Suzuki GSX-R European Cup 2007 (Archivversion) Nationalmannschaft

Acht von über 250 potenziellen Nachwuchsrennfahrern, die sich auf die Ausschreibung in MOTORRAD meldeten, wurden zur finalen Bewertung nach Almeria eingeladen. Die drei Besten starten als deutsches Team 2007 im Rahmen der Superbike-WM.

Zwei Tage Motorrad fahren auf der Rennstrecke von Almeria, in Andalusien im Süden Spaniens gelegen, wo eigentlich immer ideale Motorrad-Temperaturen herrschen – das stand auf dem Programm für die acht Finalisten. Dazu sonnigste Aussichten für die drei Bes-
ten: sechs GSX-R-Cup-Rennen im Umfeld
der Superbike-WM, ohne jegliche Kosten außer den individuellen Reisespesen.
Trotzdem zitterten die mehr oder weniger hoffnungsfrohen Jünglinge vor dem Startschuss auf dem Circuito de Almeria, jedoch mehr vor Kälte als vor Aufregung. Denn 50 Kilometer nordöstlich der namensgebenden Mittelmeer-Hafenstadt auf durchschnittlich 555 Meter Meershöhe war es um den Jahreswechsel unwirtlich kalt.
Doch der Nachwuchsachter kam ziemlich schnell auf Betriebstemperatur. Ausgerüstet mit Suzuki GSX-R-750-Serienmaschinen, Geräten also, die weitgehend den tatsächlichen Cup-Maschinen entsprechen, zwei Satz Reifen pro Fahrer,
die in freier Weise eingesetzt werden konnten, hatten die Jungs reichlich Zeit zum Fahren, annähernd zweieinhalb Stunden an jedem der beiden Tage. Das GSX-R-Fahrwerk durften die Novizen dabei nach Gutdünken verstellen, nicht aber Fahrwerkselemente austauschen. Außerdem war ein Helfer genehmigt.
Der Jury, besetzt mit den Suzuki-Vertragsfahrern Max Neukirchner, Andreas Meklau und Christian Kellner, dem Suzuki International Europe-Verkaufsdirektor Bert Poensgen, seinem IDM-Teammanager Thomas Hannecke und MOTORRAD-Redakteur Michael Rohrer, war nicht nur
die schnellste Rundenzeit als isolierte
Einzelleistung wichtig, sondern vor allem die Entwicklung jedes einzelnen Fahrers während der zwei Rennstreckentage.
Klarer Favorit war Dominic Lammert. Schließlich fuhr er den European-GSX-R-Cup bereits 2005 und belegte als damals 17-Jähriger den guten siebten Gesamtrang. 2006 konzentrierte sich Lammert auf die IDM-Superbike, erlebte jedoch auf seiner Suzuki GSX-R 1000 als 15. der Jahresendwertung eine eher durchwachsene Saison. »Grund genug, sich 2007 neben der IDM-Superbike erneut um den European-Cup zu bemühen«, so Lammert.
Mit seiner besten Rundenzeit, 1.45,399 Minuten, war Lammert in Almeria um ganze zwei Sekunden schneller als sämtliche
Mitbewerber. Noch beeindruckender aber war seine Vorstellung in der abschließenden Rennsimulation. Die Finalteilnehmer wurden auf sieben zusammenhängende Runden geschickt. Dominic Lammert realisierte selbst unter den etwas verschärften Bedingungen weiterhin stabile Zeiten im Bereich von 1.46 Minuten: jede einzelne Runde schneller als alle seine Konkurrenten um die drei GSX-R-Cup-Startplätze.
Deutlich spannender und für die
Juroren auch wesentlich nervenaufreibender ging es dagegen bei der Besetzung
der beiden anderen Plätze im deutschen
Nationalteam für den GSX-R-Cup 2007 zu. Bei Halbzeit schien der 22-jährige Oliver Skach, als 19. der IDM-Superbike auf einer Suzuki GSX-R 1000 ebenfalls ein Mann mit reichlich Rennkilometern auf großen Viertakt-Rennern, sicher auf Erfolgskurs. Er war zu diesem Zeitpunkt sogar noch schneller als Lammert. Doch am zweiten Finaltag überschlugen sich die Ereignisse.
Skach hielt sich beim freien Fahren am Vormittag eigenartig zurück, um dann in den sieben Rennrunden alles wieder auf den Kopf zu stellen. Konstante Runden-zeiten, kaum langsamer als Spitzenmann Lammert und saubere Linien brachten für Oliver die Sache wieder ins Lot. Lammert und Skach – diese Auswahl war halbwegs vorhersehbar. Beide sind talentierte Fahrer, auf verschiedenen Suzuki-Rennmaschinen groß geworden und haben in der IDM bereits von sich reden gemacht.
