS (Archivversion) Max Factor

Der Premierensieg sowie ein zweiter Platz beim Auftakt der Superbike-WM in Qatar hatten Ex-MotoGP-Star Max Biaggi so richtig in Fahrt gebracht. In Australien glühte er im ersten Rennen auf Rang drei, und obwohl er das Podest im zweiten Lauf knapp verpasste, sorgte der Römer doch für Spannung. Der Kampf mit den Yamaha-Werkspiloten Noriyuki Haga und Troy Corser war so erbittert, dass Corser beim Einbiegen auf die Zielgerade der Platz nicht reichte. Mit voll geöffnetem Gasgriff geriet der Australier von der Piste ab und wirbelte eine gewaltige Staubwolke auf, bevor er sich wieder einfädeln konnte. Am Schluss wurde er mir verbrauchtem Hinterreifen Fünfter, Biaggi kam um einen Hauch hinter Haga als Vierter ins Ziel.
»An Siege war heute nicht zu denken, Ducati und die perfekt ausbalancierte Honda von James Toseland waren hier auf
einem anderen Niveau. Ich hatte das ganze Wochenende kein richtiges Gefühl für das Vorderrad, fiel deshalb zu Beginn zurück und bin dann sehr aggressiv gefahren, um wieder aufzuholen. Am Schluss fehlte mir der Grip«, erläuterte Biaggi seine knappe Niederlage. Der gefallene MotoGP-Held be-
schreibt die Superbike-WM in allen Interviews als seine »Gegenwart und Zukunft« und schwärmt, er hätte schon vor fünf
Jahren gewechselt, wenn er gewusst hätte, wie toll diese Szene ist. »Ich hatte zwei MotoGP-Angebote, doch es ist mir lieber, hier mit echten Siegchancen anzutreten als dort mit Glück gelegentlich Fünfter
zu werden«, hakte er die Gespräche mit Pramac-Ducati und Ilmor GP ab.
Kaum einen Wimpernschlag weiter hinten im Feld sorgt auch Max Neukirchner für Stimmung. Der einzige Deutsche stieß wie bereits in Qatar in beiden Läufen in die Top Ten vor. War die Fahrt zum achten Rang im ersten Lauf noch »konservativ«, weil seine harten Reifen erst allmählich
die nötige Haftung aufbauten, konnte er
im zweiten Rennen bei höheren Asphalttemperaturen beherzter ans Gas gehen. Beim Finale wurde dann den Zuschauern ganz warm ums Herz: Neukirchner war wie Biaggi in einen Dreikampf verwickelt und verteidigte sich gegen die Italiener Lorenzo Lanzi und Michel Fabrizio mit solcher
Inbrunst, dass sein Motorrad in der vorletzten Kurve gewaltig auskeilte. Dennoch schaffte er es, mit Fabrizio zu einem Fotofinish gleichzuziehen, wurde aber hinter diesem als Neunter gewertet.
Show, Spannung, Drama und Erfolg also auf der ganzen Linie, weshalb sich auch die Teamchefs begeistert die Hände reiben. So zum Beispiel Alstare-Suzuki-Boss Francis Batta, der keinen Geringe-
ren als Troy Corser gefeuert hat, um Max Biaggi unter Vertrag nehmen zu können. Dabei ging er ein erhebliches Risiko ein. Der Erwartungsdruck insbesondere der italienischen Fans und Medien war enorm, doch bislang herrscht eitel Sonnenschein.
Für Suzuki-Deutschland-Direktor Bert Poensgen und Suzuki-Germany-Teammanager Mario Rubatto geht es noch nicht um Siege, sondern darum, die starken
Resultate ihres Schützlings Max Neukirchner auf hohem Niveau zu stabilisieren. Ob der zweite Lauf von Australien nun mit
einem achten oder einem neunten Platz endete, ist dabei weniger entscheidend.
Eher schon der Umstand, dass die Luft nach oben ohne Werksmaterial und ohne Millionenbudget dünn wird. Neukirchner fehlen zehn bis 15 PS, und er hat keine Traktionskontrolle. Obwohl das »Dream Team« mit Rubattos altem Freund, dem schwäbischen Motorenspezialisten Kurt Stückle, aufrüsten und die Serienkolben durch hochverdichtende Rennkolben ersetzen wird sowie Bosch ein modernes Motorenmanagement zur Verfügung stellen will, weiß Rubatto: »Wir dürfen nicht zu viel auf einmal ändern. Das kann uns leicht
zurückwerfen.« Denn besseres Material ist meist auch komplizierter ab-
zustimmen und verlangt nach zusätzlicher Manpower, mehr Tests und größerem
Budget. Das aber fehlt – die von Suzuki Deutschland bezahlten Gebrauchtmaschinen und 350000 Euro Sponsorgeld müssen für die WM-Saison irgendwie reichen.
Allerdings zeichnen sich Zukunftsperspektiven ab. Das Netzwerk, das Rubatto und Poensgen aufgezogen haben, wird mit jedem Achtungserfolg stärker. Wenn es so weitergeht, wird sich entweder ein großer Sponsor oder ein namhaftes Werksteam melden. Denn Neukirchners Fahrkönnen ist über alle Zweifel erhaben. »Max fährt sauber, exakt und kontrolliert«, beobachtet Rubatto. »Die Pirelli-Reifen bauen für seinen Fahrstil zu wenig seitlichen Grip auf. Trotzdem ist Max in den Kurven so schnell wie Bayliss oder Toseland.«
Das will etwas heißen, nachdem die beiden großen Stars in Phillip Island als Klasse für sich auftraten und den Rest des Felds in Grund und Boden fuhren. Weltmeister Bayliss gewann das erste Rennen, in dem Toseland lange führte, dann aber mit verbrauchtem Hinterreifen zurückstecken musste. Im zweiten Rennen drosselte der junge Engländer das Tempo geschickt. Bayliss ging einmal kurz in Führung, um seinen Rivalen angesichts des aufholenden Verfolgerfelds zu etwas größerer Eile zu ermuntern. Toseland widerstand der Versuchung und zog erst mit einem perfekt getimten Endspurt in den letzten fünf Runden unwiderstehlich davon. »Ich hätte auch keine Chance gehabt, wenn ich
an ihm vorbeigefahren wäre«, meinte der geschlagene Bayliss. »Toseland ist mein härtester Gegner. Ich werde ihm in jedem Rennen, jeder Runde und jeder Kurve so viel Druck machen wie nur möglich. Doch vermutlich mache ich ihn dadurch nur noch stärker«, grinste er.
Das Ducati-Werksteam zu besiegen war dem Honda-Piloten Toseland bedeutend wichtiger als etwa der Sieg über Max Biaggi in Qatar. Nachdem er 2004 noch als bis dato jüngster Superbike-Weltmeister gefeiert worden war, hatte Ducati ihn Ende 2005 sang- und klanglos fallen lassen. Mit den Italienern hat Toseland seither nicht mehr viel zu tun, Ende 2006 schlug er ein MotoGP-Angebot von Pramac-Ducati aus. »Natürlich ist MotoGP mein Ziel – aber nur in einem offiziellen Werksteam«, erklärte er damals. Jetzt genießt er erst einmal die Superbike-Siege: Nach seinem Triumph über Bayliss war Toseland so begeistert, dass er noch mit einer nackten Stange
in der Luft herumstocherte, als die von
einem Fan überreichte England-Fahne längst heruntergefallen war.

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