Report: Speedweek Oschersleben 2008 Mit Acht in die Nacht

Schon Karl Marx plädierte für die Dreiteilung des Tages: 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf. In welche Kategorie fällt nun das neue 8-Stunden-Rennen im Rahmen der neu erdachten Oscherslebener Speedweek?

Foto: Jahn

Mit Acht in die Nacht

Ob Marx den Rennsport als Ausbeutung, Schlaf oder sinnstiftende Freizeit betrachtet hätte, bleibt natürlich unbeantwortet. Gleichwohl bleibt allumfängliche Kommunikation definitiv knallharte Arbeit. Am Donnerstag der inzwischen zum elften Mal stattfindenden "German Speedweek" in Oschersleben fragte ein leicht verdutzter Besucher: "Verzeihung, stimmt das wirklich, dass dieses Jahr gar kein 24-Stunden-Rennen stattfindet? Im Programmheft steht etwas von Langstreckenweltmeisterschaft am Samstag über acht Stunden?" – "Und der Schumi fährt dann am Sonntag in dieser IDM mit?"

Auch wenn leichte Irritationen und Enttäuschungen damit vorhersehbar waren: Die Antwort lautete – Ja! Damit dieses unübersichtliche Puzzle sich auch für die Daheimgebliebenen auflöst, nun ein paar erhellende Kleinigkeiten. Was heutzutage jeder noch Beschäftigte ausgiebig am Kaffeeautomaten diskutiert, betraf auch die tapferen Organisatoren um Ralph Bohnhorst und Ottmar Bange: Kosten, Kosten, Kosten. Machen wir uns nichts vor, die Speedweek stand und steht auf der Kippe. Also Schnipp, 24 Stunden weg, geteilt durch 3, macht 8 wie in Suzuka. Packe das Ende von acht Stunden Langstrecken-WM auf den Samstagabend. Zünde ein Feuerwerk, wirf eine komplette deutsche Rennserie auf den Sonntag mit in den Topf. Garniere mit Klassikern. Puste die Hüpfburg auf, gib dem Stuntshow-Burnouter ordentlich Qualmmaterial. Sattle den elektronischen Bullen, gib der KTM Super Duke Battle Auslauf, stopfe alle Stellplätze voll und hoffe auf jede Menge Teilnehmer, Sponsoren und – vor allem Zuschauer. Eine knisternde Sache: Lassen sich doch da gleich zwei Rennserien vergleichen, die beide mit trotzigem Anspruch um ihre Geltung kämpfen. Aber auch hier entstand eine zündende Lösung: Was wäre, wenn die schnellen IDM-Teams zusätzlich zum regulären Ablauf noch am Langstreckenrennen teilnähmen? Dann könne ja jeder gleich sehen, wer wie am Kabel zieht. Ui, ui, ui, ui, da hatten Bange und Bohnhorst ja ein Ding losgetreten. Die Bedenkenträger hüpften auch gleich aus allen Deckungslöchern: "Die acht Stunden benachteiligen doch eh schon die kleinen, langsameren Ausdauer-Diesel-Lokomotiven." – "Die IDMler wollen doch nur die Boxen besetzen, machen die Welle und fahren dann raus." Und so weiter und so weiter.

Für Matthias Schröter, in Personalunion Strippenzieher des PS-LSL-Teams und Vorarbeiter, entstand allerdings eine höchst komfortable Situation. Mit der aufgepimpten, ehemals vernudelten Renngixxer, siehe nachfolgende Geschichte, schuf sich die Truppe unter Schwarzwald-Technikchief "Ketchup" eine klassisch denglisch vermummelte "win-win situation". Die sattelfeste und krisenerprobte Fahrerbesetzung Tim Röthig, Pascal Eckhardt und Steve Mizera eröffnete zum Beispiel in der Open-Klasse die Aussicht, den beiden KTMs oder den zwei Rennboxern eventuell den Allerwertesten zu versohlen. Frisch, fromm, fröhlich, frei rein ins Gefecht, das Beste daraus machen und gucken, was dann hinten raus kommt. So einfach kann Langstrecke sein. Kommen wir aber zurück zur der sehr unterhaltsamen Frage, ob Langstrecken-Fahrer abgehalfterte Windbeutel oder die IDM-Fahrer nur aufgrund ungünstiger Sternenkonstellation nicht alle Galaxien-Superdupermeister sind. Beide Theorien haben ihre Fürsprecher. Ach, weil es gerade so schön passt: Wie kann man mit verbundenen Augen ein Topteam von einem, sagen wir, charakterverformten Nachrückergebilde unterscheiden?
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Foto: Jahn

