Vorschau Dakar-Rallye 2008 (Archivversion) Denksport

KTM rückt 2008 mit sechs Werkspiloten nach Dakar aus – um zu gewinnen, was sonst? Vier deutsche Privatfahrer haben einen für ihre Verhältnisse mindestens ebenso ambitionierten Plan. Sie wollen nach 9273 Kilometern Hardcore-Endurosport ankommen. Und wissen: Das klappt nur mit Köpfchen.

Erstes Januarwochenende 2008 – es ist wieder soweit. Der Startschuss zur Rallye Dakar fällt, dem härtesten Offroad-Wettbewerb des Motorsportkalenders, der Mutter aller Rallyes, um nur die gängigsten Klischees zu bemühen. Unglaublich – vor allem, dass es bereits zum 30. Mal geschieht. Das Jubiläum veranlasste die französischen Organisatoren des Mammutevents, einmal nachzurechnen. Unter anderem fanden sie heraus, dass sich seit der ersten Ausgabe 1979 etwa 13600 Menschen als Sportler an dem Wüstenwett-bewerb beteiligt haben. Allein dieses Jahr werden es rund 260 Motorradfahrer aus 30 Nationen sein, von Auto- und Lkw-Teams ganz zu schweigen. Superlative der Sinnlosigkeit? Werte des Wahnsinns?

Nicht für die 150 Millionen Fernseh-zuschauer, die – vom Veranstalter hochgerechnet – das Rallyegeschehen 2007 am Bildschirm verfolgt haben, berauscht von opulenten Aufnahmen einer bisweilen unwirklich scheinenden Naturkulisse. Nicht für Millionen von Fans, die ihren Helden per Internet auf der Spur blieben. Nicht für KTM, obwohl der österreichische Motorradhersteller in Sachen Dakar niemandem mehr etwas beweisen muss. Seit sich BMW im Jahr 2001 mit einem Vierfacherfolg aus dem Kreis der Dakar-Sieger verabschie-dete, haben ausschließlich KTM-Piloten die Motorradwertung gewonnen. Trotzdem schickt das Werk aus der Alpenrepublik wieder ein hochkarätiges Team auf die lange Hatz über Geröllfelder, Kamelgraspisten und Dünenkämme. Sechs Mann sind es dieses Jahr, angeführt von Titelverteidiger Cyril Despres aus Frankreich.

Dagegen ist Rang fünf in der Motorrad-Gesamtwertung der Dakar-Rallye das beste Ergebnis, das je ein deutscher Motorradfahrer erreichte – dies gelang Jürgen Mayer im Jahr 2000 auf einer KTM . Dennoch machen sich auch im Januar 2008 wieder vier Deutsche auf den Weg. Privatfahrer allesamt, bis auf Guido Faber ohne praktische Dakar-Erfahrung mit dem Motorrad. Der 42-jährige Wiesbadener ist Diplomingenieur und Geschäftsführer, leistet sich das große Abenteuer daher auf der Basis einer gewissen wirtschaftlichen Selbständigkeit. Wie auch seine beiden männlichen Kameraden im schwarz-rot-goldenen Quartett, Robby Labinsky, 43, KTM-Händler aus Fürth und Ingo Zahn, 44, Betriebsinhaber aus Feldkirchen. Christina Meier gebührt da sicher eine Sonderstellung. Nicht nur, weil sie die einzige Frau im Bund ist, sondern auch, weil ihr Job als Betriebsprüferin bei einem Hamburger Finanzamt kaum die Reichtümer abwirft, die das Unternehmen Dakar einen Privatfahrer kostet. Außerdem ist sie mit ihren 35 Jahren die Jüngste des deutschen Vierers.

