Supermoto Stuttgart (Archivversion) Donner und Wetter

Beim zweiten Lauf zur internationalen deutschen Supermoto-Meisterschaft auf dem Cannstatter
Wasen in Stuttgart hat
es ganz gewaltig geknallt. Erst am Himmel, dann
auf der Strecke.

Es muss Neid gewesen sein, einfach der pure Neid. Wochenlang hatte eine Saharasonne auf Stuttgart heruntergebrutzelt und den Asphalt auf Backofen-Temperatur vorgeglüht. Dann aber, als die Supermoto-Singles sich fürs zweite Training zum internationalen deutschen Meisterschaftslauf am 14./15. Juni gerade warm donnern, zucken die Blitze, und von oben donnert es zurück. Gleich so, als wolle eine Schar schwer beleidigter Götter mal versuchen, ob sie nicht auch ein derartiges Gewitter zustande bringen, wie die Viertakt-Bolzen aus ihren offenen Rohren. Kurz darauf klatschen die Tropfen runter, jeder ein ganzes Glas füllend. Hagel prasselt dazwischen, der Blitz schlägt in einen Laternenpfahl, und nach zehn Minuten steht der komplette Kurs unter Wasser, knöcheltief. Netter Versuch. Geradezu jämmerlich jedoch und armselig gegen den Sturm, der zuvor über den Cannstatter Wasen, Stuttgarts urbanen Festplatz, gefegt war. Supermoto. Es kann jedes Gewitter nichts, aber auch gar nichts, als einfach nur abstinken. Abstinken gegen die in kaum zehn Meter Entfernung vorbeihämmernden 80-PS-Einzylinder, die den rund 12000 Zuschauern das Gedärm durchvibrieren und sie kurz in die Nähe der Taubheit brüllen. Brrrrrrooooäääääp-bropp-bropp-bropp-brrrrräääääääp! Was für ein verdammter Wahnsinnssound! Und was für verdammt schnelle, irre Freaks auf diesen Bolzen! Kommen in der Offroadpassage mit wild auskeilendem Heck aus dieser gezogenen 180-Grad-Rechts, tock, tock über eine Querrinne, und knallen, ohne auch nur einmal am Hahn zu zucken, über den sechs Meter langen und eineinhalb Meter hohen Schotterhügel. Um nach kurzem Flug gleich durch die nächste verdreckte Kurve zu wedeln, raus auf den Asphaltpart, rund 75 Prozent der knapp 1,5 Kilometer langen Strecke.Hängend, schlingernd, surfend aus dem Linksbogen, Tritt auf die Bremse, umlegen, leichter Schwung (aus der Hüfte? Wie zum Teufel machen die das?), zwei Gänge runterkloppen, das Heck schwenkt nach links rüber, gegenlenken und das Biest entschieden runterdrücken – du tust, was ich will, runter, runter, runter – bis es fast den Rahmen anschleift. Vorne voll verzögert jetzt, spitz hin zum Scheitelpunkt. Dann vollen Druck in Rasten und Gas, Gas, Gaaaaaaas! Raus aus der Spitze bei Start und Ziel das Federbein pumpend, der geschnittene Slick wimmernd, quietschend, rutschend, ganz gewaltig rutschend. Und? Und nur einen Wimpernschlag später erneut mit unbändig Druck die Gerade einfach so wegreißen. Auf die nächste Kurve zu, die 90-Grad, am Ende von Start-Ziel, wo sich bestätigt, was bislang nur Verdacht war: Es gibt tatsächlich kein Gesetz, das besagt: Wenn du bei 140 Sachen herzlich auf die hintere Bremse steigst, das Motorrad auf 60 Grad abwinkelst, am Gas bleibst und gegenlenkst, muss es dich zwangsläufig auf die Klappe schlagen. Aber es gibt wohl eine Regel, die besagt: Wenn du eben dieses tust, kannst du im Höllendrift einer Schildkröte unterm Bauch durchfahren. Wenn du’s kannst.So wie die Cracks der Cracks. So wie Jürgen Künzel, einziger deutscher Vollprofi und amtierender Meister. So wie Bernd Hiemer, der lulatschige Twen, den alle als kommenden Superstar sehen, weil so mühelos wie spektakulär driftend. So wie Petr Vorlicek, der Tscheche, der Führende in der Meisterschaft. So wie Vierfach-Champion Harald Ott, wie Klaus Kinigadner, Meik Appel, Achim Trinkner. Oder so wie Max Manzo. Der Vertemati-Bändiger kommt mit einer Referenz, die die übrigen Sieganwärter schlicht anstacheln muss. Er kommt als WM-Leader. Nicht eben ein Nasenbohrer-Prädikat, wie der Italiener denn auch gleich im ersten freien Training – da war’s noch trocken – klar stellt. Sticht sofort in die Ecken, spielerisch, locker, als wäre so was wie Streckenkenntnis nur unnützer Ballast, tanzt auf dem Hinterrad aus der Kurve und muss in 1.12,16 Minuten am Ende Künzel (1.11,99) und dem mit einer Rundenzeit von 1.10,85 Schnellsten, Bernd Hiemer, den Vortritt lassen. Den 36-Jährigen aus Varese verstimmt das nicht, ebenso wenig, wie der Wolkenbruch vor dem zweiten Training: »Il piove, eh. Non c’é problema.