Intermot-Rückblick Eine Frage der Zeit

INTERMOT 2008: Fleißige PS-Mitarbeiter versuchen wie schon vor zwei Jahren, in unter 15 Sekunden die Räder eines Langstreckenracers zu wechseln. Taiwan und China präsentieren den neuesten Motorrad-Ramsch, und das Innovationszentrum zeigt stolz den Trend der Zukunft: E-Bikes.

Foto: Jahn

Eine Frage der Zeit

Ticket vergessen. Mist. Das fängt ja gut an. Die INTERMOT in Köln ist noch nicht einmal eröffnet, und schon gibt’s erste Schwierigkeiten. Das Ersatzticket bekomme ich am anderen Ende der großzügig dimensionierten Messeanlage. Was man nicht im Kopf hat... Einige Rolltreppen und Hallendurchquerungen später spuckt schließlich der Drucker am Presseschalter die Zugangsberechtigung aus und ebnet mir den Weg zu einer Erlebniswelt, die in diesem Jahr über 200 000 Besucher und über 1000 Aussteller anlockt. Vorbei an Check-in-Schaltern mit grün uniformierten Messe-Dienern führt der Weg zu Honda. Die traditionsreichen Japaner protzen mit einer Ausstellung wunderschön aufgebauter Klassiker und einer technisch nichtssagenden, mysteriös-roten Studie, die das Revival der V4-Ära einläuten soll. Dabei wartet das wesentlich interessantere Konzeptbike an einer Wand hinter rotem Absperrband: die Evo6, ein Musclebike mit dem Sechszylinder der Gold Wing und einer Front, die Suzukis B-King eingeschüchtert die übergroßen Auspufftüten einziehen lassen würde. Leider steht laut Honda eine Serienproduktion derzeit nicht zur Debatte. Schade, denn die Neuheitenparade der Serienfahrzeuge fällt überschaubar aus; Highlight ist die CBF 125, die mit 11 Nm laut Hersteller Klassenprimus in Sachen Drehmoment sein soll und zudem bereits für 2100 Euro zu haben ist. Alles andere ist bekannt:

Der Supersportler CBR 600 RR ist 2009 mit Sport-ABS erhältlich – was eigentlich sehr viel interessanter ist, als es klingt – und erhielt im mittleren Drehzahlbereich etwas mehr Leistung, die Fireblade gibt’s in neuen Farben. In der Nachbarhalle wartet der INTERMOT-typische Kulturschock: Asien meets USA. Der offiziell angegebene Anteil ausländischer Aussteller von 65 Prozent scheint hier deutlich untertrieben. Chinesische, taiwanesische, pakistanische und amerikanische Ministände, wohin das Auge blickt, bewacht von einer Armee Furcht einflößender Riesenquads. Die Schwellenländer scheinen den europäischen Motorradmarkt trotz der allgemein schlechten Lage nach wie vor groß auf dem Speiseplan stehen zu haben. Irgendwie beängstigend. Schnell weiter. Kawasaki- und KTM-Banner tauchen am Hallenhimmel auf, und der Herzschlag beruhigt sich wieder. Der Streifblick über die Modelle der Orangen findet nichts Neues und bleibt an einem Schild hängen, das die Neuheitenpräsentation nebst Pressekonferenz auf die EICMA in Mailand (1. bis 9. November) vertagt. Hm, hier gibt’s also nicht einmal einen Speiseplan. Bei den Grünen sollen die neue ZX-6R im Kleid der großen Schwester und überarbeitete ER-6-Modelle die Kunden locken.
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Modernes, Zukünftiges und Skurrilles

Bleibt abzuwarten, ob der Supersportler endlich wieder zur alten Klasse zurückfindet. Wünschen würde ich es Kawasaki, trotz des Ausstiegs aus der IDM. Beim weiteren Hallenwandern fällt der Blick auf einen interessanten Glaskasten bei Uvex. Die Crosserbrille im Innern dunkelt per Schalter das Visier ab. Wie geht das denn? Ein freundlicher Uvex-Mann erklärt das Konzept dahinter: Per LCD-Technik (bekannt vom heimischen Taschenrechner) im Visier lässt sich via Knopfdruck die Tönung ändern. Momentan nur in Ski- und Crosserbrillen erhältlich, ist langfristig auch ein Integralhelm mit dieser Technik geplant. Klingt viel versprechend: Mit so einem Schaltvisier könnte man endlich bei Sonne und an der Eisdiele den coolen Macker markieren und würde im Tunnel bei ausgeschalteter Tönung trotzdem noch die Straße erkennen. Bis zur Serienreife des Helmvisiers wird es allerdings noch etwas dauern, langfristig sind auch ein Tönungsverlauf oder eine stufenlose Regulierung denkbar.

