Valentino Rossi und sein Steuerproblem (Archivversion) Seid umschlungen Millionen

Wohlhabenden bietet England ein verlockendes Schlupfloch: Nur auf britischem Boden verdientes Geld muss versteuert werden. Der Rest, und das ist bei den meisten Sport­-lern und Künstlern der Löwen­anteil, bleibt unan­getastet. Ganz legal. Im Gegenzug gibt’s nur eine einzige Verpflichtung: Wenn sie dieses Angebot nutzen, sollten sie auch wirklich in England wohnen. Zumin­-dest 90 Tage pro Jahr, und nicht gerade in einer 45-Quadratmeter-Briefkastenwohnung. Sonst kann ihnen passieren, was Valentino Rossi zustieß. Am 3. August standen in seinem Heimatort Tavullia unweit der italienischen Adria-Küste zwei Beamte vor der Tür. Anders als einer Schar Jugendlicher ging es ihnen jedoch nicht darum, ein Autogramm mitzunehmen, sondern einen Brief dazulassen.
Von nicht erklärten Einkünften in den Jahren 2000 bis 2004 in Höhe von rund 60 Millionen Euro war die Rede. Und von einer fälligen Nachzahlung, inklusive Zinsen und Bußgeldern, in Höhe von astronomischen 112 Millionen Euro. Er wohne überhaupt nicht in Italien, hatte Rossi zunächst noch entgeistert eingewendet. Doch die Ein­-wanderungsbehörden der Region Pesaro sahen das anders. Seit seinem offiziellen Umzug nach London am 15. März 2000 hatte Rossi dort zwar einen Teil seiner Einkünfte versteuert – 1,22 Millionen Euro im ersten, 1,522 Millionen Euro im zweiten, 961000 Euro im dritten Jahr. Den Dreh- und Angelpunkt seines Lebens sahen die Behörden trotzdem in Italien. Denn zur Bestimmung des Wohnorts werden mehr als allein die Herberge und die ökonomischen Interessen, sondern auch die »moralischen, sozialen und familiären« Verflechtungen einer Person herangezogen. Und Verbindungen solcher Art ließen sich Valentino Rossi zuhauf nachweisen – von Kleinigkeiten wie in Italien unterschriebenen Handy-Verträgen und regel­-mäßigen Sportstudio-Besuchen bis hin zu in Italien laufenden Lebensversicherungen und Immobiliengeschäften einer von Rossis zahlreichen Firmen.
Auch in Sachen Fuhrpark hatten die Behörden bei Rossi gründlich recherchiert. Mit Genugtuung stellten sie fest, dass der siebenfache Welt­-meister zahlreiche Autos direkt oder indirekt in Italien zugelassen hatte – einen BMW M5, einen M3, einen Mini Cooper S, einen Porsche GT2, einen Porsche GT3 RS, ein Fiat-Wohn­mobil sowie einen Mercedes Sprinter. Interessant fanden sie auch, dass im Hafen des Adria-Orts Vallugola eine 50 Fuß lange Pershing-Motor­-yacht mit dem Namen »46 + 4« vor sich hin­dümpelte – sie wurde Rossi von der Werft Ferretti zur kostenlosen Benutzung überlassen.
Auch bei Rossis Einkünften wurde akribisch Buch geführt, und zwar bis zur letzten Stelle hinterm Komma. 6044139,23 Euro im Jahr 2000, 7262966,05 Euro 2001, 12662491,98 Euro 2002, 12161316,50 Euro 2003 und 20819399,88 Euro 2004. Selbst über die Zusammensetzung der Einkünfte wusste die »Agenzia delle Entrate« genau Bescheid. Beispiel 2004: 10,5 Millionen Euro von Yamaha, 1,7 Millionen Euro von Sponsor Kerakoll, 1,4 Millionen von Helmausrüster AGV, 1,21 Millionen von Dainese, 225701,42 Euro von Termignoni, 2,8 Millionen von Telecom Italia, 233928,59 Euro vom Tabakkonzern Altadis, 1,275 Millionen von der Bierbrauerei Pironi, 50000 Euro von Brembo, 489456 Euro von Magneti Marelli, 21956,57 Euro von Beta Utensili und 200000 Euro von Mariani & Co.
Falls Rossi schnell zahlt, darf er bei den jetzt fälligen 112 Millionen Euro auf einen Rabatt von 50 Prozent hoffen. Doch damit ist das Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht, denn nach Abwicklung des laufenden Verfahrens stehen die Jahre ab 2005 zur Debatte.
Deshalb hat der siebenfache Weltmeister auch sofort auf Verteidigung umgeschaltet und beschäftigt die besten Anwälte, die es für Geld zu engagieren gibt. In der einzigen offiziellen Stellungnahme, einem anderthalbminütigen Videospot, bezeichnet sich Valentino Rossi als unschuldiges Opfer, das bereits vor einem Verfahren öffentlich ans Kreuz genagelt worden sei.
Italien führt in jüngster Zeit tatsächlich wahre Schauprozesse gegen prominente Steuer­sünder, um Exempel zu statuieren, bei der Bevölkerung Angst auszulösen und so den Steuerhinterzieher-Sumpf auch in der Breite auszutrocknen. 60 Prozent aller Italiener, lauten die Schätzungen, schummeln nämlich bei ihrer Steuererklärung.

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