« Es regnet halt. Kein Problem. Und, vinci domani? Gewinnt er morgen? »Ooohh«, Schultern hochziehen, Marlboro aus dem Mund, »no lo so«. Er weiß es nicht, ist mal herge-kommen, weil es in Italien so lange kein Rennen gab, und das Stuttgarter Event sei »molto bello«, klasse und...Gewinnt er morgen? »Aaaah, es ist ein Prestigeduell, ich probier’s auf jeden Fall.« Grazie mille, was für ein sympathischer Zeitgenosse, aber festlegen will er sich nicht. Kinigadner wird am Sonntag konkreter, irgendwie, auf seine Weise. Treppchen? »Wenn die Möglichkeit besteht, so will ich eine gewisse Absicht nicht ausschließen, dies in Erwägung ziehen zu wollen. Und am liebsten natürlich in die Mitte.« Durchaus realistisch, dieser Wunsch. Denn nach der Qualifikation konnte der Österreicher sich zum Rennen gleich neben den Trainingsschnellsten Künzel und den zweiten Hiemer in die erste Reihe stellen. Schon beim morgendlichen Warm-up hatte sich diese Reihenfolge abgezeichnet. Und noch was: ähnlich düstere Wolken am Himmel wie am Vortag. Auch dieser neuerlichen Drohung allerdings ballert es aus den Endrohren entgegen, wie aus abgesägten Schrot-flinten, in jeder Sekunde Tausende Explo-sionen, Tausende Donnerschläge, dazwischen die ersten Fanfaren. Das, Freunde im Himmel, ist ein Gewitter. Das ist ein Gewitter. Und, als hätte man’s weiter oben endlich eingesehen, schummelt sich das Gewölk schließlich sonst wo hin. Als der Starter die Strecke frei gibt, könnte es heißer nicht sein. Noch ist die Ampel rot, ein Handteller-großes, rotes Leuchten, das durch die Hitze flimmert, ewige drei Sekunden lang. Dann! Endlich! Grün! Brrrrrrääääääääääääp!!!! In die erste Kurve, Sechs vor Eins, Gelb vor Orange, Hiemer vor Künzel. Dahinter Kinigadner. Die Zeiten fallen unter 1.12 Minuten, die Reihenfolge bleibt, und bis zur letzten Runde setzen sich die beiden Führenden, obwohl übers ganze Rennen nahezu ineinander verkeilt, um fast sechs Sekunden von Kinigadner ab. Also kein Platz in der Mitte: »Der Lauf«, sagt er anschließend klatschnass, »war so viel länger als normale 15 Minuten. Die Hitze.« Und Manzo, der WM-Leader? Wurde langsamer und langsamer und rollt nach 13 Runden raus. »La macchina.« Kein Ärger mit dem Regen, aber ab und an mit der Vertemati.Im zweiten Rennen drängelt sich der Italiener von Startplatz sieben auf fünf, um mit seinen Zeiten, so elegant und weich wie sonst keiner slidend, sogar schon mal Richtung Podest zu fühlen. Bis ihn der Computer in Runde sechs nach hinten durchreicht, ganz nach hinten. »Merda«, Plattfuß. Manzo schiebt gerade sein Motorrad ins Fahrerlager zurück, da purzelt Jungspund Hiemer das zweite Mal in diesem Lauf von dem seinen, was ihn bis auf den 13. Rang zurückwirft. Während er sich daran begibt aus 13 acht zu machen, schleicht sich heimlich, still und leise die Luft aus dem Hinterreifen von Jürgen Künzels KTM, weshalb die Reihenfolge im Ziel nicht eins, vier, fünf, sieben heißt, sondern vier, fünf, sieben: Kinigadner, Ott, Appel. Na prima, da hat er’s also, sein Treppenplätzchen in der Mitte, der Tiroler. Und die DM-Führung gleich mit dazu. Vor dem Lorbeer dafür setzte es die obligatorische Show – Wheelies, sitzend, stehend, Stoppies, Pirouetten. Und ordentlich Burnouts mit einer letzten Botschaft an die kleinlauten Herren Götter nach oben: Wir beim Supermoto fabrizieren nicht nur die brachialeren Gewitter, un-sere Wolken sind auch schöner. Und sie riechen nach was.

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