Pitlane: Street Triple Cup in Oschersleben Was geht?

Das fragten nicht nur die Stuttgarter Hip-Hopper von den Fantastischen Vier bei "Rock the Race" in Oschersleben. Auch der PS-Rookie kam aus Benz-Town in die Magdeburger Börde, um bei den Rennen des Triumph Street Triple Cups heraus­zufinden, was für den Renn-Novizen mittlerweile geht: Eine ganze Menge, er stieß in ungeahnte Dimensionen vor.

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Was geht?

Neulich sah ich mir mal wieder den Film „The Doctor, the Tornado and the Kentucky Kid“ an, eine packende Doku über das erste MotoGP-Rennen ­in Laguna Seca. Total faszinierend, Colin Edwards, Valentino Rossi und Nicky Hayden­ zuzuhören, was ihnen Runde für Runde durch den Kopf geht, wie sie sich ihre ­Gegner ausgucken, die Taktik ändern, hoffen, kämpfen, siegen – oder scheitern.

„Unglaublich – eine andere Welt“, dachte ich bisher, wenn ich den Streifen sah. „Abgefahren, niemals nachvollziehbar“ war regelmäßig mein Resümee beim Abspann. ­Das änderte sich auch nicht, als mich ­­die Rookie-Geschichten selbst ins Renngeschehen spülten. Viel zu sehr war ich dort mit mir selbst beschäftigt, mit dem Motorrad, der Linie, dem ganzen Drumherum und vor allem den Nerven. Renntaktik, aus­spähen, reagieren? Pah, wie denn! Will der Rookie aber jemals ein Racer werden, muss sich vor allem dieser Punkt ändern. Ich bekam eine weitere Chance.

Mit dem Gaststart beim Triumph Street Triple Cup ziehe ich also nach den unglücklichen 1000 Kilometern von Hockenheim und dem ersten Lichtstrahl, der KTM Super Duke Battle, in meine dritte Rennveran­staltung. Siehe da, mit ein bisschen Erfahrung kommt das Gefühl fürs Wesentliche. Locker fahre ich mit dem nackten 675er-Drilling das erste freie Training und bin ­sofort gut gelaunt: Das Motorrad fährt ­sich top, spielt einem die Strecke förmlich in die Hände, der Motor easy going, die Bridge­stone-003er kleben.

Am Ende glaube ich sogar, dass ich im Rennen in Sichtweite meiner 1:44,6-Runde aus der Super Duke Battle fahren könnte, obwohl die Triumph knapp 20 PS weniger hat als die KTM. Und dann die Überraschung: 1:43,5 – die persönliche Bestzeit schon jetzt um eine Sekunde unterboten. Noch besser läuft das erste Qualifying: 1:42,134 – damit steht der Rookie, also ich, in den Top 10.
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Racer-Feeling

Während die ersten Bands an diesem Freitagnachmittag das Festival für das eher handverlesene Teenie-Publikum eröffnen, gönne ich mir als Belohnung für meinen Startplatz ein kühles Bier im G-Lab-Truck. Zugegeben, die Zeit war nicht annähernd so rasant wie die von Tode und Hafeneger, die sonst hier sitzen, aber das aufkommende Racer-Feeling muss man sich ja nicht gleich wieder schlecht reden. Selbst Frank Hoffmann, seines Zeichens Cup-Chef, G-Lab-Member und passionierter Stichler, schlägt erstaunlich milde Töne an.

Gebe ich jedoch ungefragt Kommentare zum Fahrverhalten der Triple oder stolze Schilderungen meiner Racing-Manöver zum Besten, tritt Herr Hoffmann auf die Rookie-Bremse: „Gib einfach mal Gas.“ Dafür spendiert er das nächste Bier,
G-Lab Hangaround und Triple-Pilot Nr. 13 Guido Müller stellt die allgegenwärtigen ­Jägermeister-Festival-Shooter dazu. Fürchtet man den Rookie jetzt schon? Soll er ­mit Alkohol unschädlich gemacht werden? Ich bin nicht besonders scharf darauf, ­während meiner Rookie-Ausbildung zu erfahren, wie sich Profi-Racer nach einer durchzechten Nacht in der Startaufstellung fühlen.

