Pitlane: Endurance-Rennen Hockenheim Rookies Endurance-Taufe

Endurance-Rennen haben ihre eigenen Gesetze – wie oft haben wir diesen Satz schon gehört und gelesen? Doch der PS-Rookie und sein Team merkten bei den 500 Kilometern von Hockenheim sehr schnell, dass nicht nur Sepp Herbergers Fussball-Weisheiten zeitlos sind.

Foto: Jahn

Rookies Endurance-Taufe

Das erste Rennen hier zu Ostern war ja echt nichts. Nicht nur, dass es bei den 1000 Kilometern von Hockenheim erbärmlich kalt war und meine Rundenzeiten denkbar unrühmlich. Von den 1000 Kilometern waren nach der wetterbedingten Distanz-Verkürzung ja kaum noch welche übrig geblieben. Von wegen Langstrecke! "Das Salz in der Langstrecken-Suppe", doziert Endurance-Aktivist Schröter aber gern, "sind Renntaktik, Fahrerwechsel, Tankstopps, Teamwork." So kamen die 500 Kilometer von Hockenheim gerade recht, um am Rookie nun auch die Endurance-Taufe zu vollziehen. Dem Namen nach klingt die Veranstaltung fast läppisch. Aber im Gegensatz zum Oster-Klassiker mit einer langen, eher unaufgeregten Dauerprüfung und anschließendem Sprintrennen handelt es sich bei der 500-Kilometer-Distanz um eine echte Langstrecke: Le-Mans-Start, knapp 4 Stunden volle Pulle, Fahrerwechsel, Tankstopps, Reifenwechsel – wenn alles normal läuft!

Als Untersatz bekam das wegen der Retro-Fahrerkoteletten kurzerhand „Flying Sideburns“ getaufte Team eine serienmäßige Kawasaki ZX-6R. Die sollte mit ihrer guten Anti-Hopping-Kupplung besonders Ende der Parabolika für beruhigteres Anbremsen sorgen. Das tat sie tadellos, aber sonst gab es auf den 500 Kilometern mehr als genug Aufregung für einen schwülen Sonntagnachmittag. Niedergeschlagenheit ist ein blödes Gefühl – und das schon vor dem Rennen. Die vorangegangenen Wochen hatten meine Erwatungen mächtig anschwellen lassen. Eine 1:39 min in Oschersleben, ein gelungener Gaststart beim Street-Triple-Cup – da sollten Zeiten unter 2 Minuten in Hockenheim doch kein Problem mehr sein. Ich nahezu gleichschnell wie Partner Mike Nägele? Junge, wir werden ganz weit kommen – wenn alles normal läuft. Tja, Pustekuchen! Egal, wie schnell ich mir vorkam, die 2 Minuten blieben eisern stehen. Und je mehr ich mich über meine mittelmäßigen Trainingszeiten aufregte, desto mehr Fehler fabrizierte ich pro Runde. Ist kontraproduktiv. Ich weiß. Lässt sich aber nur schwer abstellen. Doch das sollte sowieso nicht unser Hauptproblem sein. Auch nicht der schleichende Plattfuß, der sich ausgerechnet auf meinem Turn im Zeittraining einstellte. Von wegen, wenn alles normal läuft.

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Foto: Jahn

Sprit muss her!

Mike durfte diesmal über die Piste zum Motorrad rennen und sich dem Gerangel vor der ersten Kurve hingeben. Der Kick von den 1000 Kilometern reichte mir noch, und jetzt stürzten sich gleich 62 Fahrer auf einmal in die Nordkurve. "Traumstart" ist kaum übertrieben: Mike sackte ein paar Kontrahenten vor dem Abwinkeln ein und überholte noch mehr auf den ersten beiden Runden. Na bitte, läuft doch! Aber schon schlug das Gesetz der Langstrecke, "Es kann viel passieren", zu: Fast 11 Sekunden langsamer als gewohnt kam die grüne 23 aus der dritten Runde. Plötzlich rollte Mike hinter uns an die Box, gestikulierte wild und begann, ganz gegen sein Naturell, herumzubrüllen. Die Hinterradachse hatte sich gelöst. Vermutlich war der Kettenspanner nicht sauber gekontert und die Achse eher „behutsam“ angezogen worden. Früher unfreiwilliger Boxenstopp, etliche Plätze weg. Aber es ging ja weiter, Zeit blieb noch, das alles auf der Piste wieder auszugleichen – wenn jetzt alles normal läuft!

