Valentino Rossi live (Archivversion) Rossi trifft Kölle

Wenn ein Weltmeister eine Weltstadt besucht, könnten die Massen in Wallung geraten. Köln berührt das nicht wirklich.

Foto: Yamaha
Lenz kalauert einen schlechten Witz nach dem anderen runter, bis ihm nichts mehr einfällt. "In zwanzig Minuten geht’s hier weiter!" rettet er sich vor dem gelangweilten Publikum. Nicht so einfach, Rossi-Fans in Köln zusammenzutrommeln. Ein paar Hundert spülte ein Online-Gewinnspiel her. Noch schwerer fällt es Lenz, sie ohne den Star bei Laune zu halten. Er ist eigentlich TV-Sprecher, was etwas anderes ist, als Alleinunterhalter auf dem Yamaha-Renntruck vor lebendem Publikum zu spielen.

Köln, das Festhaus Gürzenich, Herz des Rheinlands. Auf einem kleinen Vorplatz hat Yamaha sich viel Mühe gegeben. Stellt die ganze Modellpalette aus, vom Roller Tmax bis zum Supersportler R1. Ein paar Fans schleichen drum herum. Das Werbezelt der Messe Intermot interessiert niemand. Trotz attraktiver Hostessen.

Wo bleibt Rossi? Sei gerade erst in Italien losgeflogen, bedauert Karlheinz, Yamaha-Presse-Chef. Lenz sucht Musik. Noch zwei Stunden Zeit totschlagen, das wird hart.

Der Gürzenich wurde 1441 bis 1447 erbaut und weltweit berühmt, als 1999 der G8-Gipfel dort tagte. Die Kölner lieben ihn wegen der Prunksitzungen in der fünften Jahreszeit. Eine Verbindung zu Valentino Rossi zu finden fällt schwer. Nicht einmal Motorradparkplätze gibt es.


Der Doktor kommt in einem Van. Niemand erkennt ihn. Hinter dem Bau stehen ein paar Motorräder, Rossi setzt sich auf eine R1, vier Yamaha-Leute simulieren eine Begleitstaffel der Polizei. Lenz hat endlich was zu sagen. "Hier ist er, der siebenfache Weltmeister, der Doktor, Valentino Rossi!" Die Fans jubeln, endlich Stimmung. Auf einem Yamaha-Roller sitzend, gibt Rossi schließlich brav Antworten auf Fragen, die sich Lenz ausgedacht hat. Er scheint sich mindestens drei zurechtgelegt zu haben. Lenz kommentiert normalerweise die Superbike-Weltmeisterschaft, Rossi fährt in der MotoGP-Klasse. Da gehen die Themen schnell aus. Weshalb Lenz dann das Publikum auffordert, Fragen zu stellen. Viel mehr kommt von deren Seite auch nicht. Doch Rossi kann unendlich charmant plappern, setzt sein unendlich charmantes Lächeln dazu auf. Sein mit nettem italienischen Akzent versehenes Englisch sprudelt nur so. Das Publikum, vor allem das weibliche, schmilzt dahin.

20 Online-Gewinnspieler haben ein Foto mit dem Weltstar gewonnen. Rossi lächelt 20 Mal unendlich charmant in hundert Digitalkameras. Drückt aufgeregte 17-jährige Mädchen, signiert Modellverkleidungen, herzt einen dicken Jungen. Ein Profi in jeder Beziehung. Oder ist der wirklich so nett?

Lenz moderiert ab. "Tschüss, tschau, bye-bye!" Das Mikro ist aus, jetzt geht es an die Arbeit. Karlheinz hat drei Journalisten ausgewählt, die mit Rossi Mittagessen und ihn alles fragen dürfen. Bis auf die Steueraffäre, bei der der Star zig Millionen nachzahlen musste. Das Thema solle man besser nicht anschneiden. Die Kollegen machen sich bekannt. Arno vom Kölner Express, Jochen von der FAZ. Schumi ist das Thema, auf das man Rossi ansprechen will. Schumi fährt Motorradrennen, das sind Glücksthemen für Tageszeitungsmacher. Ob er vielleicht schwul ist? Sollte man besser nicht fragen. Lieber nach der Familienplanung abklopfen. Ob der überhaupt viel rauslässt? Technisch sollte man nicht werden, das verstehen die Tageszeitungsleser nicht. Nervosität breitet sich aus. Karlheinz begleitet zu Tisch, in einem langweiligen Nebenzimmer, kein Hauch von Gürzenich. Es ist eingedeckt für zehn Personen, Mittagessen mit Valentino Rossi, ist das überhaupt wahr?

Der Star kommt rein, seltsam gebückt, sagt kaum guten Tag. Ist der etwa schüchtern? Das Gefolge: eine Yamaha-Rennteam-Pressesprecherin, langhaarig, lächelnd, ein etwas kräftigerer italienischer Herr, keine Haare, nie lächelnd. Rossi verschwindet sofort wieder. Auch Weltmeister müssen mal. Der Ober serviert die Vorspeise, man setzt sich erst, als der Star Platz nimmt. Seltsam, ein Interview während des Mittagessens zu führen, bemerkt Valentino und beißt eine Crevette direkt hinter der harten Schwanzschale ab. Das Eis ist gebrochen.