Also endet mein Festivalabend hier; trotzdem gelingt mir am folgenden Morgen keine bessere Zeit im 2. Qualifying. Einer fährt tatsächlich noch in die Top 10 und drückt mich auf Startplatz 11. Egal, jetzt heißt es Fanta4 genießen, mal bei Herbert reinschauen und zeitig ins Bett. Denn um 8.40 Uhr am Sonntagmorgen ist Rennen. Kaum sind die Reifenwärmer aufgezogen, steigt die Nervosität – nichts zu machen, und ich glaube, Colin, Vale und Nicky spüren jetzt etwas Ähnliches. Die Einführungsrunde fühlt sich komisch an, geht viel zu schnell zu Ende, und plötzlich erlischt die rote Ampel. Dann folgt ein Déjà-vu: Start versaut, etliche Plätze verloren, Frust und Selbstzweifel – „Uwe, du lernst es nie, du bleibst für immer ein Rookie!“ Doch schon in der ersten Kurve erobere ich ­Plätze­ zurück, und neue, nie gedachte Gedanken erobern mein Großhirn: Nicht mehr „Hauptsache sitzen bleiben“, „Ist doch nur Spaß!“ oder „Hier geht’s um nix“, sondern „Gib Gas“, „Schnapp sie dir“ und „Fighten!“­ hämmert es unter meinem Helm.

Nach dem Start war ich auf Platz 17 zurückgefallen, sechs Runden später kämpfe ich um Platz 10. Jawohl, ich kämpfe! Und treffe dabei auf die Nummer 11, Dominik Vogel. Während ich überlege, ob ich vielleicht noch weiter vorfahren könnte, gibt sich Dominik leider nicht geschlagen und bremst sich ständig Ende der Gegengeraden oder nach Start/Ziel an mir vorbei. Egal, wo ich ihn überhole – Hasseröder, Hotelkurve oder im S, die 11 bleibt dran und nutzt meine viel zu lasche Bremserei aus. Plötzlich höre ich Colin, Vale und Nicky: „Du musst deine Fahrweise ändern!“ Ich versuche, später zu bremsen, keinen Zentimeter von der Kampflinie aufzugeben. In der vorletzten Rechts halte ich eisern dagegen, Dominik muss das Gas zumachen. Ich spüre sein Motorrad am Bein, aber ­bleibe vorn. Bald tropft der Schweiß von der Nase, die Luft geht mir aus – „Wann ist endlich Schluss?“ Leider später als erhofft: Eingangs der letzten Runde schießt Dominik an mir vorbei, ich habe einfach keine Kraft mehr, dagegenzuhalten. Und am Ende der Gegengeraden schlüpft mir auch noch Thomas Tack durch – verdammt, wo kommt der denn her?
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"Wow, Doctor, ist das cool!"

Bleiben die letzten beiden Kurven; was würde Vale tun? Ich bremse, so spät es geht. Zu spät. Vorbei, die zwei gehen knapp vor mir über die Ziellinie. Ich ärgere mich über diesen 12. Platz, als hätte ich gerade die WM verloren. Noch vor ein paar Wochen wäre ich einfach glücklich gewesen, überhaupt einmal ein Rennen zu fahren. Woher kommt jetzt dieser Ehrgeiz?

Schon in der Auslaufrunde legt sich das wieder. Zu hoch ist der Fun-Faktor, die Freude über ein so spannendes Rennen und die Kameradschaft im Parc Fermé. Ausgelassen diskutieren Thomas, Dominik und ich die letzten Runden. Und es ist tatsächlich wahr: Der Rookie bekommt seinen ersten Pokal, eine glamourös angehauchte Siegerehrung vor spärlich besetzten Rängen und respektvolle Schulterklopfer von wirklich schnellen T-Cup-Racern wie Frank Spenner, Hajo Ammermann und dem Abo-Sieger Christoph Helmich. Der Paukenschlag kommt bei den Rundenzeiten: Mit meiner 1:40,5 hätte ich ­sogar noch weiter vorn landen können. „Dir fehlt halt noch der Killerinstinkt“, stichelt diesmal Fotograf Dave.

Das zweite Rennen verläuft völlig anders. Ich will mir nicht gleich wieder am Start die Butter vom Brot nehmen lassen und bremse erst einmal gar nicht. Siebter, ich bin Siebter! Doch beim Anbremsen der ersten Kurve muss ich feststellen, wie optimistisch mich der „Killerinstinkt“ gemacht hat: Für einem Moment steht das Vorderrad, ich pflüge geradeaus, muss in die Autoschikane ausweichen und reihe mich als
Letzter weit hinter dem Feld wieder ein. Von nun an kämpfe ich mich verbissen nach vorn, bin zur Halbzeit wieder auf Platz 12, greife Dennis Kaßburg an, komme vorbei und werde wieder von ihm überholt. Wie Dominik und ich in Rennen 1 liefern wir uns ein Match. Egal, was ich versuche, Dennis macht geschickt die Tür zu, gibt sich kaum eine Blöße und
hält dagegen. Egal, was der Texas-Tornado und der Doctor mir einflüstern, ich schaff es nicht – die 9 geht vor mir über die Ziellinie. Der Frust hält sich aber ­in Grenzen, irgendwie habe ich an diesem Wochenende einen gewaltigen Schritt getan. MotoGP-Helden sprechen zu mir, denn plötzlich fahre ich richtige Rennen, wie ich es vorher nie gedacht hätte. Der Speed, die Action, die Fights – wow, Doctor, ist das cool!
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Was sonst noch war