26 Runden, so hatten wir anhand des angegebenen Tankvolumens errechnet, würde die Kawasaki am Stück drehen können, bis der Sprit knapp würde. Das entspricht einem Turn pro Fahrer von knapp einer Stunde. In Runde 25 signalisierte Zeitnahme-Chefin Martina ihrem Liebsten auf der ZX-6R den fälligen Tankstopp mit Fahrerwechsel. Fritz gab mir das verabredete Zeichen: Ohrstöpsel rein, Helm auf, Handschuhe an. Mein Puls legte ein paar Takte zu. Gleich würde ich mit dem zweiten Schlüssel den Tankdeckel aufmachen, Andi die Kawa betanken, Fritz Reifen und Beläge checken, ich zwischenzeitlich den Bremshebel nach meinem Gusto einstellen, Mike den Tankschlüssel abziehen, absteigen, ich aufsitzen und losbrettern. Tja, wenn alles normal läuft! Aber Mike kam nicht. "Euer Mann steht ohne Sprit in der Sachskurve", zerriss ein Zuruf von irgendwoher unsere Ratlosigkeit und verwandelte diese schlagartig in unkontrollierte Aufregung.

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Foto: Jahn

Pleiten, Pech und Pannen

Fritz und Andi stürmten schließlich mit einem kleinen Spritkanister mit Stoßrichtung Motodrom hinten aus der Box. In dem Moment bog Mike gerade schiebend und schnaufend am Mobilturm vorbei in die Boxengasse. Ein Streckenposten half ihm, während Umstehende die davongestürmte Sideburn-Service-Truppe wieder einfingen. Nach einer halben Ewigkeit saß ich total nassgeschwitzt im Sattel der ZX-6R und spulte meine Runden ab, die mehrheitlich mal wieder durch viel zu zögerliches Überholen auffielen und gelegentlich wenigstens ein paar 2:01 min ausspuckten. Dafür hatte ich keine weiteren Pannen und übergab nach 23 Runden völlig platt das Motorrad an Mike. Ist ja Wahnsinn, jetzt läuft endlich alles normal. Dann kam Wind auf. Der Himmel verwandelte sich zeitgleich von badisch-lieblich in die bedrohliche Kulisse eines schwermütigen William-Turner-Gemäldes.

Die fragenden Blicke in den Boxen bezüglich Regenreifen löste der schlagartig einsetzende Hockenheim-Monsun auf, der den veranstaltenden ADAC-Hessen-Thüringen schließlich zu einer Rennunterbrechung von knapp einer halben Stunde nötigte. Bedauerlicherweise konnten wir so unser rekordverdächtiges Umbereifen des aufgezogenen Satzes Trocken- auf Regenreifen in der Box nicht in zählbare Plätze ummünzen. Dafür entpuppten sich die Bridgestone-Regenreifen als vortreffliche Wahl: Mike spulte seine Rundenzeiten in Top-5-Manier ab und übergab die Kawa bei abtrocknender Strecke. Fünf Runden hatte ich runter, da überquerte das Siegerteam um 18 Uhr die Ziellinie. Die karierte Flagge beendete nach 4 Stunden Aufregung unser Endurance-Abenteuer. Nichts burnt dann übrigens spektakulärer als ein richtig heißer Regenreifen! Als sich der Rauch verzogen hatte, waren wir 30. von 62 gestarteten Teams, 1000er und andere PS-Boliden eingerechnet. Von den Teams mit nur einem Motorrad waren wir sogar acht. Nicht auszudenken, wo wir ohne unsere dämlichen Pannen gelandet wären. Aber wie sagt PS-Chef Schröter: "Das ist Endurance." Jedenfalls eine Riesensache, mit viel Fahrzeit, Freunden, Action – wenn fast alles normal läuft.

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