Vorbei an einem 21000 Euro teuren norwegischen Dreirad mit KTM 690 SM-Motor und knieschleiftauglicher Schräglage, an BMWs Superbike S 1000 RR und Ducatis Monster 1100 geht es zu Aprilia, die mit der RSV4 ihre Speisekarte deutlich aufpeppen und die Frage nach dem Wann-und-Wie nun endlich beantworten. In natura sieht sie noch besser auf als auf den Fotos. Ich freue mich auf den ersten Test. Das kann ich irgendwie auch von Hyosungs Brennstoffzellenroller F.C. One.R sagen. Die 1 kW starke Plastikkiste auf zwei Rädern fährt elektrisch und lädt sich im Stand über die per Methan gefütterte Brennstoffzelle wieder auf. Sind furzende Kühe also doch für was gut. Apropos Elektro. Zum ersten Mal gibt es auf der INTERMOT in diesem Jahr ein groß angelegtes Innovationszentrum. Modernes, Zukünftiges und Skurrilles. Da muss ich hin. Schon allein, weil PS mit seiner Radwechsel-Show und der Sportbike-Ausstellung direkt daneben gastiert.
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Das Innovationszentrum

Der Weg führt vorbei an Suzukis GSX-R 1000, der neuerdings runden SV 650-Interpretation Gladius, Yamahas Technik-Protzer R1 mit Big-Bang-Motor und dem überstarken Männerbike Vmax. Allesamt Motorräder, die das nächste Motorradjahr prägen werden, aber nicht so viel Appetit machen wie die RSV4. Ein Haltegriffsystem von Vinxxgrip fällt mir ins Auge. Einfach zu montieren, leicht abnehmbar. Klingt gut, könnte man mal testen. Nach vielen weiteren Treppen und einem Zehnminutenmarsch stehe ich vor einer ganzen Armada unterschiedlichster Elektroroller, daneben ein 21 kW starker, 100 kg leichter E-Crosser namens Ekrad und einige teils abenteuerliche Studien. Das Innovationszentrum. So sieht also die Zukunft aus. Ein Testcenter für passive Sicherheit aus der Schweiz namens DTC will in Zukunft Motorradfahrer anschnallen und dadurch bei einem Zusammenstoß den Fahrer im Sattel halten. Die Gurte erinnern an konventionelle Autogurte und lösen sich im Sturzfall elektronisch geregelt von selbst, der Fahrer soll über Motorradkleidung oder ein Geschirr mit dem Gurtsystem verbunden werden.

Daneben ein Gebilde mit Straßenzulassung, das an ein Fahrrad mit Hilfsmotor erinnert. Erockit. Seltsames Teil. Der Fahrer steuert durch Treten der Pedale einen Generator, der die Information an den Elektromotor weitergibt. Je schneller man tritt, desto schneller fährt es. 80 km/h sind drin, der Tretwiderstand ist einstellbar. Klingt spannend, pedaltretend ein Auto überholen zu können. Der Preis ist auch spannend: knapp 30000 Euro. Heiseres Vierzylinderbellen schreckt mich auf. Der PS-Stand ruft zur Reifenwechsel-Show. Mit Schwung bugsiert Bundy die GSX-R 1000 K4 auf die Bühne, dann verschwindet das Motorrad hinter einer Mechanikertruppe. Schlagschrauberrattern ist zu hören, Räder werden weitergereicht. Nach 15 Sekunden hat der Spuk ein Ende, und der Endurance-WM-Gixxer steht auf neuen Sohlen. Das geht noch schneller; nächster Versuch: 13 Sekunden. Na also! In machen Dingen geht es der PS-Crew wie dem Innovationszentrum. Alles eine Frage der Zeit.

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