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Boxerkunst-Treffen 2013 auf der Tonenburg Das Weserufer voll mit Umbauten

Auf dem Boxerkunst-Treffen 2013 auf der Tonenburg ist nahezu alles vertreten: von gezielt vernachlässigten Ratbikes bis zu edel reduzierten Bobbern und von schlanken Supermotos über Dakarnahe Enduros bis zu teuer bestückten Sportfahrwerken mit Krauser-Vierventilmotor.

Foto: Siemer

Auch ohne himmlischen Beistand schützt ein weißblaues Emblem am Tank meist ganz gut vor unkundigen Basteleien. Besser jedenfalls als die Firmenlogos anderer Marken, und das macht durchaus Sinn: So eine BMW R 50, R 80/7 oder R 100 R funktioniert auch im heutigen Verkehr prima, entwickelt ausreichende Dynamik und bewährt sich auf Reisen besser als viele moderne Motorräder.

Sicher, über Form und Größe der Serienblinker ließe sich streiten, die Schutzbleche ufern gern ein wenig aus – aber sonst? Eben, behaupteten bis vor wenigen Jahren die Originalitätswächter und reichten die Eisensäge allenfalls jenen, die mit einer Gummikuh ­un­bedingt schnell sein wollten. Offene Trichter und Dellorto-Vergaser, Münch-Bremse im Vorderrad, ­Koni-Federbeine, erleichterte Schwungscheibe, schärfere Steuerzeiten und Hoske-Tüten ließen den Boxer gewaltig erstarken. Bei Zabrocky, Fallert, Michel und manch anderem gab‘s noch mehr feine Sachen.

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Auch BMW R 50 und R 67 kamen unter die Flex

Als sich am ersten Juli-Wochenende auf der Tonenburg die heutige BMW-Umbauszene traf, reichte die Bandbreite von Dirt Track-beeinflussten Minimal­krädern bis zu ausufernden Cruisern, von gezielt vernachlässigten Ratbikes bis zu edel reduzierten Bobbern und von schlanken Supermotos über Dakarnahe Enduros bis zu teuer bestückten Sportfahrwerken mit Krauser-Vierventilmotor.

Als Basis mussten sogar bajuwarische Eiligtümer herhalten, denn es traf nicht nur R 100 R oder 75/6, nein, auch R 50 und R 67 kamen unter die Flex. Die von Rolf Srech zum Beispiel, einem begnadeten Berliner Berufsschrauber, der die alte Vollschwinge mit dem Motor des BMW-Kleinwagens LS 700 bestückte. Der ist zwar aus dem R 67-Boxer hervorgegangen, besitzt aber wegen der veränderten Platzverhältnisse im Auto nach oben abgehende Ansaugkanäle.

Da hat Rolf die Vergaser vom Boxermotor der König-Rennboote mit entsprechend platzierten Schwimmerkammern sowie KN-Luftfilter montiert. Fallstrom auf bayerisch quasi, und dazu passt der sportlich orientierte Gesamtauftritt.

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Foto: Siemer
Gut gemixt: 750er-Gleitlagermotor im Fahrwerk einer R 50/2.
Gut gemixt: 750er-Gleitlagermotor im Fahrwerk einer R 50/2.

Wie cool geht R 50/2?

Während hier das technische Amüsement den Weg vorgab, stand beim Bobber von Ekkehard Heiss die ästhetische Idee im Zentrum: Wie cool geht R 50/2? Flach, in noblem Mattschwarz lackiert,  fetter und seiner oberen Haube beraubter 750er-Gleitlager­motor, KN-Luftfilter, Einzelsitz und lässiger Lenker, handwerklich erste Sahne. Verdammt cool geht das, und ist beileibe kein Einzelfall: Am schönen Weserufer lümmelt so mancher Flat Twin auf dem Seitenständer, der sich vor den Big Twins vom Lake Michigan nicht fürchten muss. Wer all die schlüssig gemachten Umbauten betrachtet, der fragt sich schon, warum den diversen Designabteilungen so viel Unausgegorenes entspringt. So viel Ausuferndes.

