Reportage: Rätschentreffen 2010 Zweitakttreffen in Kornwestheim

Kornwestheim. Dort entstanden einst die Kreidler-Zweitaktbrenner für Weltmeister und Dorfrocker. Gibt es einen besseren Ort für ein Zweitaktertreffen?

Foto: Jahn

Ein Industriegebiet am Samstagmorgen. Mittlerer Neckarraum. Heimat der "Schaffer, Automobilproduzenten und Häuslesbauer." Wer im "Kreidler-Areal" von Kornwestheim unweit Stuttgart romantische Flussauen und museale Bauten erwartet, ist fehl am Platze. Aber immerhin Industrietristesse mit Kulthistorie. Exakt hier stand ab 1953 das erste Kreidler-Fahrzeugwerk, tüftelten Techniker an viel Leistung aus wenig Hubraum.

Aus und vorbei. Kreidler seit 1982 pleite, kein Werk mehr da und die Techniker wahrscheinlich bei einer Tasse Kaffee im Schrebergarten. Aber wäre es nicht eine gute Idee, an einem sonnigen und warmen ersten September-Wochenende die Augen zu schließen? Einfach mit geschlossenen Augen dasitzen, sich bräunen lassen und dabei die Ohren zu spitzen? Und? Ja, man hört es mehr als deutlich. Bassiges, untertouriges Mehrzylinderbrummen folgt auf aggressives Kreischen, gepaart mit hartem metallischen Scheppern. Zweitakt-Räng-Däng in allen Variationen und in Höchstform. Nun Stufe zwei einer persönlichen Zweiradeignungsprüfung.

Intensivierung aufgrund selektiver Wahrnehmung: Jetzt fest mit beiden Händen die Ohren zuhalten. Fester! Dabei beide Nasenflügel aufklappen und bis ganz, ganz unten einatmen. Jaaa, oh du herrlicher Gemischduft! Man kann sich blind und taub stellen - aber ein Zweitakter riecht wirklich noch fünf Kilometer gegen den Wind. Ob man ihn liebt oder hasst - an diesem Thema kam oder kommt niemand ungestreift vorbei.

Mofa, Mokick, Kleinkraftrad, Leichtkraftrad, Roller. Die gängigsten Einstiegsdrogen für eine folgende jahrzehntelange Karriere auf dem Motorrad. Überschaubar und oft der Beginn großer Tuningorgien. Alles mit "echten ventilfreien Ottomotoren". Motorsport in den 1970er- und 1980er-Jahren? Alles Zweitakter. Und so balgten sich zu jener Zeit auf den Straßen nicht nur jede Menge Viertakter, sondern auch käufliche Zweitaktträume für jedermann. RD-Modelle von Yamaha, Suzuki und die RG, der stämmige Wasserbüffel, NSR von Honda, Kawas dreizylindriger "H-Witwenmacher", Deutschlands Steigbügelhalter von Kreidler, Hercules, Maico und Zündapp. Mit den in Kornwestheim weiteren anwesenden Schönheiten ließe sich die Liste endlos fortsetzen: Aspes, Malanca, Solo, Jawa, MZ, Puch, Simson, Adler, NSU, Triumph, Stock, Bimota...

Heute gibt es strenge Abgasnormen, eine mächtige Viertaktlobby aus Japan, und die einst so stolzen Straßenrenner bedürfen fast schon eigener Reservate. Die Organisatoren des MSC-Luwigsburg, allen voran, der quirlige Clubpräsident Ozren Kuzmanovic haben für die Zweitaktgemeinde nun kräftig was auf die Beine gestellt. "Erster nationaler Kreidler-Day" und gleichzeitig das fast schon erkaltete Rätschentreffen, nach drei Jahren des Wachkomas, zurück ins Leben gebracht. Und die Zweitaktsägen brummen unaufhörlich an diesem munteren Samstag. Wer will, kann sich zwecks Demorunden in einen abgesperrten, 850 Meter langen Rundkurs einfädeln. Verkaufsstände, Flaniermeile, Festzelt, Bühnenmoderation mit MOTORRAD-Redakteur Ralf Schneider, der nebenbei auch überzeugter Kreidlerbesitzer, passionierter Schrauber und Fahrer ist. Aber es geht lässig zu, Zuschauer können sich frei bewegen, der eine oder andere Zweitaktheizer dreht beherzt am Gasquirl um dann in der nächsten Linksecke vor den Strohballen mutig abzuwinkeln. Für die nicht ganz kleine Kreidlergruppe gibt es eine eigene Ecke, was sich auch einige der zum Teil von weither angereisten Rätschentreiber wünschen. Auf der Bühne, bei der Willkommensrede von Michael Köpple, dem ersten Bürgermeister der Stadt Kornwestheim, erging die geradezu verpflichtende Aufforderung an den MSC Ludwigsburg, diese Veranstaltung im zweijährigen Turnus fortzusetzen.

Tausend Fahrzeuge und knapp das Sechsfache an Besuchern vermelden die Organisatoren. Apropos Besucher. Da lassen sich ja wirklich interessante Leute ausmachen. Neugierige aus der Stadt, alte Fahrensmänner der Szene, aber auch Menschen, die man hier wirklich nicht erwarten würde. Da strebt so ein baumlanger Schlaks samt Sohnemann zielstrebig in Richtung Kreidler-Ecke. Das ist doch der...? Genau, nennen wir ihn der Tarnung halber einfach Michael. Im normalen Leben kommuniziert er für einen schwäbischen Automobilhersteller das Thema Oberklasse-Limousinen. Was eben so zum Leben gerade nötig ist. Zwölfzylinder, gekühltes Handschuhfach, elektronische Helfer in XXL. Aber maximal erscheint eben möglicherweise nur noch minimal, wenn es um die Lebensfreude geht. Besagter Michael besitzt nun, laut diesbezüglich gut unterrichteten Kreisen, zwei Kreidler-Mofas und genießt in vollen Zügen verständliche deutsche Technik der siebziger Jahre. "Zurück zu den Wurzeln", knattert der Zweitakter mahnend in die Umgebung. Sollten außer unserem Michael und den anderen Teilnehmern noch mehr Leute so denken, stehen zukünftigen Rätschentreffen goldene Zeiten bevor.

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