Szene: Meine abwegigste Tour Italian Legendary Tour 2010

Weltuntergangsstimmung in der Toskana. Das Wasser steht in den Kurven und rinnt in die Kombi. Seit neun Stunden im Sattel, höchste Zeit für das Abschlussbier und eine warme Dusche. Wenn da nicht die Tourguides wären...

Foto: Barbanti

Die Bühnendeko könnte glatt einer Wagner-Oper entliehen sein: Über Mugello sind dunkle Wolken aufgezogen. Mit der Dämmerung prasselt sintflutartig Regen herunter. Rund 50 Motorradfahrern aus aller Welt ist das in diesem Augenblick aber ziemlich egal. Selbst die ganz harten Jungs in ihren perforierten Einteilern sitzen mit leuchtenden Augen auf ihren Bikes und wärmen die Motoren mit kurzen Gasstößen an. Box Nr. 9 an der Rennstrecke ist an diesem ganz gewöhnlichen Dienstag gerappelt voll. Geduldig warten die Gewinner der zweiten Italian Legendary Tour darauf, dass sich die drei Tourguides für den Trip bereit machen.

Nicht weniger als 25 Weltmeistertitel führen die Gruppe an. Giacomo Agostini sitzt als Erster auf dem Bike seiner alten Hausmarke, einer MV Agusta F4. Allein 15 WM-Kronen gehen auf sein Konto. Neben ihm nimmt Kevin Schwantz auf einer Honda VFR 1200 Platz. Der Texaner kann zwar nur einen WM-Titel beisteuern, doch in der Sympathiewertung steht der 46-Jährige bei verdammt vielen Motorradfahrern aus aller Welt immer noch ganz weit vorn. Und das, obwohl er seit über 15 Jahren aus dem Rennen ist. Die restlichen neun Titel steuert kein Geringerer als Valentino Rossi dem Trio bei. Die Nr. 46 der MotoGP-Welt ist in diesem Augenblick natürlich der Superstar des Events. Als er seinen M3-BMW in die Box steuert, wird es für einen Moment still in Mugello. Doch die Andacht währt nur kurz. Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich zig Helme, Jacken, Kappen, T-Shirts und Fähnchen auf, werden Rossi in einem wilden Kanon aus Italienisch und Englisch entgegengestreckt, warten darauf, durch seinen Schriftzug geadelt zu werden. Erst dann kann Vale kurz in der Umkleide verschwinden, um sich ein passendes Outfit für den Mugello-Ritt auf einer Yamaha Super Ténéré überzuwerfen.

Schwantz steht in diesem Augenblick schmunzelnd im Hintergrund. Hat er doch den Starrummel um seine Person bereits hinter sich gebracht. Schließlich ist er schon den ganzen Tag lang mit den Jungs und Mädels unterwegs. Hat sich auf den kurvigen Straßen von Vicenza nahe Venedig nach Mugello (Toskana) unters Volk gemischt. Stilvoll in Leder gekleidet, auf dem Kopf, wie sollte es anders sein, "sein" Helm mit der Nummer 34 auf der Rückseite, der Startnummer seiner vielen Werks-Suzukis. Im Regen steht der Weltmeister von 1993 wie jeder andere am Straßenrand, kramt die Regenkombi aus dem Gepäck und zappelt sich hinein. Doch wer auf der folgenden Etappe dann das Glück hat, dem einstigen Grand Prix-Star durch die Gischt zu folgen, kommt aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher Souveränität nasse Straßen zu meistern sind. Auf dem hügeligen Geläuf mitten durch den Apennin hinauf auf den nebelverhangenen Passo della Raticosa und weiter Richtung Passo del Giogo zeigt sich der Altstar als Virtuose am Gasgriff: exakt gezirkelte Schwünge um noch so enge Kurvenradien, der Kopf immer weit jenseits der durchgezogenen Mittellinie, kein einziges Mal flackert das Bremslicht nervös auf. Die Linie auf diesem Tourabschnitt würde man gern in feinstes Carrara-Marmor gemeißelt als Souvenir für die Ewigkeit mitnehmen.

Genauso wie sich jetzt die zwei Ehrenrunden in Mugello bei allen Teilnehmern der Italian Legendary Tour für immer und ewig auf der körpereigenen Festplatte einbrennen werden. Das Trio fährt aus der Boxengasse, dahinter drängelt sich ein Pulk in wildem Stilmix: Ducati Monster und Multistrada 1200, MV Brutale neben Harley XR 1200, Hondas VFR 1200 im Paarlauf mit Yamahas neuer Super Ténéré. Das Wasser steht fingerhoch auf der Strecke. Dicke Tropfen trommeln auf die Helme, das Wasser rinnt in Stiefel und Handschuhe. Doch das ist in diesem Augenblick jedem hier egal. Dieser Augenblick mit dem Weltmeistertrio an der Spitze ist Stoff für die Ewigkeit und wird Inhalt noch so mancher Bikertreff-Geschichte sein.

Zumal es am nächsten Tag eine Bilderbuch-Tour werden soll. Die Toskana präsentiert sich mit blauem Himmel und leergefegten Korkenzieher-Straßen in Bestform. An diesem Tag führt Altmeister Giacomo Agostini die Italian Legendary Tour an. Der 68-Jährige ist in seinem Heimatland ein Volksheld - einer zum Anfassen: Wild gestikulierend wird mit dem Tankwart an der Zapfsäule die Tagespolitik ausdiskutiert. Mit spitzbübischem Lächeln verteilt Ago bei Stopps auf diversen Piazzas Handküsse, die ältere Signoras wie blutjunge Teenager erröten lassen. Gleichzeitig ist Giacomo der Türöffner an diesem Tag: Ob es mit Polizeieskorte quer durch Florenz geht oder die für den Verkehr gesperrte Piazza vor der imposanten Kathedrale mitten in der Altstadt von Massa Marittima angesteuert wird. Die deutschen Gewinner des Trips können ihr Glück an diesen drei Tagen kaum fassen. Für den 41-jährigen Michael aus Wiehl bei Gummersbach kann der Wiedereinstieg ins Zweiradleben nicht schöner sein: "Das ist hier ganz großes Kino." Und auch Dietmar aus Nürnberg ist schwer beeindruckt: "Die Info über den Gewinn habe ich anfangs für einen schlechten Scherz gehalten. Und nun ist es ein Traum geworden."

Das ist die Italian Legendary Tour Ein Traum wird wahr, zum zweiten Mal... Initiator ist die italienische Bekleidungsfirma Dainese. 2009 startete die Italian Legendary Tour zum ersten Mal durch die Dolomiten. Bei der Premiere dabei: die Weltmeister Marco Lucchinelli, Max Biaggi und Giacomo Agostini. Partner in diesem Jahr waren die Motorradmarken Ducati, MV Agusta, Yamaha und Honda, die den Fuhrpark bereitstellten. Dazu diverse Tourismusverbände, die bei Stopps entlang der Strecke die kulinarischen Highlights der Toskana präsentierten. Und die Teilnehmer? Kommen aus aller Welt und haben den Trip mit verdammt viel Glück beim Kauf eines Dainese-Produkts gewonnen.

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