Rund 35000 Euro hat sie als Budget eingeplant und wirbt unter anderem mit einem aufwendigen Internet-Auftritt (siehe Kasten auf Seite 131) um Sponsoren. Weil sie bei Enduro-Wettbewerben wie der Rallye Berlin-Breslau, der Tuareg-Rallye in Marokko oder im Deutschen Enduro-Damen-Cup erfolgreich mitmischte, engagieren sich etliche Zubehör-Fabrikanten mit Ausrüstungsteilen. »Aber große Geldgeber habe ich nicht«, bilanzierte Meier Mitte Dezember letzten Jahres, »außer meinen Eltern Rosemarie und Tomas.«

Immerhin gelang es ihr, Minoru Mo-rimoto von ihrem Plan zu überzeugen: Der neue Präsident von Yamaha Motor Deutschland, selbst ehemaliger Motorradrennfahrer, stellt eine WR 450 F für die Afrika-Attacke zur Verfügung. Auf die sich Christina Meier neben allen Wettbewerbseinsätzen vor allem mental vorbereitet hat: »Wie will man denn eine Dakar trainieren? Am wichtigsten wird sein, sich immer wieder motivieren zu können. Die Entscheidung zu treffen weiterzufahren, obwohl alles weh tut.« Sie denkt kaum nach, bevor sie hinzufügt: »Ich bin zäh, ich kann das – vorausgesetzt, ich bleibe gesund, handele mir keinen Durchfall ein oder breche mir die Knochen.«

Das Thema Gesundheit trifft bei den KTM-Piloten Robby Labinsky und Ingo Zahn einen wunden Punkt. Mit ihren 28000 Euro teuren 690-Rally-Factory-Rennern steht ihnen zwar das vermutlich beste Motorrad zur Verfügung, das ein Dakar-Pri­vatier je bekommen konnte – fast identisch mit der KTM-Werksmaschine, für den Dakar-Einsatz optimiert, mit all den Halterungen für Iritrack-, GPS-, Sentinel- und sonstigen Elektroniksystemen ausgestattet, »die üblicherweise irgendwann wegfliegen, wenn du das in Eigenregie an ein nacktes Basismotorrad dranbastelst«, so Labinsky. Trotzdem gehen die beiden in Lissabon mit Handicap an den Start. Sie haben sich bei ihrer Vorbereitung verletzt.

Ingo Zahn, 2007 Klassensieger einer von Offroad-Zubehörhändler Götz aus Bisingen veranstalteten Drei-Stunden-Enduro-Rennserie, zog sich bei der Abschlussveranstaltung Ende Oktober eine Ver­letzung an der Schulter zu. »Ich konnte erst im Dezember richtig mit dem Ausdauertraining beginnen«, berichtet Zahn, dem weniger die fahrerischen Ansprüche als die hohe Geschwindigkeit und die schiere Länge der Dakar Respekt abnötigen: »Über die ganze Zeit hinweg jeden Tag die Leistung zu bringen und bei bis zu 170, 180 km/h voll konzentriert zu fahren – das ist die größte Herausforderung.«

Auch Robby Labinsky, der sich vier Monate vor dem Dakar-Start bei einem Sturz das linke Handgelenk und den rechten Ellbogen zertrümmerte, sieht eine Aufgabe vor sich, die im Kopf gelöst werden muss. »Wichtig ist, nicht in den Wettkampfmodus zu fallen und schneller fahren zu wollen, als gut ist«, sagt er. »Ein guter Freund hat mir deshalb keine einzige gute Tagesplatzierung gewünscht.«

Um Einzelresultate geht es Guido Faber zuletzt. Er gab sein Dakar-Debüt 2006, scheiterte jedoch in der siebten Wertungsprüfung mit einem Technikdefekt. Statt der 70 PS starken KTM 690 entschied er sich für eine BMW G 650 Xchallenge, die bei Rallyespezialist Touratech für den Wüsteneinsatz präpariert wurde. »Die hat zwar nur rund 50 PS, aber das reicht für meine Zwecke«, so Faber. Er ist überzeugt, dass körperliche Fitness und »geistige Schnelligkeit« den Ausschlag geben werden, wenn es darum geht, das große Ziel zu erreichen.

Das kann, muss aber nicht Dakar sein. Faber betreibt Endurosport im Verein und sieht seine 10000-Kilometer-Tour auch als Werbung dafür: »Dakar im TV schauen ist gut – selbst Enduro fahren ist besser.“

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