Rückblick Calafat 20 Jahre Rock 'n' Roll

Mit dieser Rennstrecke verhält es sich ungefähr so wie mit dem Rauchen: Du probierst es und lässt es für immer sein, oder du kommst nur ganz schwer wieder davon los. Ganz Unentwegte pilgern alljährlich Anfang Januar nach Spanien, auf diese kleine, gottverlassene Rennstrecke irgendwo zwischen Barcelona und Valencia. Warum?

Foto: Jahn

20 Jahre Rock 'n' Roll

"Nein, ihr nicht. Ihr seid zu langsam“, lautet die ebenso klare wie wenig diplomatische Ansage des Kollegen Fotografen. Tatort: Rennstrecke Calafat, Nordspanien, Frühjahr 1998, Fotofahrten für einen Vergleichstest der großen PS-Schwesterzeitschrift. Ex-Kollege Jörg Schüller und ich wollten einige Runden auf der in Redaktionskreisen mystisch verehrten Rennstrecke drehen. Pustekuchen. „Die großen Jungs, ab 1:40 und drunter, die dürfen. Aber ihr seid viel zu langsam“, doziert der Lichtbildner weiter. Also spielt sich die komplette Fotofahrt in einer einzigen Kurve ab, statt die lang ersehnten ersten eigenen Erfahrungen zu sammeln. Dies alles vor Publikum. Die versammelte Journalisten-Welt feiert zeitgleich das erste Masterbike der Neuzeit. Wir sind am Arsch. Hinrichtung zweiter Klasse.

Am nächsten Tag kommt’s noch dicker. "Ich will euch hier den ganzen Tag nicht sehen", lautet die klare Ansage des damaligen Testchefs an die zwei jungen und hochambitionierten Calafat-Novizen, die dem emsigen Angasen auf der Strecke mit großen Augen folgen und sich nichts mehr wünschen, als endlich einige Runden Calafat zu erfahren. Nicht, dass die Landstraßen rund um die Rennstrecke hässlich wären, im Gegenteil: Der absolute Hammer. Wundervoll. Alleine deshalb ist Calafat eine Reise wert. Ende 2001 war es für mich endlich so weit: 1000er-Vergleichstest für MOTORRAD, gemeinsam mit Mini Koch. Mit dem Kollegen, der Calafat quasi erfunden hat. Mit dem Mann, der nach eigener Aussage seither die Tage um den Jahreswechsel traditionell in Calafat verbringt, so auch in diesem Jahr. 1988 fuhr er hier das erste PS-Tune-up mit einer Yamaha RD 350 (für die Spätgeborenen: ein Zweitakter), nachdem der umtriebige Herbert Speer die Strecke für die wintermüde deutsche Renntrainingskundschaft entdeckt hatte. Speer und die anderen großen Trainings-anbieter lassen Calafat inzwischen links liegen und fahren lieber die modernen GP-Strecken in Barcelona, Valencia und Jerez. Die sind up-to-date.

Calafat hingegen ist beinahe ein Anachronismus. Was sich in den letzten 20 Jahren geändert hat? Quasi nix. Gut, das eine oder andere Olivenbäumchen von damals ist erwachsen geworden. Und auf die ganz ausgefransten Ecken kam zwischenzeitlich neuer Asphalt drauf. Könnte der inzwischen stattliche Olivenbaum unten im Omega reden, dann wären seine Geschichten ein abendfüllendes Unterhaltungsprogramm. Alleine aus Sicht der Zweiradfraktion unseres Verlages. Hier haben sich Dramen und Tragikomödien abgespielt. Mitte der 1990er kam irgendwer von den MOTORRAD-Kollegen auf die Idee, den alljährlichen 600er-Vergleichstest in Calafat auszufahren. Eigentlich toll; der enge Kurs ist eindeutig 600er-Land. Das Unterfangen endete in einem Desaster, weil die Herren Koch und Gerhard Lindner (bekanntester Supersport-DM-Meister aller Zeiten) das Testfeld im Duell mit Gasttester Stefan Scheschowitz zu Kernschrott verarbeiteten. Und ausgerechnet Schescho, der Sturzkönig, blieb sitzen.
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Foto: Jahn

Love or leave!

