Pitlane: 1000 Kilometer Hockenheim Aller Anfang ...

Stunde der Wahrheit: Nach diversen Trainings und Tests fuhr PS-Rookie Uwe Seitz bei den 1000 Kilometern sein erstes Rennen. Zuversichtlich brach er nach Hockenheim auf. Doch dann kam alles anders.

Foto: Jahn

Aller Anfang ...

"Wer nett ist, fährt 2:08." Treffender hätte PS-Fotograf Markus Jahn meinen Auftritt bei den 1000 Kilometern von Hockenheim wohl nicht zusammenfassen können. Ernüchterung folgte nämlich auf das schöne Gefühl im Parc Fermé, endlich das erste Rennen gefahren zu sein. 2:08 min als beste Runde im Sprintrennen fühlt sich an wie ein Tiefschlag. Die Euphorie weicht der Enttäuschung. Mein Teamkollege Mike Nägele zeigte deutlich, was drin war. Er fuhr eine 1:58er-Runde. 10 Sekunden! O tempora, o Rookie! Gründe? Die sind so zahl- wie lehrreich zugleich. „Eigentlich kannst du einen dressierten Affen da draufsetzen“, hat mir Ex-GP-Racer Jürgen Fuchs einmal über das Rennfahren erzählt. Jetzt weiß ich erst, wie er das gemeint hat.

Doch das Ganze hatte ein bezeichnendes Vorspiel. Begonnen hat das Unternehmen „Racer“ nämlich am Karfreitag mit kalten Füßen – in jeder Hinsicht. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, heftige Regenschauer und schließlich Schnee am Nachmittag waren natürlich keine idealen Bedingungen für die Racer-Taufe. Klebrige Conti Race Attack, das war klar, schieden damit als Reifen für unsere Honda CBR 600 RR jetzt schon aus. Herkömmliche Straßenreifen mussten her. Und damit begann das Grübeln. In solchen Bedingungen war ich noch nie unterwegs. Damit sollte ich so richtig Gas geben? Nur nicht hinfallen, nur ankommen und nicht Letzter werden – das war unser Ziel. War das jetzt überhaupt zu schaffen? Mike war abgeklärt, einen besseren Teampartner konnte ich mir nicht wünschen. Aber jedes Gerücht von der Absage der ganzen Veranstaltung schlich sich wie eine frohe Botschaft in mein Bewusstsein. Dann wär ich erst mal alle Sorgen los. Dieses Gefühl hatte ich zuletzt vor Mathearbeiten, wenn sich Halsschmerzen einstellten.

Das Prozedere der Dokumenten- und Fahrzeugabnahme lief problemlos, die CBR verschwand schließlich im Parc Fermé. Ein warmer Fensterplatz und die Aufnahme von isotonischen Kaltgetränken beruhigten die Nerven und verkürzten das Warten auf die große Fahrerbesprechung am Abend. Die Veranstalter waren fest entschlossen, mir keinen Gefallen zu tun. Abbruch, so hieß es, sei das letzte Mittel. Zunächst wolle man die Dauerprüfung später starten, die Distanz verkürzen und die Sprintrennen in die etwas wärmeren Nachmittagsstunden verlegen. Jetzt gab es also keinen Weg mehr zurück. Höchstens der Grieche, bei dem wir abendessen waren, konnte mich noch retten. Aber die Athen-Platte war tadellos – die Welt ist grausam.

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Foto: Jahn

Das Prinzip eines dressierten Affen

Das Rennfahrer-Dasein bei den 1000 Kilometern beginnt früh. Normal startet die Dauerprüfung Punkt 8 Uhr. Das Wetter zeigte sich sogar etwas geläutert. Zwar war die Strecke noch sehr nass, die Temperaturen nur ein paar Grad über Null, aber die ganz dicken Wolken des Vortages hatten sich gegen alle Prognosen und meine geheimsten Wünsche verzogen.

Der Start wurde um eine Stunde verschoben, und als die Startfahrer bereits auf der Strecke waren, entschloss sich die Rennleitung, die Distanz auf 40 Runden zu verkürzen. Vierzig Runden in vier Stunden? Sechs Minuten für jede der etwa 4,5 Kilometer langen Runden? Das klang tatsächlich beruhigend. Unsere ursprüngliche Strategie, nach 26 Runden mit leerem Tank in die Box zu kommen, den Fahrer zu wechseln und nach drei Stopps neue Reifen zu montieren, war jetzt natürlich Makulatur. Dennoch beschloss unser Team mit Axel, Fritz und Martina, dass Mike seine 26 Runden abspult, ich die restlichen 14 Runden fahre und eventuell dann ein paar Extrarunden drehen kann. „Alles klar, es trocknet ab, pass auf, nur noch ein paar feuchte Stellen“, Mike klopft mir auf die Schultern und los geht’s. Der Verkehr ist erheblich größer als bei den Renntrainings, von allen Seiten kommen die Racer angeflogen. Vorsichtig nehme ich den Kurs in Augenschein, gebe schließlich mehr Gas und spule 2:10er-Runden ab, die sich ganz angenehm anfühlen. Hie und da überhole ich sogar. Dann plötzlich beginnt die Sturzarie. Zuerst wirft einer seine 1000er direkt vor mir in der Spitzkehre weg, zwei weitere sollten in den folgenden Runden folgen. Am Eingang der Parabolika liegt bald der Nächste, vor der Mercedestribüne künden weiße Kratzspuren von einem frischen Sturz. Munter fallen sie weiter. Die abgetrocknete Strecke scheint trotz niedriger Temperaturen vielen mächtig die Gashand zu lockern. Beim Stopp in der Box nach absolvierten 16 Runden beschließen wir, nichts mehr zu riskieren und das Motorrad im Parc Fermé abzustellen.

