Supermoto in Las Vegas/USA (Archivversion) Auf«m Sprung

Fast vergessen. Superbikers nannte sich vor 25 Jahren das erste Supermoto der Geschichte – ausgetragen in Kalifornien. Nun kehrt die in Europa etablierte Disziplin über den Großen Teich zurück und ist auf dem Sprung, die USA zurückzuerobern.

Grellbunt flimmernde Leuchtreklamen, gigantische Hotelburgen, Spielsalons ohne Sperrstunde – Las Vegas, die typisch amerikanische Mischung aus Disneyland und Edel-Ballermann für jährlich 30 Millionen Touristen. So laut und aufdringlich, dass selbst ein Motorradrennen auf einem Parkplatz 300 Meter hinter dem Nobel-
Hotel Bally’s an der Prachtmeile kaum wahrgenommen wurde. Lediglich 4000 statt der erwarteten 20000 Fans hatte es trotz kostenlosen Eintritts zum Finale der US-Supermoto-Meisterschaft an die 1400 Meter lange Strecke gelockt.
Vielleicht war es diese unerwartet familiäre Atmosphäre, wegen der Jeff Ward sich gemütlich zurücklehnte und das anerkennende »well done«, gut gemacht, der Fans kaum registrierte. US-Supermoto-Champion 2004. Für einen wie ihn kein Triumph, um die Welt zu umarmen. Verständlich, nach fünf Motocross- und zwei Supercross-Titeln, die ihn in den achtziger Jahren zum Offroad-Superstar und Multimillionär werden ließen. Die ihm die Popularität brachten, nach den Crosser-Tagen noch eine Automobil-Rennkarriere anzuhängen, während der er bei den legendären 500 Meilen von Indianapolis Platz zwei holte. Und doch bedeutete dieser Tag in Las Vegas dem 43-Jährigen offensichtlich viel: Der Kreis der ganz persönlichen Sportgeschichte hatte sich geschlossen.
Denn fast auf den Tag genau vor 25 Jahren hatte der Sohn schottischer Einwanderer quasi die Geburt der Supermoto-Disziplin hautnah miterlebt. Superbikers nannte der Fernsehsender ABC 1979 die Idee, die Größen des US-Motorradrennsports auf einem gemischten Asphalt-/
Offroad-Kurs im kalifornischen Carlsbad gegeneinander antreten zu lassen. Die Erinnerung an den damaligen Sieger, Motocrosser Kent Howerton, hat die Geschichte bereits verblassen lassen. Die an den 18-jährigen sommersprossigen Cross-Jungspund auf Platz drei weniger – selbst nach einem Vierteljahrhundert.
Warum auch immer – fast genauso lange hat dieser Sport gebraucht, um zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Doch nun war er wieder da, der Reimport aus dem alten Europa. Beinahe wie damals. Gierig auf-
gesogen von allen, die in den USA jemals
verschärft am Gasgriff gedreht hatten. Immerhin: Sieger in der Saison eins der US-Meisterschaft im vergangenen Jahr wurde der aktuelle Superbike-Star Ben Bostrom.
Von der Welle der jungen Begeisterung getragen und den mit insgesamt 700000 Dollar hochattraktiven Erfolgsprämien der Hersteller zusätzlich animiert, schwappten auch die arrivierten Stars der Branche aus Europa ins neue gelobte Land. Unter anderem Jürgen Künzel. Der Schwabe mag es, der Entwicklung dieser Disziplin immer einen Schritt voraus zu sein. Vor drei Jahren erster Supermoto-Profi Deutschlands, vor zwei Jahren erster deutscher Supermoto-Werksfahrer, im vergangenen Jahr bester deutschsprachiger WM-Pilot und heuer einer der ersten Ausländer, die sich in die junge amerikanische Supermoto-Meisterschaft wagten. Mit Erfolg. Vor dem Finale in Las Vegas führte der 30-Jährige die hubraumoffene, so genannte Unlimited-Klasse an, in der 450er-Kategorie lag der Modellathlet auf Platz zwei.
Mit dem Erfolg in Übersee jedoch teilt der Routinier die gemeinsamen Probleme der US- und europäischer Drifter: schlechte Trainingsmöglichkeiten. Kartpisten-Betreiber können sich in den Vereinigten Staaten, ebenfalls nicht immer für die Fußrasten-Schraddler erwärmen, von Industriegeländen oder Parkplätzen vertreiben Anwohner die lärmenden Gäste schnell. Abgesehen vom Outfit – die amerikanischen Kollegen schlüpfen statt in Lederkombis in mehr schlecht als recht schützende, leidlich
mit Leder kaschierte Offroadhosen beziehungsweise eine Protektoren-Weste unter dem Crosshemd – gleichen sich die
amerikanischen und europäischen Meisterschaften ohnehin relativ stark. Die Masse der lokalen Hobby-Rennen toppt die sechsteilige US-Meisterschaft, bei der sich einsame Rennen auf abgelegenen Kartstrecken mit Publikumsmagneten wie etwa dem Innenstadtkurs von Reno vor über
20000 Fans abwechseln.
Parallelen gibt es auch darin, dass sich die Supermoto-Stars der ersten Stunde allmählich mit ehrgeizigen Youngstern herumschlagen müssen. Mit Jungs wie dem 19-jährigen Dirttracker Benjamin Carlson oder dem erst 17-jährigen Crosser Chris Fillmore, die in ihrer allerersten Saison bereits gelegentlich aufs Supermoto-Siegertreppchen kletterten.
Was Gaststarter Alex Hofmann sicher nicht eingeplant hatte. Der derzeit einzige deutsche MotoGP-Pilot zeigte beachtenswertes Engagement, erschien in Las Vegas, stieg auf eine geliehene Kawasaki KLR 400 und verabschiedete sich erst
im letzten Hoffnungslauf aus dem Kampf um den Einzug in die Finalrennen. Den schaffte Jürgen Künzel zwar locker. Aber nachdem er sich in der 450er-Kategorie dem aggressiv fahrenden Ward geschlagen geben musste, platzte auch der Traum vom Titel in der großen Klasse. Nach
Trainingsbestzeit und klarer Führung brachte ein schnöder Plattfuß den bitter enttäuschten Schwaben um einen sicher geglaubten Titel. Den holte übrigens ausgerechnet Künzels direkter Vorgesetzter, KTM-Sportchef und Ex-Motocross-Vizeweltmeister Kurt Nicoll – zwei Tage vor
seinem vierzigsten Geburtstag.
Was Herrn Künzel trotz allem nicht zu sehr grämen muss. Im kommenden Jahr plant der Profi ein weiteres Mal den sportlichen Spagat zwischen der Supermoto-DM und dem US-Championat – inklusive eines neu in den Terminkalender aufgenommenen Rennens in der Innenstadt von Los Angeles. Nur: Chris, Benjamin und Co. werden sich die Lektionen, die ihnen die Euro-Drifter 2004 erteilt haben, bestimmt hinter die Ohren geschrieben haben.

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