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Sachsenring Classic 2016.

Sachsenring Classic 2016 Finger in die Ohren!

Bereits zum dritten Mal stand das große, generationenübergreifende Happening am Sachsenring an. Ein faszinierendes Spektakel für Mensch und Maschine – auch für alle, die nicht bis über beide Achsen im Ölsumpf der Oldtimer-Materie stecken.

Zweitaktöl: Wenn es einen Sinneseindruck gibt, der auch die dritte Sachsenring Classic unangefochten dominierte, dann dieser einmalige, unnachahmliche, beinahe süchtig machende Geruch von verbranntem Öl. Auf den Plätzen: die schrillen Wenng-wenng-wenng-Aufwärm-Gasstöße der kleinvolumigen Zweitakt-Raketen, dicht gefolgt vom dumpfen Geboller, wenn die historischen Renn-Motorräder von BMW auf die Strecke gehen.

Wobei: Sinneseindrücke – das ist ein zu schwaches, sachliches Wort für das, was man bei diesem faszinierenden Mix aus historischem und weniger historischem Rennsport, Klassiker-Schau, Fahrerlager-Happening und Treffen unter Freunden erleben kann. Es ist mehr. Selbst bei rund 600 Startern und über 30.000 Besuchern ist es vor allem das Gefühl, dazuzugehören. Das Wort „familiär“ – selten hat es bei einer Motorsport-Großveranstaltung besser gepasst als bei dieser.

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So gut wie keine Absperrungen

Wie kommt das? Vor allem liegt es daran, dass es hier so gut wie keine Absperrungen gibt. Alles ist offen: das prall gefüllte Fahrerlager, in dem an Klapptischen geschraubt, auf Klappstühlen Bier getrunken und an Klappgrills gebrutzelt wird. Die Boxen, in denen rund um die Uhr Düsen gewechselt, Kerzen getauscht werden oder auch einfach nur der Ölnebel der Vorderleute von den voluminösen Verkleidungen gewischt wird. Die Boxengasse, in der sich unter ohrenbetäubendem Zweitaktgekreische oder Viertaktgeboller die einzelnen Renn- und Paradeklassen sammeln. Und sogar die Startaufstellung der World GP Legends ist zugänglich: Für 15 Euro extra kann man hautnah neben seinem Star von früher stehen, sich mit Freddy Spencer oder Ralf Waldmann fotografieren lassen oder mal eben den Sonnenschirm halten. Das geht normalerweise nicht einmal in irgendeinem Wald- und Wiesen-Cup.

Überhaupt, die GP Legends: für Rennsport-Historiker eine krude Mischung aus Epochen, Fahrern und Motorrädern vom 84 Jahre alten Jim Redman bis zum 44-jährigen Gerry McCoy, von Phil Reads 1976er-Suzuki RG 500 Mk1 bis zur 1999er-RGV XR 89 von Kenny Roberts. Für die Zuschauer hingegen war es der absolute Programmhöhepunkt mit einem Qualifying und zwei Rennen, in denen die Haudegen auf ihren 500er-Zweitaktern noch mal richtig aufdrehten (mehr dazu in MOTORRAD 17/2016). Doch trotz aller Publicity: Das ist nur ein kleiner Teil der Sachsenring Classic. Der weitaus größere spielt sich abseits der Start- und Zielgeraden ab. Beim Bestaunen der Preziosen und beim Gespräch mit deren Besitzern, die mit Stolz in der Stimme und leuchtenden Augen von dem jahrelangen Suchen und Werden ihrer Schätze berichten.

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Es wird so allerhand angeschoben

Das sind zumeist lange Geschichten, oft spannende und manchmal lustige. Wie die von Hans Reusser, einem 58-jährigen Schweizer aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Konstanz am Bodensee. Der sitzt hier am Sachsenring auf und vor einer Suzuki RE5 Wankel – und das kam so: Einst wollte Hans mit einem Kumpel zum Wasserbüffeltreffen in Oelde im Sauerland. Doch ihm wurde der Zutritt verwehrt. Begründung: Ventile verboten! Na wartet, dachte sich der Eidgenosse und schlug ein Jahr später mit eben dieser Wankel-Suzuki zurück. „Die haben aber Augen gemacht“, freut er sich noch heute – und ist seitdem dieser exotischen Antriebsvariante verfallen. Was hält er von der Sachsenring Classic? „Ein ganz großes Erlebnis. So viele Zuschauer“, strahlt er. „Und ich hätte nie gedacht, dass ich auf dieser tollen Strecke mit meiner Wankel einmal fahren darf. Die ist doch im Normalfall viel zu laut!