„Den Le-Mans-Start möchte ich schon gern machen“, höre ich mich sagen. Die lockeren Runden der Dauerprüfung haben meine Nervosität weggeblasen, die anstehende lange Pause mutig gemacht. Dann ist es so weit: Zwei Aufwärmrunden, danach geht’s in die Startaufstellung. Der Puls hämmert jetzt gewaltig, die Anspannung erreicht den Siedepunkt. Es herrscht absolute Ruhe, die Ruhe vor dem Sturm. Nach dem 10-Sekunden-Schild winkt der Starter mit der Flagge. Das Trampeln von Stiefeln zerreißt die Stille. Ich springe auf die CBR, die Kupplung schon gezogen. Druck auf den Startknopf, die Honda springt sofort an. Getöse überall, von links und rechts schießen die Motorräder auf die erste Kurve zu. Und jetzt begehe ich den größten Fehler, den ein echter Racer niemals macht: Ich stelle mich brav hinten an. Andere, mit dem Messer zwischen den Zähnen, halten ganz innen furchtlos rein, drücken sich durch, zwingen die Hinteren zum Bremsen. Ich gehöre zu den Ausgebremsten und bin von nun an damit beschäftigt, dranzubleiben. Dann begehe ich den zweiten großen Fehler: An langsamere Fahrer häng ich mich dran, statt mich auf meine Linie zu konzentrieren. Zu oft muss ich bremsen, bis ich mich sicher genug fühle, um vorbeizugehen. Dann begehe ich den dritten großen Fehler: Ich gebe nur verhalten Gas, blödsinnig vor Aufregung verschalte ich mich, bremse viel zu früh, rolle zu langsam durch die Kurven und lasse mich von anderen einschüchtern, die sich an mir vorbeischieben. Kaum löst sich meine Anspannung und ich nehme Fahrt auf, sehe ich die Boxentafel – der Wechsel steht an. Dass ich dabei fast das Motorrad fallen lasse, setzt dem Ganzen die Krone auf. Mike braust davon und macht Plätze gut. Ich bin einfach happy, dass es vorbei ist, stehe an der Boxenmauer und zittere wie Espenlaub – die Aufregung, das Adrenalin, die Euphorie. Am Ende sind wir 15. von 30 gestarteten Supersportlern. Wir beglückwünschen uns herzlich. Erst als ich die Zeiten sehe, merke ich, wie falsch alles lief. Aus dem Glücksgefühl wird echte Enttäuschung.

Dafür habe ich gelernt, warum ein dressierter Affe ein guter Racer wäre: Der denkt nicht nach, hält rein, ruft sein gelerntes Programm ab und fackelt nicht lange. Ich weiß, was ich zu tun habe: Die Evolution umdrehen. Deshalb war das erste Rennen nicht das letzte: Der Rookie lässt sich nicht entmutigen, der nächste Einsatz ist geplant – to be continued.

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Foto: Jahn

Was sonst noch geschah

Dieses Jahr werden sicherlich die härtesten 1000 Kilometer aller Zeiten. Nichts für Warmduscher.“ Mit diesen Worten schloss Fahrleiter Torsten Witter die Fahrerbesprechung am Freitagabend. Zum ersten Mal seit Jahren war das Starterfeld der 1000 Kilometer nicht voll; Nässe und Kälte hatten für Absagen im Vorfeld gesorgt. Schneetreiben am Freitag rückte die Veranstaltung nahe an einen Abbruch.

Ebenfalls Tribut an das Wetter zollten etliche Fahrer mit Stürzen. Zwar hielten die sich bei den üblen Bedingungen zu Beginn der Dauerprüfung in einem erstaunlich niedrigen Rahmen, aber als die Strecke abgetrocknet war, überschätzten wohl einige den Grip auf sehr kaltem Belag. Zum Glück ging alles ohne ernsthafte Verletzungen ab.

Die Entscheidung der Verantwortlichen, die Dauerprüfung zu verkürzen, war zweifellos fahrerfreundlich. Warum nur 40 Runden in vier Stunden angesetzt wurden, gab Gerüchten Vorschub: BMW habe darauf gedrängt, weil ihre Top-Fahrer bei dem Wetter nicht besonders motiviert waren, eine Dauerprüfung zu fahren. Überhaupt war BMW das Gesprächsthema: Mit dem Team Motobike boten die Bayern nicht nur die prominentesten Fahrer auf, nämlich die Vorjahres-Sieger Markus Barth und Jürgen Fuchs, sondern lieferten mit einer großen Ausstellung sämtlicher BMW-Modelle und einer Armada neuer HP2 Sport auf dem Kurs einen Auftritt auf IDM-Niveau ab.

Sportlich wurde der massive Auftritt der Werksteams ebenfalls heftig diskutiert, besonders von angestammten Seriensportlern und Hobbyfahrern, der eigentlichen Klientel der Veranstaltung. Letztlich konzentrierte sich das Interesse auf die Klasse 4, dort auf das Duell BMW gegen KTM, die mit ihrer neuen RC8 ebenfalls einige Teams an den Start gebracht hatten. Dass das Duell eher mau ausfiel, lag am Sturz des Finnen Pauli Pekkanen (Gehirnerschütterung). Er war Partner von Stefan Nebel; deren RC8 verpasste damit den Sprung ins Sprintrennen. BMW gewann, obwohl sie eigentlich aufgrund eines Fehlers in der Dauerprüfung (zu spät im Parc Fermé) eine Zeitstrafe bekommen hatten. Der Druck der Bayern war dem ADAC aber offensichtlich zu groß, die Minutenstrafe wurde aufgehoben. Sonst hätte Buell Hannover das Rennen gewonnen. Ist das die Zukunft der Veranstaltung?

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