Rock the Race – eigentlich eine coole Idee: Ein paar namhafte ­Musik-Acts, eine bunte Auswahl Mo­tor­sport, eine Rennstrecke, wo sich niemand gestört fühlt, und fertig ist ein Action-geladenes ­Wochenende. Die gegenseitige Befruchtung hat nicht ganz funk­tioniert, denn am ersten Tag lockte der Motorsport nur wenige ­Besucher nach Oschersleben, und die in großer Zahl ein­geladenen Schüler interessierten sich außer für die Teenie-Bands kaum für den Sport. Am Wetter lag es nicht, die Sonne brannte.

Am Samstag dagegen sah es anders aus. Schon bevor der neue "Superstar" Thomas Godoj sein eher blasses Talent einer kreischenden Girlie-Menge präsen­tier­te, fanden erheblich mehr ­Zu­schauer auf die Tribünen, um Carts, Autos, Gespanne und die Triumph-Bikes bei Training und Wettkampf zu bestaunen. Worum es aber den Meisten ging, wurde klar, als 2Raum­wohnung, Fanta 4 und schließlich Herbert Grönemeyer im Fahrer­lager auf die Bühne kamen: mehr Rock als Race. Der Sonntag gehörte bis auf wenige Ausnahmen wieder den Motorsportlern. Dennoch verdient allein die Idee fürs erste Rock the Race Respekt, und einmal ist schließlich keinmal.
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Viel Denken macht langsam

Oschersleben. Endlich mal wieder Oschersleben. Wenn Wimbledon Boris Beckers Wohnzimmer ist, ist Oschersleben mein Partykeller und meine Küche in einem: An keiner anderen Rennstrecke findet man mich öfter. Hier feierte ich meine größten Erfolge, und nirgendwo sonst lag ich so oft im Kies. Hier ernähre ich mich, hier sammle ich Energie für den alltäglichen Wahnsinn des Lebens. Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein. Was hab ich vor Freude geheult, als ich bei
der Speedweek 2006 über die Ziellinie rollte, aber was hab ich auch gekotzt, als ich ­meinen ersten greifbar nahen Sieg im Kiesbett versenkte.

Oschersleben ist für mich Leben – nur viel komprimierter als da draußen in der „normalen“ Welt. Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage, Geburt und Tod, alles innerhalb einer 3,7 Kilometer langen Kreisbahn. Verrückt. Zwei Läufe zum Street Triple Cup standen auf dem Programm. Um das Ding noch zu gewinnen, wäre ein Sieg fast Pflicht. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich schon bei der Anreise, dass es nicht klappen würde; zu viele Gedanken wuselten in mir herum. Wer zu viel denkt, ist nicht schnell. Zwei Wochen zuvor hatte man mich beim Börde­sprint nachhaltig abgeräumt. Neben einer real explodierten K5 war ich heil geblieben, wieder einmal. Ich war dankbar, aber fragte mich, wie oft wohl noch auf dem Monitor „Rider ok“ steht? Viel zu sehr liebe ich das Leben, als dass es jetzt schon zu Ende gehen müsste.

Viel zu sehr möchte ich sehen,­ wie meine beiden Töchter groß werden, ­wie sie mich fordern, zuweilen schrecklich nerven, aber manchmal mich auch einfach nur umarmen. Das ist das Größte, wirklich. Ich bin süchtig danach, fast so süchtig wie danach, Rennen zu fahren. Letzteres kann sehr schnell alles verändern. Das ist vor Kurzem in Most passiert: Zwei Menschen waren zur falschen Zeit am falschen Ort. So etwas macht nachdenklich, und das ist gut so. Jeder sollte immer darauf achten, das Leben als das zu begreifen, was es ist: das größte Geschenk, was man uns machen konnte. Genießt es da draußen an den PS-Heften, macht es euch immer klar, auch wenn der Tag mal wieder scheiße läuft. Ach ja, ich bin zweimal nur Dritter ge­worden, aber das ist nicht schlimm. Eigentlich bin ich sogar gern Dritter. Ist ja auch irgendwie menschlicher, oder?

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