World Ducati Week 2007 (Archivversion) Die Passion Ducatisti

Ducati hat nur vordergründig mit Motorrädern zu tun. Tatsächlich ist es eine Religion, und Ducatisti sind Gläubige. Ihr Weltkirchentag heißt World Ducati Week. Dort leben sie ihre Passion. Amen.

Und sie reiten über den Himmel in einem Feuerschweif. Auf der endlosen Straße cruisen sie durch die Stratosphäre, und ihre Pferde sind rot und aus Eisen. Vom Grund des Meeres erhebt sich der Mond. Er leuchtet über ihnen wie eine Segnung. So ungefähr zumindest. Nicht exakt dieser Wortlaut, aber so was hat sie von sich gegeben, wie sie dastand, taghell angestrahlt, das Haar grau und zerzaust. Tatsächlich steht der Mond dicht über den Köpfen ihrer Zuhörer, und in den fahlen Nachthimmel erhebt sich zehn Meter hoch ein Hypermotard-Reiter auf Werbebanner.
Patti Smith singt bei der World Ducati Week 2007. In ihren besten Momenten klingt sie, als liefe tief unten in ihrer Lunge eine Trockenkupplung mit. Vom Boden fischt sie eine Regenbogenfahne, schwingt sie durch die Luft und schreit: »Fuck all the wars!« Das Publikum jubelt und klatscht, und einige weiter hinten starten ihre Motoren, lassen sie immer wieder kurz in den Begrenzer drehen, als wollten sie ihr antworten: »Ja, Patti, wir scheißen auf Krieg.«
So wird es doch noch ein bisschen politisch, dieses Treffen, das eigentlich so religiös ist. Denn die WDW ist kein Motorradtreffen. Sie ist die Zusammenkunft einer Glaubensgemeinschaft. Es ist so etwas wie der Weltkirchentag für Ducatisti, Desmodromiker, Desmonauten oder wie auch immer sie sich nennen, die Ende Juni zur Rennstrecke in Misano Adriatico kamen. Kein Motorradtreffen also, eine Art Fest in einendem Geiste, in einendem Glauben. Genau um den geht es, und um den profanen Umstand, dass der ganz ungemein gestärkt wird durch das Gemeinschaftserlebnis World Ducati Week.
Die Frage ist: Reicht denn die Maschine nicht mehr? Antwort: Nein, tut sie nicht. Es muss längst mehr sein. Jeder Marke geht das so, aber kaum einer so sehr wie Ducati, dass sie auf den Glauben angewiesen ist, ihn aber auch hervorbringen kann.
Eine Honda darf eine Honda sein, eine Suzuki eine Suzuki und so weiter. Aber eine Ducati? Sie wird gehätschelt wie ein zwangsgesteuertes goldenes Kalb. Viele kleben auf den Tank, das Heck oder die Verkleidung eine japanische Fahne oder das Wort »Japan«. Daneben klebt ein Männlein, das sich in hohem Bogen darauf erleichtert. Wenn es nicht so rassistische Untertöne haben soll, pinkelt das Männchen an die Wörter »Japan Bikes«. Gegen die Japaner prinzipiell hat man ja nichts, wohl nur dagegen, dass die Motorräder bauen. Und eben gegen die Motorräder selbst. Wieso? Na, weil die so seelenlos sind. Aber besser. Das weiß doch jeder. Interessiert allerdings niemanden, der eine Ducati hat, und noch weniger stört es ihn. Denn er glaubt, dass Ducati die besten Maschinen baut. Die schönsten sowieso.
Davon sind sie erfüllt, und das tragen sie in die Welt, genau wie früher die Missionare. Nur dass sie nicht geköpft oder gekocht werden, wenn sie auf anders Fahrende treffen. Auch zur World Ducati Week durfte man sich auf BMW, Kawasaki oder Harley-Davidson verirren, ohne dass das rituelle Teufelsaustreibungen nach sich gezogen hätte. Bekannt sind solche Geschichten: Aus Sturgis unter anderem, wo der aufrechte Verehrer des All American Motorcycle nicht amerikanische Ware mit Hammerschlägen der Zerstörung zuführt, der Auslöschung.
