Finale: Motorradtreffen Glemseck Motorradtreffen Glemseck 101

Während im Stadtzentrum die milliardenteure Tieferlegung des Bahnhofs die Gemüter erhitzt, tobt vor den Toren Stuttgarts eines der buntesten Treffen der Republik - völlig gratis.

Foto: Schmieder

Wir versuchen hier einen Spagat, der eigentlich nicht geht - nämlich ein Programm für alles und jeden zu bieten." Jörg Litzenburger, Vollblut-Motorradfahrer und hauptberuflich Pädagoge, lächelt. Dann dreht er sich um, muss wieder ans Mikro, moderieren, bildschöne Twins beim Café Racer-Sprint ansagen, Fahrer interviewen. Hier, auf der klassischen Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts, treffen sich in der Saison täglich Motorradfahrer. Doch an diesem sonnigen Herbstwochenende 2010 strömen gleich rund 40000 Besucher zur fünften Ausgabe des markenoffenen Motorradtreffens Glemseck 101.

Das steigt auf besonderem, auf historischem Boden: Von 1935 bis 1965 fanden auf dem 11,3 Kilometer langen Grand Prix-Rundkurs Solitude südlich des gleichnamigen Rokokoschlosses legendäre Motorradrennen statt. Zu den WM-Läufen kamen bis zu 400000 Zuschauer. Und noch heute lässt sich hier scheinbar Unmögliches miteinander kombinieren. Die Kontraste könnten jedenfalls kaum größer sein. Hier steht der tätowierte Rocker, mit Oberarmen dick wie 300er-Hinterreifen. Direkt daneben ein drahtiges Rockabilly-Pärchen, er mit Pomade im Haar und tausend Pins an der schwarzen Lederjacke, sie im Pettycoat. Knieschleiferbewehrt tritt die südwestdeutsche Supersportfraktion an, Leute in Ledereinteilern vis-à-vis von 16-jährigen Rollerpiloten und gereiften bis beleibten Tourenfahrern. Schweiß tropft aus so mancher Textiljacke, vielleicht nicht nur wegen der spätsommerlichen Temperaturen, sondern auch wegen heißer Bodypaintings auf wohl geformten Körpern. Eine türkische Großfamilie schiebt sich mit Kinderwagen durch die Massen, der Vater in Shorts, die Mama auf schwindelnd hohen High-Heels.

Ein Volksfest rund ums Motorrad! Alles ist versammelt, was einen Motor zwischen zwei oder drei Rädern trägt, von der Honda Dream 50 (5,6 PS, 88 Kilogramm) bis zum Boss-Hoss-Trike (355 PS, 682 Kilogramm), von einer 1930er-Tornax bis zur brandneuen Ducati Multistrada. Entspannt plaudernd stehen ihre Fahrer zusammen. Obwohl es in der Händlergasse auf der ehemaligen Start-Ziel-Geraden der Solitude wirklich eng zugeht, dürfen Motorräder ganz offiziell mitten durchs Gewühl fahren. Fußgänger nehmen Rücksicht auf die Bikes, die Motorradfahrer auf die Fußgänger. Ganz einfach. Mitten im Musterländle wirkt hier alles recht unschwäbisch, unverkrampft, locker.

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So auch diese pragmatische Lösung: Eigens für Streetfighter-Darbietungen wurden Holzpaletten ausgelegt. Auf denen darf zu bestimmten Zeiten geburnt werden, bis der Reifen platzt. Für Autos ist die Strecke, immerhin ein wichtiger Zubringer zur nahen A8, übrigens die ganze Zeit über gesperrt. Die Veranstalter, das Hotel-Restaurant Glemseck und die Stadt Leonberg, auf deren Fläche diese besondere Strecke liegt, vollbringen ein kleines Kunststück. Peter Herrle vom Ordnungsamt der Stadt Leonberg (Straßenverkehrsamt) und seine Mitstreiter haben es geschafft, regional Politik, Bürger und Behörden vom Nutzen des speziellen Motorrad-Events zu überzeugen.

"Hier ziehen alle an einem Strang, wollen alle eine schöne, attraktive Veranstaltung", sagt der begeisterte Motorradfahrer Herrle (BMW F 650). Mal eben so schauen Leonbergs Oberbürgermeister Bernhard Schuler und der Landrat Roland Bernhard vorbei. Beide haben den Motorradführerschein und unterstützen die Veranstaltung nach Kräften. Mit im Boot ist auch die örtliche Polizei. Völlig entspannte Beamte fallen nicht etwa durch übertriebenes Kontroll-Gehabe auf. Nein, sie suchen das Gespräch, den Dialog. Präsentieren Laser-Geschwindigkeitsmesser, stehen bei Fragen und Anregungen Rede und Antwort.

