Supermoto-WM in Latina/I (Archivversion) Völlig losgelöst

Volle Konzentration, schiere Perfektion und pure Passion: Mit unorthodoxen Trainingsmethoden setzt der Allgäuer Bernd Hiemer die Konkurrenz in Erstaunen – und sich selbst die Weltmeisterkrone auf.

Als er ganz oben auf dem Siegerpodest steht, fällt endlich die enorme Anspannung des ganzen langen Rennwochenendes von ihm ab: Bernd Hiemer, frisch gebackener Supermoto-Weltmeister, schreit sein Glück aus voller Kehle heraus, johlt und jubelt mit seinem begeisterten Team um die Wette.
Bereits bei der vorletzten Veranstaltung der Saison hat der junge KTM-Pilot seinen ersten Titel in der Open-Klasse (S1) klargemacht und auf dem Kurs von Latina, rund 80 Kilometer südlich von Rom, einen nahezu perfekten Auftritt hingelegt. Das ging schon am Sonntagmorgen los, als er mit deutlichem Abstand die Superpole holt. 44 Punkte Vorsprung auf Titelrivale Ivan Lazzarini (Husqvarna), insgesamt noch vier Läufe mit je 25 möglichen Punkten bei den beiden Supermoto-Auftritten bis zum Saisonende – andere Fahrer hätten sich da entspannt zurückgelehnt. Nicht so der 23-jährige Hiemer: »Gerade bei Supermoto-Rennen kann es schnell schief gehen. Das habe ich am letzten Wochenende in Busca gesehen.«
Die beiden Läufe im Piemont eine Woche zuvor sitzen dem Allgäuer in Latina noch sichtlich in den Knochen. »Da war ich zu lässig, und die Quittung habe ich prompt gekriegt, mit einem dritten und einem vierten Platz.« Das soll nicht noch mal passieren, deshalb zieht Hiemer wie ein Uhrwerk sein Programm durch: Radfahren auf dem Hometrainer direkt nach der Superpole zum »Runterkommen«, ein Teller Nudeln, Entspannung mit voll aufgedrehter Techno-Musik, noch mal Radfahren.
Dann, kurz vor dem Start des ersten Laufs, sein ganz spezielles Training, das der Konkurrenz größte Rätsel aufgibt. In voller Rennmontur geht Hiemer zum Vorstart, wo die Motorräder aufgereiht stehen, seine Freundin Natascha hält ihm einen Zettel mit Pfeilen vor die Nase, und schon beginnt der Mann aus Leutkirch, sich wie in Trance zu bewegen. Völlig losgelöst
und unbeeindruckt vom hektischen Startgeschehen schließt er die Augen, atmet tief durch, hebt abwechselnd Arme und Beine, kreist mit dem Oberkörper. Der Streckensprecher teilt derweil dem andächtig lauschenden Publikum mit, dass Hiemer gerade einen exakten Plan der Rennstrecke auswendig lerne.
»Das hat der wirklich gesagt?« fragt Hiemer später lachend. »Unsinn. Das ist ein Programm, das die Trainer von KTM-Sponsor Red Bull für mich ausgearbeitet haben.« Jeder Pfeil steht für eine bestimmte Bewegung und Blickrichtung, das Programm dient der Konzentration und der besseren Koordination der beiden Gehirnhälften. Es scheint zu funktionieren: Im ersten Lauf in Latina legt Hiemer einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg hin. Einen Punkt mehr als Lazzarini muss er im zweiten Lauf noch schaffen, dann ist er Weltmeister.
Dennoch bleibt der Pilot selbst höchst nervös. »Ach was, das packt er heute«, gibt sich derweil Mechaniker Robert überzeugt, der Hiemers 630er-KTM für ihren zweiten Auftritt an diesem Tag rüstet. »Ich kenne keinen anderen Fahrer, der sein Engagement so ernst nimmt. Klar braucht ein Supermoto-Pilot Talent, aber allein damit schafft man keine Top-Ergebnisse.« Die kann Bernd Hiemer vorweisen. Der Allgäuer kam über seinen crossenden Vater zum Sport. Schon mit zehn Jahren unternahm er seine ersten Motocross-Versuche, wurde 1996 schwäbischer Meister in der 80er-Klasse. 2001 wechselte er
zu den Supermotos, wurde europäischer, deutscher sowie österreichischer Meister und holte 2005 den Vize-WM-Titel.
Heute soll die Krone her. Im zweiten Lauf sieht es zunächst wieder nach einem sicheren Sieg aus, doch in der zehnten Runde startet die Konkurrenz eingangs des Offroad-Teils der Strecke eine Attacke – gleich drei Fahrer ziehen an Hiemer vorbei. Der KTM-Pilot behält die Nerven, greift drei Runden vor Schluss seinerseits an.
Im Getümmel kommt er an fast allen wieder vorbei, nur Simone Girolami entwischt. »Egal«, sprudelt es aus ihm heraus, »jetzt bin ich tatsächlich Weltmeister.«
Einziger Wermutstropfen an diesem Tag: Er hat das letzte Rennen der deutschen Supermoto-Meisterschaft verpasst, das zeitgleich auf der Intermot in Köln stattfindet. Leid tut ihm das besonders für seine vielen deutschen Fans, mit denen der Asphalt-Surfer auch per Internet (www. bernd-hiemer.de) kommuniziert. »Nächstes Jahr starte ich nämlich nicht mehr in der deutschen, sondern in der italienischen Meisterschaft. Da ist die Konkurrenz viel härter, das ist ein besseres Training für die WM.« Mit seinem ganzen Team zieht er deshalb zu KTM Italien nach Bergamo um.
Der größte Wechsel in Hiemers junger Karriere betrifft allerdings die Klasse, denn 2007 startet er statt in der Open- in der Prestige-Klasse. Der Hubraumwechsel von 630 zu 450 cm³ wäre in anderen Rennserien ein Abstieg, nicht jedoch in der Supermoto-WM: »In der Open gibt es fast nur europäische Hersteller, also KTM, Aprilia und Husqvarna«, erklärt der Neu-Weltmeister. »Bei den 450ern dagegen fahren auch die Japaner mit, ein Titelgewinn dort zählt daher mehr.«
Seine künftigen Gegner konnte Hiemer in Latina schon besichtigen: In der
Prestige-Klasse holte sich Aprilia dort den
Konstrukteurs-Titel, die Fahrer-WM hat
der italienische Hersteller ebenfalls sicher, denn die Entscheidung fällt beim letzten Rennen am 5. November in Athen zwischen den beiden Werkspiloten Thierry van den Bosch und Jerome Giraudo. Für Athen hat sich aber auch der ehrgeizige Hiemer noch etwas vorgenommen: nämlich den Kontrukteurstitel für KTM einzufahren.

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