480 Minuten Konzentration

Beim Topteam dominiert konzentrierte Stille die Box. Bei der zweiten bis letzten Klasse die gebrüllte Dreifach-Wortkette. "Weg, weg, weg!" oder auch "Schnell, schnell, schnell!" Eine endlose Liste aus der Werkzeugkiste wäre hier ebenfalls möglich. Stille bedeutet aber auch bis fast zum Zerreißen gespannte Konzentration. Jeder Tankstopp ist ritualisierte Choreografie, selbst die Bodenwelle in der Einfahrt zur Boxengasse nimmt Suzuki France noch mit einem Speed, als ginge es um einen Weitsprung-Weltrekord. Um jedweder Verurteilung zu entgehen, danken wir an dieser Stelle dem Yamaha-Austria-Teamchef Mandy Kainz und seinem Schmäh für eine unverblümte und diplomatiefreie Beurteilung der Gesamtsituation nach Ende des Trainings. "Schau, von den IDM-Fahrern bin ich komplett enttäuscht. Die müssten oolle vüül schnööller sein. Gut, der Teuchert hat die schnellste Einzelzeit gesetzt, aber bei uns geht es um Äääweritsch" (österenglisch für "Durchschnitt"). "Wenn es pressiert, legen die ersten drei Teams in der Langstrecken-WM noch eine richtige Schippe drauf. Spätestens nach einer Stunde sind die IDM-Teams alle weg, und Suzuki, Kawasaki und wir blasen vorneweg." (Anmerkung des Autors: Aufgrund des Selbsterhaltungstriebes im Fahrerlager und des Jugendschutzes unterlagen die amüsantesten Passagen der Eigenzensur.) "Dös schreibst fei net!" Aber was zählt schon so ein Armdrücken-Angeber-Training?

Das Rad ist rund, und 8 Stunden haben 480 Minuten. Streckensprecher Tommy Deitenbach ließ La Ola im Publikum laufen, und Punkt 15 Uhr hoppelten die Startfahrer eiligen Schrittes von der Grasnarbe auf der einen Seite der Strecke zu den Mopeds auf die andere Seite. Aufheulende Motoren zerfetzten die Ruhe, routinierte Geschäftigkeit nahm im Expresstempo ihren Lauf. Das Erstaunliche bei einem Langstreckenrennen ist ja seine vorhersehbare Unvorhersehbarkeit: Da geht es millimeterknapp zu, Stürze, Faststürze, Safety Car. Aber trotz allem treten bestimmte Dinge ein; es gibt Planung und Strategien, die man einhalten oder über den Haufen werfen kann. Wenn wir gemein wären, könnten wir jetzt schreiben: Buells und MV Agustas sehen normalerweise nicht die Zielflagge. Brauchen wir aber nicht, weil es eh so eintrat. Wie Mandy Kainz schon sagte: Die drei Top-Teams übernahmen das Zepter. Wenn Suzuki France in Führung liegend stürzt, schrauben sie sich mit Hammerzeiten eben wieder auf den dritten Rang. Wenn Yamaha-Austria beim Vorderradwechsel Probleme hat, zieht Kawasaki eben in der Box vorbei und fährt dann kontrolliert den Sieg vor Yamaha nach Hause. PS-LSL fuhr je nach Fahrer mehr oder weniger auf Angriff, hatte bis auf zu hohen Spritverbrauch und einen daraus resultierenden zusätzlichen Tankstopp keinerlei Probleme. Platz 15 in der Gesamtwertung und dritter Rang in der Open hinter den beiden BMWs, aber vor KTM.

Das Fazit der Orangefarbenen: "Ein etwas indifferentes Gesamtpaket" [sic!]. Deutlich schneller als die RC8 liefen die Rennboxer, mit denen vor allem Thomas Hinterreiter unglaubliche Zeiten hinpflügte. Insgesamt bestritt BMW das Rennen gelassener und mit weniger Flamme als letztes Jahr; die Zeit des Boxers ist um. Angeblich dreht schon in Magny-Cours beim letzten Endurance-Rennen das neue Superbike ein paar Runden. Respektabel: RMT 21, das einzige deutsche permanente Langstrecken-Team auf Platz 8. Evers-Zab-Endurance auf Triumph im Ziel angekommen. Ach ja, die IDM-Teams: Jörg Teuchert gab für Yamaha Deutschland in den ersten Runden mächtig Gas und ließ es dann mit „Defekt“ alsbald ausrollen. Teuchert hatte am nächsten Morgen aber noch einen so dicken Hals, dass er Schwierigkeiten hatte, die Kombi zuzumachen, weil Martin Bauer und Michael Schumacher die Endurance-WM zum längsten Fahrwerkstest aller Zeiten nutzten und einen neuen Rekord mit über zwanzig Boxenstopps verbuchten. Außer sportlich bedenklich war das wahrscheinlich auch noch kontraproduktiv, denn wer Jörg Teuchert kennt, weiß, dass er aus solchen Spielchen erst recht Motivation zieht: Mit zwei IDM-Superbike-Siegen am Sonntag hält er die Meisterschaft bis zum Finale in Hockenheim noch offen. Der IDM-Sonntag war ein ziemlicher Kehraus. Trübes Wetter, spärliche Kulisse. Unbeeindruckt gewinnt Supersport-Fahrer Arne Tode von G-Lab-Racing mit seiner Triumph souverän und vorzeitig die deutsche Meisterschaft; ein dritter Platz im strömenden Regen genügte ihm. Was passiert nächstes Jahr in Oschersleben? Eventuell wieder ein 24-h-Rennen, aber ohne WM-Prädikat, wer weiß? Bis dahin erholsame Arbeit, sinnvollen Schlaf und anstrengende Freizeit. Oder so ähnlich.

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