Sport: Enduro-Mannschaftsweltmeisterschaft in Sachsen Six Days 2012 - Enduristen zeigen ihr Können

Von wegen Treppe feudeln. Im Erzgebirge saut man sich motorradtechnisch traditionell gerne ein. Marcus Kehr, schon seit Jahren Deutschlands bester Enduro-Pilot, freute sich gewaltig auf sein Heimspiel bei der 87. Auflage der Enduro-Mannschaftsweltmeisterschaft - den Six Days 2012 in Sachsen.

Foto: Jahn

Es tropft. Plopp, plopp. Kleine Schweißperlen bahnen sich bei Marcus Kehr ihren Weg von der Stirn herab. Nun ist die körperliche Anstrengung während einer Sechstagefahrt wahrlich nichts Außergewöhnliches. Schließlich geht es jeden Tag schon frühmorgens auf die Reise. Sonderprüfungen, Zeitkontrollen plus die knackigsten Zwischenstücke. An diesem dritten Tag der diesjährigen Six Days ist für den Mann aus Flöha aber fahrtechnisch schon alles erledigt. Das Einsatzfahrzeug, der kräftige 300-cm³-Zweitakter, steht verdreckt und aufgebockt ohne Räder da. Plopp, plopp.

Exakt 16 Uhr 11 durfte Marcus Kehr heute am Sachsenring zum abendlichen Service einfahren. Die Uhr tickt ab jetzt unerbittlich 15 Minuten runter. Was die Fahrer in dieser Zeit anstellen, bleibt ihnen selbst überlassen, sie müssen nur pünktlichst und gestempelt das Motorrad im Parc fermé abstellen, von wo sie es dann am nächsten Morgen ebenso zeitgeprüft wieder abholen dürfen.

Brummen am Sachsenring sonst die slickbereiften Straßenmaschinen, nimmt für die Zeit der Six Days nun der Stollenzirkus alles in Beschlag. Knapp 500 Starter aus 36 Nationen plus Anhang und Material verschlingen ausnahmslos alle freien Flächen. Jedes Land kann theoretisch sechs Fahrer in der Trophy, vier Fahrer bei der Junior Trophy und drei Frauen in der Damenwertung nennen. Den Rest des Feldes füllen Clubmannschaften à drei Piloten aus allen möglichen und unmöglichen Zipfeln dieser Welt.

Plopp, plopp. Unter dem Zelt der deutschen Mannschaft ist es mucksmäuschenstill. Selbst die zahlreichen und neugierigen Zuschauer reden kaum. Wenn es laut scheppert, dann ist es meistens ein Montierhebel, der aus einer gespannten Reifenwulst heraus mit ordentlich Schmackes durch die Gegend donnert.

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Foto: Jahn

Genau das passiert jetzt auch Marcus Kehr. Er schaut kurz auf einen blutenden Finger und schnauft dabei tief und laut hörbar durch die Nase. Sein langjähriger Freund, Betreuer und Helfer Sebastian Lange reicht ihm ruhig die Hebel zurück. Das ist auch schon alles, was man als Hilfe von außen leisten darf. Werkzeug reichen, Platz sauber halten und tanken. Räder raus, Räder rein, Luftfilter und zwei komplette Reifen wechseln - samt dem eingeschmierten Mousse-Schaumstoffkern - ist Sache des Enduristen. „Marcus, noch zehn Minuten“, schallt es durchs Zelt.

Für den 29-Jährigen geht mit den Six Days im eigenen Land ein Traum in Erfüllung. Wer wie der gebürtige Chemnitzerin der Gegend von Zschopau heranwächst und lebt, der saugt das Thema Enduro mit der Muttermilch auf. Marcus Kehr beherrscht seit Jahren die Deutsche Meisterschaft, etablierte sich über die letzten Jahre als einziger Deutscher in den Top Ten der Enduro-WM. Jetzt, heute, kann er seinen Sponsoren, Fans und Freunden auf den so traditionsreichen Strecken vorführen, mit was für Kalibern er sich sonst rumschlägt, den Kollegen und Konkurrenten präsentiert er stolz, was im Erzgebirge so geht. Und
die staunen nicht schlecht. Nicht nur, dass Tausende Fans bei jedem deutschen Piloten, jeder Pilotin, einen Turbo-Radau veranstalten. Nein, auch bei den Strecken gibt es jetzt ab Tag drei einen Aha-Effekt.

