Vergleich MotoGP- und Superbike-WM (Archivversion) Doppelspiel

Sieben Motorradhersteller gegen vier, 28 Rennen gegen 18, 32 Fahrer gegen 17 – auf dem Papier macht die Superbike-WM eine viel bessere Figur als die MotoGP-Weltmeisterschaft. Billiger sind die Superbikes auch noch. Aber nur Duacti und Yamaha leisten sich echte Werksteams in beiden Rennserien.

Mehr oder weniger ernst gemeinte Ratschläge für die Verwendung von 35 Millionen Euro gab es massenhaft, bevor am ersten Februarwochenende der drittgrößte Lottojackpot der Geschichte in Deutschland geknackt wurde: Das Geld hätte für 114 Porsche 911 Cabrio mit allen Extras gereicht, für immer noch 66 Maybach 62 S, eine Karibikinsel, ein Kreuzfahrtschiff und so weiter. Ein Tipp fehlte. Der glückliche Gewinner hätte sich auch für ein Jahr die Finanzierung eines MotoGP-Werksteams mit zwei Fahrern sowie allem Drum und Dran leisten können. Aber es hatten ja gleich zwei Lottospieler sechs Richtige samt korrekter Zusatzzahl getippt, die Gewinnsumme musste geteilt werden. Egal: Dafür hätten die beiden in der Superbike-WM gegeneinander antreten können, jeder mit einem Zwei-Mann-Werksteam und noch genügend Restvermögen für eine Traumimmobilie samt adäquatem Fuhrpark. Denn eine Superbike-WM-Saison schlägt nach Insiderinformationen mit vergleichsweise bescheidenen zehn Millionen Euro zu Buche – für ein Werksteam wie das von Ducati wohlgemerkt.

Moment mal, was soll der Moto GP-Zirkus denn dann? Die Frage muss eingefleischten Superbike-Fans auf der Zunge liegen. Zumal die Rennen der seriennahen Viertakter im vergangenen Jahr oft spannender waren als die des dürr besetzten MotoGP-Felds. Außerdem fahren die Superbiker ihren Champion in jeweils zwei Rennen pro Veranstaltung aus, während es die MotoGP-Stars mit einem Lauf pro Grand Prix bewenden lassen und dabei meist nur fünf Minuten länger unterwegs sind als die Superbiker pro Einzellauf. Stimmt da denn das Preis-Leistungs-Verhältnis noch? Für Rennsportbegeisterte, die beim deutschen Grand Prix auf dem Sachsenring für ein anständiges Sonntagsticket rund 90 Euro hinblättern müssen, die beiden Superbike-WM-Rennen auf dem Nürburgring jedoch für knapp 60 Euro von besten Plätzen aus genießen können, eventuell nicht mehr.

Für die Motorradhersteller sieht die Rechnung anders aus. "Unser MotoGP-Engagement bringt Yamaha weltweite Beachtung, unsere Erfolge dort strahlen auf alle Produkte der Marke ab", erklärt Laureus Klein Koerkamp, Rennsport-Manager bei der Yamaha-Europa-Zentrale in Holland, "in der Superbike-WM geht es eher darum, das Image eines ganz bestimmten Produkts, nämlich der Serien-R1, zu fördern." Claudio Domenicali pflichtet ihm bei: "Wenn unsere 1198 einen Superbike-WM-Lauf gewinnt, hilft das ganz konkret den Verkäufen der Serienmaschine" sagt der Ducati-Sportchef. Der Einstieg in die MotoGP-WM vor fünf Jahren hatte andere Gründe. Domenicali: "Wir haben bei Umfragen herausgefunden, dass die Duacti-Fans ihre Lieblingsmarke auch in der Königsklasse sehen wollen, außerdem bringt diese Serie wesentlich mehr Imagegewinn als die Superbike-WM."Und die Prototypen-Entwicklung für die MotoGP-WM erlaube es auch einem kleinen Hersteller wie Duacti mit einer Produktion von 42000 Motorrädern im Jahr 2008, sich technische Kompetenz anzueignen. Zum Vergleich: Yamaha verkaufte 2007 allein in Europa 410000 Zweiradfahrzeuge.