In der Tat müssen die Veranstalter angesichts der Lebensäußerungen so manchen Oldtimers beide Ohren zuhalten. Oder besser: Die Sachsenring-Verantwortlichen greifen für dieses Event auf ihr Kontingent von „Lärm-Tagen“ zurück, um die Veranstaltung möglich zu machen. Apropos Ohren zuhalten: Beide Zeigefinger im Gehörgang – das ist die typische Körperhaltung bei der Classic. Und der Anschub-Sprint der Schätzchen mit den Händen auf dem Heckbürzel die typische Tätigkeit.

Es wird überhaupt so allerhand angeschoben im Sächsischen, wofür der ADAC-Landesverband (siehe Interview) verantwortlich zeichnet. Und man lässt sich einiges einfallen. Einmalig dürfte der Samstagabend-Corso in die Innenstadt von Hohenstein-Ernstthal sein, bei der sich viele der Fahrer mit ihren Fahrzeugen über einen Teil der historischen Sachsenring-Strecke hin zum Altmarkt der Stadt bewegen. Da schleifen die Kupplungen der kleinen Zweitakter, setzen die Unterböden der Formel-Fahrzeuge auf. Bei der Gelegenheit ein Wort zu den Autos: Sie stören nicht, sind im Gegenteil eine Bereicherung. Wer genießt ihn nicht, den Anblick von acht stolz gen Himmel gerichteten Ansaugtrichtern in der „Gentle Drivers Trophy“, wenn die historischen Boliden zum Schaulaufen ausrücken. Ebenso wie das Geknatter der Renn-Trabis und Wartburgs ein paar Läufe später. Berührungsängste haben hier keine Chance, Sozialneid erst recht nicht. Aber keine Angst: Der Sachsenring bleibt Motorrad-Revier. Von rund 650 Startern sind 550 Motorradfahrer, vom Zuschauerinteresse her dürfte die Verteilung ähnlich sein. Und das nächste Großereignis wartet schon auf die motorradverrückten Sachsen: der Motorrad-Grand-Prix am 17. Juli.

Foto: jkuenstle.de
Michael Sachse (ganz rechts), Leiter der Sportabteilung des ADAC Sachsen, Klaus Klötzer (Mitte, Sport-Vorstand ADAC Sachsen) und Mario Theissen (Klassik-Referent des ADAC).
Michael Sachse (ganz rechts), Leiter der Sportabteilung des ADAC Sachsen, Klaus Klötzer (Mitte, Sport-Vorstand ADAC Sachsen) und Mario Theissen (Klassik-Referent des ADAC).

Interview mit den Machern

Michael Sachse (ganz rechts), Leiter der Sportabteilung des ADAC Sachsen, Klaus Klötzer (Mitte, Sport-Vorstand ADAC Sachsen) und Mario Theissen (Klassik-Referent des ADAC) über die Motorsport-­Begeisterung der Region und die Zukunft der Sachsenring Classic als „das“ Event der Szene.

Meine Herren, die dritte Sachsenring Classic ist fast vorbei. Zeit, Bilanz zu ziehen und zu fragen: Wie geht es weiter?

Klötzer: Wenn wir jetzt die Bilanz aller drei Veranstaltungen ziehen, können wir sagen: Sie ist jedes Jahr ein Stück gewachsen. Die ersten zwei Jahre waren ja mehr Wasserspiele als Motorsportveranstaltungen, aber Publikum und Reichweite hätten auch wetterunabhängig zugenommen. Jedes Kind fängt klein an, wächst dann weiter. So wird es auch mit der Sachsenring Classic sein.

Haben Sie schon Zahlen, was die Zuschauer angeht?

Sachse: Die offizielle Zuschauerzahl über die drei Tage wird über 30.000 liegen. Das ist eine Steigerung von rund 5000 Zuschauern gegenüber dem Vorjahr. Wir sind uns jetzt auch sicher, dass das Nebeneinander von Auto und Motorrad funktioniert.

Also bleibt es auch in Zukunft bei dem bestehenden Konzept? Oder anders gefragt: Was würden Sie gerne ändern?

Sachse: Natürlich schauen wir uns jedes Jahr wieder alles genau an, aber grundsätzlich sind wir der Meinung, dass wir die richtige Mischung aus Alt und nicht ganz so Alt, aus zwei und aus vier Rädern gefunden haben.

Theissen: Gerade in dieser Hinsicht muss ich den Kollegen aus Sachsen jetzt mal ein Riesenkompliment machen: Für mich ist die Classic außergewöhnlich, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum Ersten ist es die größte historische Motorradsport-Veranstaltung in Deutschland. Sie zieht die Helden zum Beispiel wie World GP Legends an, die nicht nur hierhergekarrt werden, sondern sich wirklich auch wohlfühlen. Zum Zweiten ist die Strecke eine wunderschöne Motorradstrecke, und es gibt eine Bevölkerung, die hier über die letzten 50, 60 Jahre das Thema Motorrad gelebt hat. Das haben Sie sonst nirgendwo anders – und deshalb sollte die Sachsenring Classic die Schwerpunkt-Veranstaltung für historischen Motorsport in Deutschland werden.

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