Weberhang, Teufelsberg, Börnichen - schon vor Jahrzehnten frästen hier die damaligen MZ-Werksfahrer die Hänge rauf und die Schlammlöcher trocken. Mit einer kernigen Auffahrt in Witzschdorf bringen Marcus Kehr und sein „Rucksack-Fahrer“ Hendrik Richter noch was Neues ins „Zschopau-Portfolio“. Kantige Steine, Wurzeln plus Regen in der Nacht formen für den vierten Tag eine wunderbare „Enduro-Melange“. Der Geruch von heißen Motoren, an denen der Dreck klebt, die wimmern-den Reifen, die an einem rutschigen Stein durchdrehen, die zischenden Kühler, die mit austretenden Dampfwolken für einzigartige Stimmung sorgen. „Das war eben ganz normales WM-Niveau“, meinte ein schmunzelnder Marcus Kehr.

Zu leicht, zu schwer? Diese Diskussion gibt es, seit die Six Days existieren. Und bleiben wird das auch in Zukunft. Plopp, plopp. Für die Fahrer ist der abendliche Reifenwechsel normales Geschäft. Gehört zum Endurosport wie das frühe Aufstehen. Marcus Kehr ist austrainiert, als gelernter Kfz-Mechaniker die Schrauberei gewohnt. Die Anspannung aber bleibt, und Reifenwechsel in dieser kurzen Zeit bedeuten eine mentale wie körperliche Herausforderung. Fährt man bei den Sonderprüfungen auf Angriff, um sich in der Rangliste zu verbessern, dürfen sich die Fahrer bei der Vorbereitung der Motorräder nicht einmal kleinste Fehler erlauben.

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Foto: Jahn

Marco Neubert, der auch in der Trophy-Mannschaft startet, kann ein Lied davon singen. Kurz vor einer Sonderprüfung schiebt es sein Hinterrad nach vorne und die Kette runter. Die Achsmutter fehlt. Verloren, weg. Da steht erst Panik und dann die Zeitstrafe direkt bevor. Zufällig finden Zuschauer die Teile im Matsch und übergeben sie gerade noch rechtzeitig. Seitdem kontrolliert Marco Neubert lieber zweimal die Achsmutter. Überhaupt überbot sich die deutsche Trophy-Truppe schon am ersten Tag mit Unglücksgeschichten.

Edward Hübner und Christian Weiß kämpften mit technischen Problemen und startunwilligen Motorrädern. Marcus Kehr überschlug sich in einer Sonderprüfung und durfte Teile wie den herausgerissenen Luftfilter im Gelände suchen. Von den sechs Fahrern zählen immer nur die fünf besten, ein Streichresultat also möglich, aber bei dieser Leistungsdichte sprang für Deutschland eben nur der neunte Platz heraus.

Vorne zeigten die Franzosen, wo im Enduro-Sport der Hammer hängt. Spielerisch, konzentriert, überlegen gewannen sie vor Australien und Italien. Danach folgen die USA, Finnland, Spanien und Schweden. Großbritannien vor Deutschland. Frankreichs Verbandsförderung fährt die Ernte ein und lässt ein bisschen neidisch über die Grenze blicken.

Plopp. Für Marcus Kehr geht der dritte Tag langsam zu Ende. Reifen drauf, Räder drin und jetzt noch ein bisschen Motorradkosmetik mit der Bürste. Am Ende der Six Days 2012 wird er in der Einzelgesamtwertung auf dem 14. Rang landen. Am Abend gibt es nur noch Essen, Massage und eventuell ein kleines Bierchen, bevor um zehn das Licht ausgeht. Basti reicht den Helm und ein Tuch. Ab in den Parc fermé. Ausgeploppt für heute.

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