Vorschau Superbike-WM 2006 (Archivversion) Winter- spiele

Bei den Wintertests wurden erste Claims für die Superbike-WM 2006 abgesteckt – was
Titelverteidiger Troy Corser bestens gelang. Höchst spannend war zudem die Lösung des Rätsels, wer in welchem Team fährt – mit Max Neukirchner in fast tragischer Hauptrolle.

Ob Max Neukirchner als einziger Deutscher in der Superbike-WM 2006 teilnimmt oder nicht, hing Mitte
Januar plötzlich an einem seidenen Faden.
Sein bisheriges Klaffi-Honda-Team stellte Finanzierungslücken fest, über deren Ursachen und insbesondere über das rechtzeitige Wissen ihrer Existenz zwischen
Teamchef Klaus Klaffenböck einerseits
sowie Neukirchner und seinem Umfeld auf der anderen Seite ziemlich gegensätzliche Vorstellungen herrschten.
Während Neukirchner auf Absprachen pochte, nach denen sein Beitrag zum Gesamtetat eines Zwei-Fahrer-Superbike-WM-Teams nur wenig über die von Honda Europa bereitgestellten 200000 Euro hinausgehen müsse, verwies Klaffenböck auf Informationen, die er Neukirchners Manager André Schurig bereits vor Saisonende 2005 gegeben habe: »Die wussten seit Anfang Oktober, dass die Finanzierung eines Zwei-Fahrer-Teams auf wackligen Beinen stand. Die Verpflichtung von Alex Barros hat Max Neukirchner nicht aus dem Team gedrängt. Ohne Barros und seine Sponsor-
gelder hätte das Klaffi-Team als Ganzes nicht antreten können.«
Als Neukirchner mangels der von ihm geforderten 600000 Euro zur Vervollständigung des Klaffi-Gesamtetats sich bereits in Richtung des italienischen Pedercini-Ducati-Privatteams orientiert hatte, startete unter Federführung von Honda-Österreich-Chef Roland Berger eine letzte, am Ende sogar erfolgreiche Rettungsaktion. Doch Max Neukirchner hatte sich zwischenzeitlich anders entschieden und
fuhr nach Cartagena zum ersten Test mit
Pedercini – und war positiv überrascht (siehe Interview nächste Seite).
Der Sachsenpfeil startet also völlig anders als geplant in die Superbike-WM-Saison 2006. Dass er mit Hilfe seines neuen Fahrwerks- und Data-Recording-Manns Mario Rubatto die beiden italienischen
Teamkollegen Ivan Clementi und Lucio Pedercini, den Sohn des Teamchefs, im Griff haben sollte, darf als realistisch gelten.
Alles Weitere verbirgt sich in dem Dunst, der private Ducati-Teams umwabert. Denn außerhalb des Werks weiß niemand so genau, in welchem Entwicklungsstadium sich ein bestimmter 999-RS-Production-Racer befindet. Neukirchner bekommt nach offiziellen Angaben zunächst ein 2005er-Chassis mit Motoren, die dem Stand der Werksmaschinen Ende 2005 und damit laut Papierform der 2006er-999-RS entsprechen. Später soll eine echte 2006er-999-RS folgen.
Unabhängig davon sind die Ducati-Twins jeglicher Ausbaustufe wesentlich
kapriziöser als die japanischen Vierzylinder, was schlicht bedeutet, dass ein Ducati-Privatteam mit der Qualität des eigenen Cheftechnikers und seinen Beziehungen zur Werksrennabteilung Ducati Corse
steht oder fällt. In beiden Bereichen stand Pedercini bisher nicht in vorderster Reihe.
In der finden sich 2006 im Superbike-WM-Feld wie immer die Werksteams, allen voran Alstare-Corona-Suzuki mit Weltmeister Troy Corser, dem Japaner Yukio Kagayama und, ab dem dritten WM-Auftritt Ende April in Valencia, Supersport-
Exweltmeister Fabien Foret aus Frankreich. Forets Suzuki GSX-R 1000 werden von den vollwertigen Werksgeräten der Stammfahrer Corser und Kagayama abweichen. Seine Maschinen basieren auf dem käuflichen Rennkit.
Dies ist übrigens der Grund, warum Alstare-Suzuki sich nicht mit dem allmählich in die Arbeitslosigkeit abdriftenden
Ex-Moto-GP-Star Max Biaggi einigen konnte. »Ich hätte Max Biaggi gern bei uns
gehabt«, so Teamboss Francis C. Batta, »doch es gab keine echten Werksmaschinen mehr. Und ein Motorrad, wie es Foret fährt, wollte Biaggi nicht haben.«
So findet Weltmeister Corser seine
härtesten Gegner nicht im eigenen Team. Die Liste der Herausforderer ist dennoch hochkarätig. Ganz vorn steht Troy Bayliss, der als Superbike-Weltmeister 2001 mit anschließenden mäßig erfolgreichen Moto-
GP-Aktivitäten nicht nur einen ähnlichen Karriereverlauf wie Corser aufweist, sondern sein Europa-Domizil in Monte Carlo auch noch im gleichen Apartment-Block wie Corser aufgeschlagen hat. Bayliss wiederum bekommt bei Ducati Corse schon intern Feuer. Der 23-jährige Junior Lorenzo Lanzi glänzte bei den Wintertests, beflügelt von seinen zwei WM-Laufsiegen zu Ende der Saison 2005, mit hervorragenden Rundenzeiten.
Das Ten-Kate-Honda-Team hat sich mit Ex-Weltmeister James Toseland als Neuverpflichtung von Ducati und dem bei den Tests derzeit schnelleren Stammpiloten Karl Muggeridge ebenso den WM-Titel auf die Fahnen geschrieben. Auch Klaus Klaffenböck kann mit Alex Barros nicht
zuletzt wegen des Wintertheaters um den Altstar sowie Max Neukirchner nur mit absoluten Top-Platzierungen zufrieden sein.
Und zumindest Yamaha-Nummer-eins-Pilot Noriyuki Haga muss, wenn er weiter seine Formkonstanz verbessert, ebenfalls zum engeren Titel-Kandidatenkreis gezählt werden, wohingegen die restlichen Yamaha-Reiter ebenso wie das PSG1-Kawasaki-Trio Chris Walker, Régis Laconi und Fonsi Nieto lediglich zu einzelnen Glanzlichtern in der Lage sein dürften. Das Foggy-Petronas-Team mit dem unter Wert verkauften Steve Martin und Neuling Craig Jones wird schon wegen ihrer weiterhin nur 900 cm3 großen Motoren gegen die 1000er noch mehr zurückfallen.
Ob Max Neukirchner so ein Schicksal erspart bleibt, ist sicher eine der spannendsten Fragen vor dem Start in die
Superbike-WM-Saison 2006.

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