Wie er die deutschen Fans finde? Sehr höflich. Sie berührten ihn nicht dauernd, das finde er gut. In Italien rissen sie ihm die Kleider vom Leib, das nerve. Nein, die deutschen Fans seien sehr höflich. Auch am Sachsenring. Was hält er davon, dass Michael Schumacher Motorradrennen fährt? Respekt, für einen so alten Mann so etwas anzufangen, wirklich respektabel. Denn er habe ja keine Erfahrung mit Motorrädern. Ob er denn schnell sei? In der deutschen Superbike-Meisterschaft kommt er unter die ersten 20. Oh, großer Respekt. Schumacher beeindruckt den Italiener offensichtlich.

Wie das damals war bei den Ferrari-Tests? Eine tolle Sache, und "Schumaker" wäre ja wirklich ein ganz netter Kerl. Ob er wirklich in die Formel eins einsteigen wollte? Jetzt wird Rossi ernst. Ja. Er wollte. Und er war sehr schnell. Auf der Ferrari-Teststrecke war er nicht weit vom Streckenrekord weg. Und warum hat er es dann nicht gemacht? Die Formel-eins-Welt war ihm zu kalt. Da sei alles geregelt. Und die Autos zu fahren sei relativ langweilig. Die Flügel seien irgendwie verkehrt herum montiert. Statt abzuheben, werden die Autos auf den Boden gepresst. Motorradfahren dagegen sei viel spannender. Die Schräglagen, der Kampf Mann gegen Mann, unvergleichlich. Das nimmt man dem Doktor ab. Seine Augen leuchten richtig. Langsam redet er sich in Schwung. Der Ober fährt mächtige Steaks auf, Rossi säbelt sich durchs Fleisch, es schmeckt ihm.

Ob er bei Yamaha bleiben werde? Er denke schon. Bei Yamaha sei es wie in einer Familie. Er kenne den Präsidenten, und wenn er etwas brauche, dann werde es ihm erfüllt. Die M1 sei sein Baby. Deswegen sei sie auch so schnell. Irgendwann werde er dann Autorennen fahren. Vielleicht DTM oder Rallyes.

Warum er bei Honda weggegangen sei? Das wäre die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Man hätte ihn nur angerufen, wenn er gewonnen habe. Ein zweiter Platz galt dem Honda-Team nichts. Zum Schluss hatte er das Gefühl, arbeiten zu müssen. Er will aber Spaß haben.

Und nun der Wechsel von Michelin zu Bridgestone? Michelin habe ihn geärgert letzte Saison. Das würde er ihnen zurückgeben. Auf der Strecke. Man merkt, woher sich dieser Kerl die Motivation holt. Er baut sich Feinde auf.

Wie das gehe, dass sein Teamkollege Lorenzo Michelin fahre? Ein sehr talentierter Fahrer. Doch noch sehr unerfahren.

Der Kollege von der FAZ sucht die Metaebene. Was bedeutet Heimat für ihn? Heimat ist zu Hause zu sein. Bei seiner Mama, wo er jetzt wieder wohnt. Er sei froh, nicht mehr in London zu leben. In Tavulia lebe er sehr bescheiden, wie ein ganz normaler italienischer Junge. Sein Vater Graziano wohne zwei Kilometer entfernt. Wenn er aus dem Fenster schaut, kann er das Haus seines Vaters sehen. Er kann sich quasi vor der Tür fit halten, mit seinen Freunden herumziehen, das mache ihn glücklich. Das Einzige, was ihn störe, sei, dass öfters Fans an seiner Tür klingeln.


Ob er eine Familie gründen wolle? Dazu sei es noch zu früh. Aber er hätte gesehen, dass Stoner, seit er verheiratet ist, richtig schnell geworden sei und nicht mehr herunterfalle. Was für ein Schelm, kein Outing für die FAZ.

Der Ober wuchtet stolz eine Schokoladentorte mit Startnummer 46 auf die Tafel. Kölle und Rossi, sie werden einfach nicht warm miteinander. Höflich bedeutet Rossi, er möge keine Schokoladentorte. Sein Renngerät bestünde aus Titan, Karbon und Aluminium, da möchte er kein Gramm zu viel auf den Rippen haben. Die Zeit läuft ab. Karlheinz, der Rossi zum Flughafen fahren muss, schaut auf die Uhr. Rossi blättert noch in MOTORRAD. Bei einem Fahrfoto von Michael Schumacher bleibt er hängen. Der gebe ja richtig Gas. Dann entdeckt er das Sturzbild darunter. "Ah, caduto, Schumaker e caduto!” – Schumacher ist gestürzt – lacht er aus vollem Hals. Die Pressesprecherin wirkt gequält. Vor ihrem geistigen Auge prangt die Schlagzeile: "Skandal: Rossi lacht, wenn Schumi stürzt!"

Schadenfreude ist eben die ehrlichste Freude. Das gilt auch und vor allem für diesen liebenswerten italienischen Lausbub. Möge er noch viele Rennen gewinnen.

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