Valentino Rossi überrascht bei Formel-1-Testfahrten (Archivversion) Die Rossi-Frage

Foto: 2snap
Es rauschte vernehmlich in Italiens Blätterwald. Drei Tage lang künde-
ten die Tageszeitungen mit balkendicken Schlagzeilen von den neuesten Abenteuern des unbestrittenen Lieblings der Nation, MotoGP-Weltmeister Valentino Rossi. Der nämlich hatte Anfang Februar auf Ferrari an den offiziellen Formel-1-Tests in Valencia/Spanien teilgenommen und sich dabei erstmals mit Champions vom Schlage eines Michael Schumacher und Fernando Alonso gemessen.

Das ging nicht ganz ohne Widrigkeiten ab, zumal Rossi am ersten Tag auf der nassen Piste nach nur neun Kurven im Kiesbett landete. Am zweiten und dritten Testtag jedoch schaffte er jeweils 53 Runden, wenn auch unterbrochen von ein paar weiteren Drehern, und platzierte sich im Feld von 16 Piloten als Neunter respektive Dreizehnter. »Nur eine Sekunde hinter Mythos Schumi!« jubelte prompt die Tageszeitung »Gazzetta dello Sport«.

Die Bosse in der Formel 1 wollen Rossi haben, keine Frage. Schließlich sorgt der 27-Jährige für ungeahnte TV-Quoten, denn er zieht auch ein Publikum in seinen Bann, das normalerweise mit Rennsport nichts am Hut hat. Entsprechend drehte sich in Valencia fast alles ausschließlich um den Twen, die eigentlichen Testfahrten gingen beinahe unter. Michael Schumacher nahm’s gelassen: »Das ist gar nicht schlecht. Da kann ich wenigstens in Ruhe arbeiten.«

Insgesamt fiel die Reaktion der Formel-1-Piloten aber eher verhalten aus. Rossis Zeiten seien nicht wirklich reell, hieß es, weil der Italiener nicht mit dem aktuellen Acht-, sondern mit einem gedrosselten Zehnzylinder-Antrieb gestartet sei und auch aerodynamisch Vorteile gehabt habe.

Seinen eventuellen Wechsel wird Rossi wohl zum italienischen Motorrad-Grand-Prix am 4. Juni verkünden. Zumindest Ferrari möchte bis dahin Klarheit, weil der Vertrag mit Schumacher zum Jahresende ausläuft. Sponsor Marlboro soll Rossi bereits einen Drei-Jahres-Vertrag vorgelegt haben: 25 Millionen Dollar Gage für 2007, 27 Millionen für 2008 und 30 Millionen für 2009. Insgesamt also 82 Millionen, das Einkommen eines Titelaspiranten. Selbst der Notfallplan steht angeblich schon: Sollte Rossi in der Formel 1 wider Erwarten glücklos bleiben, garantiert ihm Marlboro nach zwei Jahren die Rückkehr ins MotoGP-Fahrerlager – und zwar zu Ducati, wie Ferrari bis 2011 vertraglich an den Zigarettenkonzern gebunden.

Die italienische Motorradszene nahm den Heckmeck um ihren Helden nicht gut auf. »Jahrelang hat uns die Formel 1 als arme Verwandte belächelt«, schäumte das Wochenblatt »Sport Auto Moto«. »Jetzt entdeckt sie Rossi als Zugpferd und will ihn uns wegnehmen.«

Rossi selbst schweigt zu den ganzen Spekulationen: »Das war eine tolle Erfahrung in Valencia. Aber nun kümmere ich mich wieder um meine Yamaha M1.« Sprach’s und legte bei den Testfahrten in Qatar auf der Yamaha gleich eine Rekordzeit hin. Ob er tatsächlich in die Formel 1 geht, wird – wie so oft bei Rossi – eine spontane Entscheidung sein, die nicht zuletzt davon abhängt, wie sich die Saison 2006 für ihn anlässt. Die Rossi-Frage bleibt bis auf Weiteres offen.

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