Calafat, keine Strecke, die man sofort ins Herz schließt. Love it or leave it! Sie verlangt Demut, sie schreibt ihre eigenen Regeln. Wer rotztfrech drauflosballert, den führt sie an der Nase herum. Knieschleifen über die Curbs? Nicht überall empfehlenswert, da die Dinger teils sehr hoch und kantig ausfallen. Schludereien bei der Linienwahl? Straft sie gnadenlos ab. Calafat liebt Disziplin. Blitzsauberes, rundes Fahren ist hier Trumpf. Und ein großes Herz: Vor allem der Linksknick bergab nach Start/Ziel dauert eine Weile. Nicht zu spät bremsen, nicht zu früh einlenken, mit dem Knie das oft etwas zu hoch stehende Gras streicheln, dann nochmal volle Brause, und schon wieder hart bremsen in eine enge Rechts, die dich nach harten Beschleunigen bergauf in Richtung Scheißhauskurve ausspuckt. Calafat, die etwas andere Rennstrecke. Kein Mainstream, kein Grand-Prix-Layout. Spanische Meisterschaft, irgendwann einmal, vor langer Zeit, als Krönung. John Kocinski soll hier bei einem Training mit einer 250er eine Fabelzeit gefahren sein: eine hohe 27er-Runde. Arne Tode stellte den inoffiziellen Rekord 2006 beim PS-Reifentest ein. Augenzeugen berichteten später, es habe sich mehr um Motorradfliegen als um Motorradfahren gehandelt. Das ist übertrieben. Schön anzusehen war es, schnörkellos, ohne Show. Arne liebt Calafat, er gehört ganz offensichtich zu den Profi-Rennfahrern, die die Strecke kapiert haben. Kontrollierte Offensive, kein do or die. Endlose Kiesbetten? Fehlanzeige. Der Boden der Tatsachen ist hier oft härter. Und natürlich gibt es auch solche Ecken, an denen man sich lieber nicht wegpacken sollte.

Aber das macht eben so ein ganz kleines bisschen den Reiz aus, für Kenner, aber auch für Rookies. Denn gerade für Einsteiger bietet sich diese Strecke an. Kein Hackerkurs und schon gar kein Highspeed-Track, wo einem Profis auf Superbikes mit Überschall um die Ohren fahren. Ich spreche aus Erfahrung, Herrschaften: Vor einigen Jahren plagte ich mich mit einer 190 PS-R1 (!) um den Kurs, Kollege Bildl (wohlgemerkt ein fixer Bursche!) führte seinen Ducati-Zweiventil-Youngtimer aus und folgte mir nicht nur mühelos, sondern bremste mich dann auch noch kackfrech aus. Auf dem Circuito de Catalunya wäre das niemals passiert, nie! Wie gesagt: Calafat verlangt Demut. Und Umdenken. Denn auch kulinarisch verhält es sich in Calafat etwas anders als im Rest von Spanien. Wer Haute Cuisine will, der ist hier falsch. Kenner, denen nach einem erlebnisreichen Rennstreckentag der Magen knurrt, spazieren frisch geduscht von ihrem Bungalow zum dicken Wirt im Zentrum des Feriendorfs. Beim "Dicken" (der gar nicht so dick ist) lässt es sich formidabel, preiswert und authentisch speisen. Dazu gibt es wunderbares Cruz Campo vom Fass. Wenn er einen mag. Der hemdsärmelige Wirt steht nämlich auf Umgangsformen: Wer sein freundliches, lautes und herrlich gedehntes "Guttetaggwieeeegäähtsgudd?!" nicht mit einem ebenso klar vernehmbaren "Hola, muy bien", beantwortet, läuft Gefahr, vor versammelter Mannschaft abgekanzelt zu werden wie ein kleiner Schülerbub.

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