Auch bei ihren Sportlern scheint den Boxerkünstlern das Weglassen die größte Freude zu bereiten. Hier und dort darf ein kleiner Windschutz bleiben, ansonsten bestimmt die Funktion – Räubern auf Landstraßen – das drahtige Erscheinungsbild. Erst der zweite Blick offenbart, wie sehr manches Gerät aufgerüstet wurde. Jörg Lohmanns Alpenbrenner zum Beispiel, der rund um zwei Mahle-Slipperkolben aus Werner Fallerts BoT-Vorrat aufgebaut wurde. Im R 100 R-Fahrwerk fand ein R 100 RS-Gehäuse seine neue Heimat, bestückt mit gekürzten Zylindern, bearbeiteten Köpfen mit richtig dicken Ventilen, scharfer Nockenwelle und, und, und. Ein Augenschmaus, gewiss, aber dank Akrapovic-Dämpfer – hochgelegt natürlich – auch ein echter Ohrenschmeichler. Im letzten Jahr jedenfalls souveräner Gewinner beim Treffen.

Prall gefüllter Parkplatz, dominiert von 300 Umbauten

Das Schönste am Umbauen ist, wenn nachher alles so funktioniert wie geplant. Das Zweitschönste, wenn es auch anderen gefällt. Deshalb sind sie zur Tonenburg gekommen, und deshalb stellt jeder, der mag, seinen Umbau zur Wahl. Boxerkunst eben. Auf Basis der Zweiventiler, das genügt als verbindendes Element. Die meisten hier fühlen sich noch immer dem gleichnamigen Forum (www.2-ventiler.de) verbunden, sind aber gerne denen gefolgt, die vor neun Jahren das erste Boxerkunst-Treffen veranstalteten, um eben den Umbauern ihre ganz eigene Bühne zu ­bieten. Heute organisieren Dirk Staubach und seine Freunde dieses Custom-Meeting, schon zum zweiten Mal und wohl für immer auf der ideal geeigneten ­Tonenburg. Und wie im letzten Jahr bestaunen sie ­einen prall gefüllten Parkplatz, dominiert von wohl 300 Umbauten, assistiert von Originalen und Freunden der Marke, die bislang noch Ducati, Harley oder sonst was fahren müssen (Info: www.boxerkunst.de).

Herrliche Stimmung. Sehr lässig auch, und das ist Programm: Man wolle sich, so Dirk, ganz bewusst gegen das ungerechte, biedere Image der Zweiventiler wehren. Und dennoch einigen der bekannten ­BMW-Qualitäten huldigen. Die solide und schrauberfreundliche Basis nennt er, die vergleichsweise ­goldige Ersatzteilsituation und – ja, das auch – die Langlebigkeit. Dazu kommt, dass es gerade in Deutschland massenhaft geeignete Basisfahrzeuge gibt, und weil deren optischer Zustand für Umbauer keine große Rolle spielt, sogar zu erschwinglichen Preisen. Ab 1500 Euro für ein komplettes Exemplar, gern auch aus Behördenbestand, weil die immer gut gewartet wurden. Zur Boxerkunst-Gründerzeit ging die Reise danach meist Richtung Café Racer, aber wie überall auf der Welt hat sich auch im weißblauen Kosmos die Sicht geweitet. Old Style beschreibt wohl am ehesten die angesagte Designsprache, und zwei dieser Spezies hoben alle, die Lust zum Wählen hatten, aufs Podest. Auf Rang drei kam ein technisch aufwendiger und wahnsinnig sauber gemachter Mix aus 50er- und 70er-Jahre-Komponenten, Zweite wurde eine sehr schön entkleidete R 75/5.

Platz eins für eine Sportkuh

Der Wanderpokal für Platz eins ging dann aber doch wieder an eine Sportkuh. Mit erleichtertem Ventiltrieb und Doppelzündung gedopter 980-cm³-Motor, auf 169 Kilogramm trocken abgemagert und von einer WP-Extrem-Gabel geführt, so präsentierte Dirk Segl die piekfeine Siegerin. Aber nichts da mit Racer, Dirk hat sich auf Basis einer 82er-G/S mit verstärktem HPN-Rahmen und verlängerter Schwinge seinen Dakar-tauglichen Offroad-Traum verwirklicht. Und viele fanden das echt toll. Boxerkunst hasst nämlich Festlegungen. Boxerkunst ist frei.

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