Zur Person: Gabor Talmacsi (Archivversion)

Weil Gabor Talmacsi einmal mit geballten Fäusten porträtiert wurde, hieß es in der Presse fälschlicherweise, er sei früher Boxer gewesen. Dabei hatte sich der Ungar in seiner Heimatstadt Budapest nur mit Kickbox-Training fit gemacht.
Am Kämpferherzen des 26-Jährigen gibt ­es freilich nicht den geringsten Zweifel. Schon als Vierjähriger setzte er sich auf einem vom Vater gebauten Minibike gegen ältere Gegner durch, und mit dem ersten größe­-ren Motorrad, einer Straßenmaschine mit 80-cm3-Motocross-Motor, gab er Gas, als säße er auf einem richtigen Rennmotorrad.
Das Rennen, das sein Leben verändern sollte, war ein Europameisterschaftslauf auf dem Hungaroring 1997. Abermals mit einer klar unterlegenen Maschine unterwegs, tauchte der 16-Jährige nach jeder Runde als Erster aus der Zielkurve auf, nur um auf der Geraden wieder von seinen Gegnern überrumpelt zu werden. Das Spiel wiederholte sich bis zu seinem Zieleinlauf als Vierter – und brachte Gabor Talmacsi international ins Rampenlicht.
Wanderjahre folgten, bei denen Gabor Talmacsi und sein Vater selbst das eigene Haus als Faustpfand eingesetzt und notfalls im Zelt genächtigt hätten, nur um sich in die Weltmeisterschaft einkaufen zu können. Aber mit Glück fanden sie doch immer wieder Geldgeber, die sie auf dem Zickzack-Kurs in Richtung Weltspitze aus den größten Unpässlichkeiten heraushielten. Über die Teams Italjet, ADAC Sachsen Honda, Exalt Cycle Aprilia und Malaguti führte der Weg zu KTM, wo der Ungar wieder verstoßen wurde, weil er dem WM-Anwärter Mika Kallio einen Sieg geklaut hatte.
Natürlich machte Talmacsi seinem Ruf als beinharter Kämpfer auch 2007, im Jahr des großen teaminternen Duells mit Hector Faubel, alle Ehre. Ausgestattet mit der letztjährigen Version der Aprilia RS 125, gehörten für ihn Rempeleien und andere Störmanöver im Kampf gegen Faubel auf der vermeintlich schnelleren, neuen Aprilia RSA zur Tagesordnung. Trotz aller Versuche von Teamchef Jorge Martinez, den Teamfrieden aufrechtzuerhalten, ließ Faubel seinem Frust freien Lauf, nach­-dem er in Valencia das Rennen gewonnen, den Titel aber an Talmacsi verloren hatte: »Ich bin der wahre Weltmeister, denn die ganze Saison über war ich klar besser als er. Nur hat mich in Barcelona Pesek, in Misano Talmacsi abgeschossen, und dreimal ging das Motorrad kaputt. Mein Team hätte gegen Talmacsi protestieren müssen, als er sich auf der Strecke unsau-ber gegen mich verhalten hat, verzichtete jedoch darauf, weil er mein Teamkollege ist. Herzlichen Glückwunsch, aber es hat nicht der gewonnen, der es verdient hätte. Ich weiß, wie er ist, und versuchte, mich auf sein Niveau zu begeben. Doch es ist schwer, sich so dreckig zu verhalten...«
Der neue Weltmeister gab die Komplimente freilich postwendend zurück. »Faubel ist viel zu aggressiv gefahren. Wir haben uns berührt, er hat mich blockiert, er hat verrückt gespielt. Doch ich bin ruhig geblieben«, meinte Talmacsi.
Am Ende sprach Teamchef Martinez ein Machtwort: »Alle Welt weiß, dass ich mir Faubel als Champion gewünscht habe, weil ich Spanier bin. Das heißt jedoch nicht, dass ich ein Motorrad durch einen Protest einbremsen würde. Rennen und Titel wer­den­ auf der Strecke gewonnen.«fk

Steckbrief
Geboren am 28. 5. 1981 in Budapest/H
2000: Honda 125, erster Grand Prix (Brünn)
2001: Honda 125, 18. WM-Rang
2002: Honda/Italjet, 22. WM-Rang
2003: Aprilia 125, 14. WM-Rang
2004: Malaguti 125, 17. WM-Rang
2005: KTM 125, 1. GP-Pole Position (Japan), 1. GP-Podium (China), 1. GP-Sieg (Italien) 3. WM-Rang
2006: Honda 125, 7. WM-Rang
2007: Aprilia 125, Weltmeister als erster Ungar der GP-Geschichte

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