Das Treffen könnte ein Lösungsmodell sein für den hitzigen Konflikt nur ein paar Kilometer weiter im Stuttgarter Talkessel. Dort demonstrieren jede Woche, ebenfalls bunt gemischt, Zehntausende gegen das höchst umstrittene Bahnhofsprojekt S 21. Und treffen dabei mitunter auf schwer bewaffnete Polizisten und eher sture Politiker und Entscheidungsträger. Von einer solchen Arroganz der Macht ist das Glemseck 101 Lichtjahre entfernt. Während in Stuttgart viele Milliarden Euro für die unterirdische Verlegung des Hauptbahnhofs verbuddelt werden sollen, ist hier alles umsonst - Eintritt, Konzerte, Vorführungen. Ganz unbürokratisch schiebt die Zulassungsstelle selbst am heiligen Sonntag Sonderschichten auf dem Motorradtreffen. Auch Schildermacher und Versicherungen sind vor Ort, lokale Roller- und Motorradhändler sowieso.

Mitten am Wochenende kann man hier ein Motorrad Probe fahren, etwa beim Kawasaki-Truck oder beim Metzeler-Service, man kann sogar gleich eines kaufen und es dann noch an Ort und Stelle sofort versichern und zulassen. "Im Kreis Böblingen gibt‘s kleine 20er-Schilder, in Stuttgart nur 25er-Kuchenbleche", freut sich Jörg Litzenburger. Irgendwie lassen sich hier alle etwas einfallen. Honda-RC36-Fahrerin Andrea Kurz aus Vaihingen/Enz wirbt für ihre Gothaer-Versicherung mit bildschönen Maschinen ihrer Kunden. Etwa mit einer Harley-Davidson WLA Flathead in Armee-Ausführung: Baujahr 1942 mit 31 PS starkem 750er-V2, stilecht in Olivgrün mit braunem, ledernem Gewehrhalter. Schwermetall statt schnöder Prospekte!

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Indians und Harleys, gern mal mit offenen Schalldämpfern, parken neben betörend schönen Italo-Bikes und stilvollen Engländerinnen. Aber auch neben braven Alltagsmulis von einst, wie der Göricke 150 S mit 6,5-PS-Zweitakter aus den 1950er-Jahren. Der rührige MV-Club ist mit einer Menge fahrbarer Meilensteine in Mannschaftsstärke angetreten. Aber auch BMWs und Japaner (Wasserbüffel-Club!), Roller und aktuelle 125er, alle finden hier einen würdigen Rahmen.

Generell gehört der Samstag den eher cooleren Bikes. Dann trifft sich am Glemseck die deutsche Café-Racer-Szene. Sehr sehens- und hörenswerte luftgekühlte Motoren laufen warm, brüllen und röcheln herzerweichend. Bis aus Berlin und Ostwestfalen, der Schweiz und Tschechien rücken Fahrer und Zuschauer an. Die örtlichen Hoteliers dürfte es freuen, doch am Glemseck darf auch gezeltet werden. 32 Fahrer, 31 Männer und eine Frau, sprinten jeweils zu zweit über die Achtelmeile (201 Meter), bis zum Start-/Zielturm. Klare Sache, der oder die Schnellere kommt weiter. Dabei überwiegen aktuelle Triumph-Typen sowie Kawasaki W 650. Auch echte Klassiker, wie etwa eine Ducati 750 Supersport, treten an. Am Ende gewinnt Christopher Schenk von Classic-Bike Raisch auf seiner getunten Thruxton 900. Mit einem heftigen Burnout feiert der. Dumm nur, dass sich just dabei der vorherige Ausbau des Drehzahlbegrenzers rächt. Nicht nur der Hinterreifen, auch der Reihentwin verraucht... Später übernimmt eine Hand voll klassischer Rennmotorräder die Strecke für Schau- und Demoläufe. Eine Rob Nort-Thriumph Trident in babyblauer Gulf-Lackierung klingt, als habe man einen liebestollen Hirsch mit einem heiß gemachten 911er-Porsche gekreuzt. Besitzer Klaus Müller hat den Stoßstangen-Dreizylinder aus den frühen 1970ern auch schon beim Vierstundenrennen über die Rennstrecke von Spa-Francorchamps geprügelt. Hier und heute muss er im kleinen Areal auf der Standgasdüse rumfahren.

Beim Rollersprint treten auch straffällig gewordene Jugendliche aus der benachbarten Resozialisierungseinrichtung "Jugendhof Seehaus" an - Rennen fahren als offener Vollzug. Dann kommen Renngespanne, driften um enge Wendepunkte. Mark Wilsmore, Initiator und Besitzer des heutigen Ace Cafe London, erweist dem Glemseck seine Reverenz. Der 53-Jährige ist auf der schönen Ace 904 S Triumph Thruxton Special (siehe MOTORRAD 23/2010) eigens von London nach Leonberg gefahren. Respekt. Die Solitude-Strecke nennt er eine "holy road", eine heilige Straße.

Im September 2011 treffen sich hier alle wieder. Bis dahin im Netz unter www.glemseck101.de. Wer will, kann auf dem Weg zum unmöglichen Motorrad-Spagat beim Glemseck 101 im nächsten Jahr ja einen Blick auf Stuttgart 21 werfen, die dann vermutlich größte Baugrube Europas...

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