Es pinkelte auch keiner wirklich Fremdfabrikate an. Kein Problem mit aufgeklärter Toleranz. Und oft stärkt ja der Blick auf das andere (japanische Großserienvierzylinder) den eigenen Glauben noch, festigt den Zusammenhalt der Gemeinde. Natürlich kannten sich die wenigsten der 50000 Besucher, die Ducati gezählt haben will, persönlich. Aber sie waren sich trotzdem nicht fremd. Denn sie wussten sich von derselben Sorte. Und das machte die Atmosphäre aus: Sie alle feiern sich und ihre Passion für die Marke. Wie gesagt, irgendwie Kirchentag. Nur ohne Kumbaya und Hostienschmaus. Dafür mit echten Heiligen: Lorenzo Lanzi, Troy Bayliss, Loris Capirossi und Casey Stoner waren da, leibhaftig.
Sie werden verehrt, in den Himmel gehoben, vergöttert. Und bleiben doch menschlich. Lanzi verliert nicht die Geduld, nachdem er bereits zwei Motorradspiegel, sieben Mützen, elf T-Shirts signiert hat. Er lässt noch einem Helm die Segnung seines Namenszugs zuteil werden. Bayliss ist sich nicht zu schade, dem zufällig im Toilettenhäuschen Getroffenen beim Zähneputzen durch den Schaum ein »Hi Mate« zuzugrinsen. Capirossi unterbricht das Abendessen, weil er mitbekommt, wie sie draußen versuchen, einen Blick ins Zelt zu werfen. Sie drängten sich am Eingang wie Pilger, die irgendeiner Madonna um ihr Seelenheil an die Nase fassen wollen. Also wackelt der groß verehrte kleine Mann zu den Pilgern hin und lässt sich an die Nase fassen. Nein. Aber fotografieren. Stoner, auch nicht eben eine Giraffe, war beim MotoGP-Rennen in Assen über sich hinausgewachsen. Erst drei Runden vor Schluss hatte er sich Valentino Rossi beugen müssen. Doch er hat es ihm so schwer gemacht, wie es eben ging, und das ist, was zählt. Sie hätten ihm am liebsten als Sieger zugejubelt, als er sich abends bei der WDW zeigt. So bejubeln sie ihn als großen Kämpfer für die richtige Sache, ihrer aller Sache.
Man könnte sie für Verblendete halten, ihnen eine Meise unterm Pony unterstellen. Vielleicht hätten sie nicht mal was dagegen. Wieso auch? Vielleicht würden sie begeistert zustimmen: »Natürlich, wir haben nicht mehr alle Hebel am Ventil.« Immerhin: Sie setzen sich auf ihr tendenziell meist unbequemes Motorrad, fahren Hunderte oder gar Tausende Kilometer nach Misano (Italien, Adria, Teutonengrill), um Teil zu sein von etwas, das sie mit dem un-bequemen Motorrad verbinden und das sie mit diesem Motorrad verbindet. Aber es ist nicht das Motorrad selbst.
Ohne Gegenstand der Verehrung bleibt der Glaube flüchtig. In Misano begegnete man ihm in allen nur erdenklichen Verkörperungen. Man will gerne, und das macht beim Motorrad nicht Halt, was sehen, anfassen, festhalten. Einen Hund zum Beispiel, klein, plüschig und in rotem T-Shirt. Oder einen Rucksack, eine Schirmmütze, ein Handtuch, Turnschuhe, eine Lederjacke, Espresso-Tässchen – alles beschriftet, alles versehen mit den Insignien (Ducati, Meccanica, Corse, Desmo...). Merchandising? Natürlich. So wie die Käufer die Teile allerdings aus dem eigens ein-gerichteten Shop tragen, drängt sich ein anderer Gedanke auf: Devotionalien.
Außenstehende halten sie für kitschige Souvenirs, wie Millionen Touristen sie jedes Jahr in den Koffer packen. Na und? Hauptsache, es verbindet sich über das Wochenende hinaus ein Andenken mit dem Andenken. Zum Beispiel: »Ich hab’ die 1098 ausprobiert und die Hypermotard.« Oder: »Der Besuch im Werk war der Hammer.« Oder: »Ich weiß nicht, was ich besser fand – die alten, die gepimpten oder die Rennmaschinen.« Oder: »Ich bin dem Giancarlo Falappa begegnet. Der hat echt eine Aura.« Oder: »Weißt du noch, wie prima die Bratwurst war, die sie bei Ducati-Deutschland gegrillt haben?« Oder: »Erst das Feuerwerk, dann das Konzert von Patti Smith, und anschließend sind wir nach Rimini, und alles voll Ducati, vor den Bars, an den Strandpromenaden, wir waren überall.“

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