Es ist ein teures Vergnügen, diese Entwicklungsabteilung zu unterhalten, die ständig auf Welttournee ist – aber woraus resultieren die hohen Kosten eigentlich? In beiden Rennserien werden Viertaktmotoren eingesetzt, mit maximal 1000 cm³ Hubraum für Vierzylinder- und 1200 cm³ für Zweizylinder-Superbikes, während die MotoGP-Maschinen ausschließlich mit 800-cm³ Vierzylindern bestückt sind. Über die Motorleistung wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen, allgemein aber in beiden Klassen mit etwa 220 PS gerechnet. Auf eine ähnliche Spitzenleistung deuten auch die Rundenbestzeiten hin, die auf den Rennstrecken, auf denen MotoGP- und Superbike-Piloten fahren, kaum auseinander liegen (siehe Kasten rechte Seite). Die Unterschiede dürften weniger durch die Motorleistung als durch das vorgeschriebene Mindestfahrzeuggewicht von 162 Kilogramm bei den Superbikes (Zweizylinder: 168 kg) und 148 Kilo bei den MotoGP-Motorrädern bedingt sein. Warum also ist MotoGP-Rennsport so viel teurer als der mit Superbikes? Das Mindestgewicht deutet an, wo eine Antwort auf diese Frage zu finden ist. Während in der Superbike-WM Motorräder aus der Großserienfertigung wie Yamahas R1 oder Hondas Fireblade als Basis für die Rennmaschinen verwendet werden müssen, sind in der MotoGP-WM ausschließlich Prototypen erlaubt. Deren Bauteile werden mit größtem Aufwand neu entwickelt und oft handgefertigt, die Suche nach ein paar Gramm Gewichtsersparnis gehört für die Ingenieure dazu. Dass diese technisch mehr Freiheiten haben als ihre Superbike-Kollegen, ist Segen und Fluch zugleich. Laurens Klein Koerkamp: "Wenn wir ein neues Superbike-Fahrwerk brauchen, greifen wir ins Großserien-Teileregal. Mehr, als das Chassis etwas zu verstärken, dürfen wir ja nicht. Wenn aber die MotoGP-Leute eine andere Rahmengeometrie probieren wollen, müssen sie ein komplett neues Teil konstruieren, herstellen, testen, modifizieren, noch mal testen und so weiter." Klein Koerkamp schätzt, dass bei Yamaha in Japan etwa zehn Mal so viele Ingenieure an der MotoGP-Entwicklung arbeiten wie an der von Superbike-Rennmotorrädern. Die genaue Zahl ist unbekannt, weil sie sich je nach Bedarf ändert.

Damit nicht genug. 27 Personen sind direkt dem Rennbetrieb der Werksmaschinen von Valentino Rossi und Jorge Lorenzo in der MotoGP-WM sowie Ben Spies und Tom Sykes bei den Superbikes zugeordnet. Doch während die Superbike-Truppe mit zwei weiteren Mitarbeitern für den Hospitality-Bereich auskommen muss, wo Team und Gäste verköstigt werden, reist der MotoGP-Tross mit bis zu 50 Leuten von Piste zu Piste. "Die haben mehr VIP-Gäste und eine wesentlich aufwendigere Boxen- und Hospitality-Ausstattung", sagt Klein Koerkamp, "deshalb reichen bei den Superbikes drei Sattelzüge für den Transport des Equipments, für das MotoGP-Team sind sieben unterwegs." Wie in ganz normalen Wirtschaftsunternehmen sind bei den Superbikes die Personalkosten der größte Kostenblock, es folgen Materialaufwand, Fahrergagen und Reisekosten. "In der MotoGP-WM dürften jedoch die Entwicklungskosten den Löwenanteil des Budgets verschlingen", sagt Klein Koerkamp.

Dafür können Top-Teams in der MotoGP-WM von einem Hauptsponsor bis zu acht Mal so viel Geld verlangen wie siegfähige Superbike- Mannschaften. Bei Duacti gibt es gar eine Mischkalkulation. Claudio Domenicali: "Durch die Einnahmen aus dem MotoGP-Engagement konnten wir unseren Eigenanteil am gesamten Sportbudget sogar senken." Was den Fans egal sein kann. Für sie gilt: Bei den Superbikes gibt es volle Starterfelder mit entsprechend spannenden Rennen zu sehen, in der MotoGP-WM die Superstars wie Valentino Rossi und Ducati-Pilot Casey Stoner.

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