Weitere Prognosen fuhr dagegen ein 18-jähriger Jungspund aus Niederbayern über den Haufen. Ohne jemals zuvor
ein Viertakt-Motorrad bewegt zu haben, setzte sich Florian Kresse auf die GSX-R 750 – an Rennerfahrung hatte er nicht
viel mehr aufzubieten als den 18. Platz in der IDM-125-Abschlusstabelle 2006. Nach vorsichtigem und unauffälligem Beginn fand sich der Nobody im Zwischenklassement mit Rundenzeiten im Bereich von 1.51,1 Minuten in den Rangliste fast aller Jury-Mitglieder eher diskret auf Position fünf wieder, quasi als Bester vom Rest, von dem für den zweiten Tag nicht mehr besonders viel erwartet wurde.
Mit dem etwas freundlicheren Wetter aber ging pünktlich zum Finale der Stern des Florian Kresse auf. Sämtliche Juroren, die nach den letzten Runden der Kan-
didaten von ihren jeweiligen Beobachtungsposten rund um die Strecke in den improvisierten Sitzungsraum im Suzuki-
IDM-Werkstattwagen zurückkamen, wussten Beeindruckendes von »dem Roten
da«, »ja, der eine mit ‚Flo’ hinten auf der
Kombi« zu berichten. Beispiel Andi Meklau: »Florian hat in diesem Feld die steilste Lernkurve gezeigt. In seinen ersten Runden hatte er noch großen Respekt vor
den 150 PS der GSX-R 750. Am Schluss gehörte er zu den Besten unter den Teilnehmern. Wenn der so weitermacht, muss sich auch Dominic Lammert bald warm
anziehen.«
Als dann die Rundenzeiten vorlagen, war endgültig klar: Florian Kresse muss mit in das deutsche GSX-R-Cup-Team. Auch die absoluten Zahlen bestätigten den Eindruck der Profi-Juroren. Kresse hatte sich über Nacht um zweieinhalb Sekunden verbessert und lag sowohl beim freien Fahren mit einer Bestzeit von 1.48,681 Minuten wie auch während der sieben zusammenhängenden Rennrunden jeweils auf Rang drei, zwar hinter Lammert und Skach, doch sicher vor allen anderen Kollegen, die zum Teil schon seit Jahren mit Viertakt-Rennmaschinen unterwegs sind.
Das deutsche Team des European-
Suzuki-Cup 2007 bilden also Dominic Lammert, Oliver Skach und Florian Kresse. Und den Heimreisefrust der übrigen fünf Teilnehmer konnte Suzuki-Direktor Bert Poensgen um einiges lindern. Beeindruckt vom gegenüber dem Vorjahr deutlich verbesserten Gesamtniveau der Nachwuchsrenner, spielte er verspätet Weihnachtsmann und zauberte vorher nicht angekündigte Trostpreise aus dem Sack. Max Weymann und Steven Michels dürfen
als quasi gemeinsam Viertplatzierte der
Almeria-Ausscheidung mit Wild Cards das deutsche GSX-R-Cup-Rennen im September auf dem Eurospeedway Lausitz mitfahren. Darüber hinaus erhielten sie, wie auch die restlichen Kandidaten Tobias Tettweiler, Lars Reichelt und Kevin Schmitt, die sozusagen gemeinsam auf Rang sechs kamen, einen Reisekostenzuschuss in Höhe von jeweils 300 Euro. Außerdem haben alle acht Finalisten schon jetzt die Zusage,
bei der Cup-Ausscheidung für 2008 als Teilnehmer gesetzt zu sein.
Für die Herren Lammert, Skach und Kresse begann die Cup-Rennsaison 2007 nur wenige Wochen nach dem Auswahl-
finale: Ende Januar mit einem viertägigen Training auf der spanischen Grand-Prix-Piste in Jerez unter der kundigen Anleitung von Andreas Meklau. Und wieder zeigte sich Andalusien von seiner schlechtesten Wetterseite. »Es hat fast die gesamten
vier Tage geregnet«, so Coach Meklau, »aber das hatte auch sein Gutes. Wir konnten die Jungs nunmehr auch unter diesen schwierigen Bedingungen unter
die Lupe nehmen, und ich bin inzwischen absolut sicher, dass unsere Fahrerauswahl keine Fehlentscheidung war.«
Noch vor Saisonbeginn am 13. bis
15. April auf der spanischen Grand-Prix-
Strecke Valencia wird das deutsche
European-GSX-R-Cup-Trio Anfang März
einen weiteren Trainingslehrgang auf dem
Pannoniaring in Ungarn absolvieren.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote