Supersport-WM in Oschersleben (Archivversion) Weg mit dem Fluch

Jörg Teuchert, der Supersport-Weltmeister des Jahres 2000, ist ein kommunikationsfreudiger Mensch. Bei einem Thema allerdings versiegt sein Informationssprudel abrupt. »Nein, von mir hörst du nichts zum so genannten Fluch von Oschersleben«, wird der Franke kategorisch, »okay, wir haben hier in der Vergangenheit nie gut ausgesehen. Aber das ist vorbei und hat mit unserer aktuellen Performance überhaupt nichts zu tun.« »Ganz egal, ob Fluch oder nicht«, so Teamchef Terrell Thien, »wir müssen auch und gerade vor unseren heimischen Fans eine perfekte Leistung zeigen. Und auf diesem Weg, da hat Jörg absolut Recht, hilft uns akribisches und professionelles Arbeiten weit mehr als Esoterik.« Bei einem Jahresbudget im siebenstelligen Euro-Bereich und, einschließlich der Fahrer, zwölf fest angestellten Mitarbeitern hat Esoterik tatsächlich keine Berechtigung.Die überaus genaue Arbeit eines hochprofessionellen WM-Teams mit Werksunterstützung beginnt natürlich weit früher als am Freitagmorgen vor dem Rennen, wenn die Ampel für das erste freie Training auf Grün schaltet. »Wir waren in diesem Jahr schon dreimal hier in Oschersleben zum Testen«, erklärt der aus Hessen stammende Teamchef mit US-Pass, »besonders wichtig dabei waren die letzten Erprobungsfahrten rund sechs Wochen vor dem Rennen, unmittelbar nach der Rückkehr von »Kelles« Sieg in Japan. Bei dieser Gelegenheit haben wir vor allem das Fahrwerk und die Reifen ganz hervorragend auf die doch sehr speziellen Verhältnisse hier im verwinkelten Motopark Oschersleben abstimmen können.«Dass dieser Aufwand dann an einem Rennwochenende noch einmal, unter leicht veränderten Voraussetzungen nachvollzogen werden muss, ist nichts außergewöhnliches. In Oschersleben kam es für die Yamaha-Deutschland-Truppe aber etwas heftiger. Reifenhersteller Dunlop hatte neben den bei den Tests herausgefilterten Reifenmischungen gleich eine ganze Reihe von brandneuen Alterna-tiven mit nach Oschersleben gebracht, die alle aussortiert werden wollten. »Und wenn du dann, wie es uns am Samstag hier passiert ist, noch Pech mit dem Wetter hast und durch den Regen fast einen ganzen Tag verlierst, wird die Aufgabe, sowohl eine perfekte Rennabstimmung zu finden als auch sich möglichst weit vorn zu qualifizieren, nicht gerade einfacher«, schildert Christian Kellner ein äußerst arbeitsreiches Wochenende.Die eh schon höchst intensiven Besprechungen im Team wurden noch tiefgründiger. Jeder Fahrer hat nach jedem Training einen eigenen Termin in der Runde mit Boss Thien, Motorenmann Markus Eschenbacher, Fahrwerks-Techniker und Ex-Rennfahrer René Schmidt, Datarecording-Spezialist Harry Kleinmann sowie den externen Fachbetreuern von Fahrwerksausrüster WP und eben Dunlop. »Ganz entscheidend bei diesen Meetings ist, dass nicht rumtaktiert wird, sondern alles auf den Tisch kommt, was uns bremst oder beflügelt«, philosophiert Terrell Thien.In Oschersleben waren für beides die Reifen zuständig. Irgendwann entschieden sich wohl Teuchert wie Kellner, dass angesichts des regenbedingten zeitlichen Engpasses die Rennabstimmung Priorität vor einem gewalttätigen Qualifying haben soll, was dann zu eher durchwachsenen Samstagsbilanzen führte. »Mein Motorrad steht jetzt perfekt da für das Rennen morgen. Die letztlich gewählten Reifen harmonieren sehr gut und werden auch bei Hitze die Renndistanz durchhalten«, freute sich Teuchert, »aber ich stehe halt da hinten in der fünften Reihe. Das ist mal wieder ein weiter Weg nach vorn.«Christian Kellner sah die Sache ein wenig differenzierter: »Ich bin auf Rennreifen klar schneller als mit den Qualifyern. Das sollte eigentlich nicht so sein. Zwar bin ich mit dem Renn-Set-up sehr zufrieden, aber bei der Zeitenjagd für die Startaufstellung, da muss ich mir wohl ernsthaft was einfallen lassen.«Und für diesen eher nicht-technischen Bereich gibt es im Yamaha-Deutschland-Team ebenfalls einen Spezialisten. Der österreichische Physiotherapeut Martin Grill betreut, pikanterweise neben den Fahrern des konkurrierenden Teams Klaffenböck-Honda, die beiden deutschen Yamaha-Helden, was den physischen und mentalen Bereich angeht, während der Rennwochenenden und darüber hinaus. Seinen deutschen Schützlingen stellt er diesbezüglich ein sehr gutes Zeugnis aus. »Die Jungs nehmen ihre eigene persönliche Vorbereitung auf die Rennen sehr ernst und haben trotzdem noch Spaß dabei. Sonst wäre es kaum möglich, dass wir von ihnen immer wie-der solch beeindruckende Aufholjagden sehen«, stellt Grill klar.Der gute Geist im Team sollte dies-mal ebenfalls Recht behalten. Von ihren mäßigen Startplätzen, Teuchert war 17. und Kellner 16., fuhren die beiden auf die Ränge sieben und acht vor, Kellner gar noch über den Umweg eines Ausrittes, der ihn vorübergehend weit in die 20er-Ränge gestürzt hatte. Erstmals waren in Oschersleben beide Yamaha-Deutschland-Fahrer im Ziel. Und jetzt war auch Meister Teuchert bereit zu reden: »Der Fluch ist besiegt, basta.“

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