Supermoto-WM in Namur/Belgien (Archivversion) Schleuder-Trauma

Die Veranstaltung hätte ein Schlager werden können. Die besten Motocross- und Supermoto-Cracks zur Premiere im Doppelpack auf der Zitadelle von Namur. Doch aus dem Traum wurde ein Trauma – zumindest für die Supermoto-Drifter.

Wie heißt es doch so schön: Vorfreude ist die schönste Freude. Verständlich, dass gerade der belgische Lauf zur Supermoto-WM in dieser Saison die Drift-Liga schon früh in Begeisterung versetzte. Ausgerechnet in Namur, bei
dem Klassiker der Motocross-Weltmeisterschaft, diesem vor zigtausend Fans im Stadtpark rund um die Zitadelle der wallonischen Metropole inszenierten Offroad-Happening, sollten sie gemeinsam mit den Motocross-WM-Stars auftreten.
Doch so viel dieser Plan auch versprach – er hielt wenig. Eingezwängt zwischen die Trassen der Motocross-Piste, gerade mal 1000 Meter lang und mit gut
60 Prozent Offroad-Anteil obendrein völ-
lig untypisch für diese Disziplin konzipiert, schlängelte sich die Supermoto-Piste über den Start-Ziel-Bereich auf dem ehemali-
gen Exerzierplatz, der so genannten Esplanade. Genauso lieblos war der Zeitplan: Trainings am Freitag vor Geisterkulisse, die Rennen zwischen die Cross-Läufe hineingepresst oder ganz ans Ende der Veranstaltung verbannt.
Der Hintergrund für den gemeinsamen Auftritt: Sowohl die Motocross- als auch die Supermoto-WM werden von der italo-französischen Agentur Youthstream vermarktet. Doch die bewies für die Drifter
wenig Geschick (siehe Interview Seite 195). Ein seit Jahren instabiler Terminkalender lässt die Szene nicht zur Ruhe kommen. Selbst das vermeintliche Schmankerl in Namur entpuppte sich letztlich als Notnagel. Der Eindruck, dass Youthstream lediglich einen weiteren WM-Lauf kostengünstig abwickeln wollte, ließ sich kaum verbergen.
Seinen Teil zum Stimmungsumschwung der Drifterszene trug schließlich das berüchtigte belgische Schmuddelwetter bei. Regenschauer weichten die Piste jeweils just vor den Supermoto-Auftritten auf. Die oft piekfein präparierten Supermoto-Bikes verwandelten sich in graubraun überzogene Rat-Bikes. Was gerade für die wenigen, dafür mit umso mehr Herzblut agierenden Werksteams im Drifter-Milieu einen Tiefschlag bedeutete. »Für uns ist dieser Sport sehr wichtig. Damit wollen wir für unsere Motorräder ein junges Image kreieren. Mit Fotos von dreckverkrusteten Fahrern erreichen wir das Gegenteil«, erklärt Ennio Marchesin, Teamchef von Aprilia.
In der Tat sorgen die Italiener mit ihren Zweizylinder-Modellen technisch für Furore. Mit der SXV 4.5 (Fahrbericht in MOTORRAD 3/2005), einem originellen Konzept
mit wassergekühltem Zweizylinder-V-Motor und Rahmen aus einer Mischung aus
Alu-Gussteilen und Gitterrohr-Konstruktion, sahnte Aprilia im vergangenen Jahr auf
Anhieb den WM-Titel in der S2-Klasse, der 450er-Kategorie ab.
Apropos Italien. Seit die italienischen Hersteller an der 17-Zoll-Fraktion Gefallen gefunden haben, hat sich die ursprünglich in Frankreich beheimatete Supermoto-
Bewegung auf die Apenninen-Halbinsel verlagert. Aprilia sowie Husqvarna, die mit immerhin je vier Werkspiloten antreten,
TM Racing mit Rennsport-Urgestein Walter Bartolini, die reichlich abenteuerliche
Konstruktion von Exot Terra Modena unter dem Franzosen Alexandre Thiebault und einige erstaunlich aufwendig auftretende Privatteams kennen jedoch vor allem einen Gegner: KTM.
Auf der Basis einer passenden Modellpalette legten sich die Mannen aus Mattighofen nicht zuletzt durch ein äußerst professionelles Sport-Engagement ihre eigene Erfolgsspur. Zumal der WM-Titel des Franzosen Thierry van den Bosch in der hubraumoffenen S1-Klasse im vergangenen Jahr nun auch von einem jungen Deutschen mitverteidigt wird – Bernd Hiemer.
Und der einzige schwarz-rot-goldene Starter in der WM boxte sich an diesem Wochenende hoch über der Maas – ganz im Gegensatz zum Rennveranstalter –
tatsächlich gegen alle Widerstände mit
beeindruckendem Engagement durch. Eingebremst von einer Knochenabsplitterung am Oberschenkel vom ersten Training und einer gebrochenen Ferse im Warm-Up vor dem zweiten Lauf, zeigte der 22-Jährige
in den Rennen eine kaum für vorstellbar gehaltene Härte. Platz vier unter der samstäglichen Sintflut krönte sogar noch der unter unter diesen Umständen durchaus heldenhaft erkämpfte dritte Rang im zweiten Lauf am Sonntag. Beide zusammen verschaffen dem jungen Mann aus dem Allgäu die beeindruckende dritte Position in der WM-Zwischenwertung.
Was allerdings nicht ausreichte, um die skeptische Motocross-Fangemeinde von seiner Disziplin zu überzeugen. Denn statt der »Generation Supermoto« mit Hiemer, der französischen Hoffnung Fabrice Lecoanet oder dem 20-jährigen Briten Chris Iddon lagen alte Bekannte vorn. Die Namen des S1-Doppelsiegers Gérald Délépine
sowie die der S2-Laufgewinner Andrea Bartolini und Thierry Godfroid sind auch der Motocross-Gemeinde ein Begriff – von den Siegerehrungen der Motocross-WM in Namur in den 80er und 90er Jahren.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel