37 Bilder
Sturgis Bike Week 2014.

Sturgis Bike Week 2014 Legendäres Bikertreffen im Mittleren Westen der USA

Sturgis – Magischer Ort und Traumziel vieler Motorradfahrer. Das kleine Nest im Mittleren Westen der USA wird für knapp zwei Wochen im Jahr zum Motorrad-Mekka: Eine halbe Million Biker reisen an, brummen um die Häuserblocks und feiern, was das Zeug hält.

Der erste Eindruck ist überwältigend. Wer Sturgis während der Bike Week nie erlebt hat, bleibt mit offenem Mund stehen und traut seinen Augen nicht. Zu schrill die Eindrücke. Zu laut die Bikes. Zu wild die Gestalten. Zu skurril die Umbauten, Tätowierungen, Piercings – quasi das gesamte Outfit der Teilnehmer. In einem Meer unzähliger Motorräder findet sich kaum ein helmtragender Fahrer. Kein Wunder – in vier US-Bundesstaaten besteht keine Helmpflicht, in 27 anderen ist sie eingeschränkt: Nur Fahrer unter einem bestimmten Alter müssen dort einen Helm tragen.

Spinnen die Amis? Wie auch immer. Aus Sicherheitsgründen trägt man in Sturgis bunte Stirnbänder – ein angenehm jugendlicher Kontrast zu den meist ergrauten Bärten. Gefühlt ist der Durchschnittsbiker in Sturgis Anfang 60. Und hat an der Sturgis-Rallye, jenem legendären Motorrad­treffen im Mittleren Westen der USA, wahrscheinlich schon 20- oder 30-mal in seinem Leben teilgenommen. Denn das fand 2014 bereits zum 74. Mal statt.

Anzeige

Von Reitern mit Pfeil und Bogen, zu solchen mit bollernden Bikes

Was 1938 mit angeblich neun Startern, die ein Rennen fahren wollten, und einer Handvoll Schaulustigen als Black Hills Classic seinen Anfang nahm, hat sich zum größten Motorradtreffen der Welt gemausert. Aber ehe Sie die 74 Mal und das Jahr 1938 in falschen Bezug setzen: Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Rallye aufgrund von Benzinrationierungen zweimal ausgesetzt. Vor einigen Jahren zählten die Veranstalter knapp 750.000 Besucher, in diesem Jahr wird die halbe Million nahezu erreicht. Ganz nebenbei: Sturgis hat 6600 Einwohner. In und im weiteren Umkreis der Kleinstadt gibt es, so sagt man zumindest, Bars, die 350 Tage im Jahr geschlossen haben.

Bars, die sich an die gewundenen Straßen in den Black Hills kauern und innen wie Museen aussehen. Mit sämtlichen Artefakten, die das Motorradfahrerherz höher schlagen lassen. Oder an Zeiten erinnern, die hier vor rund 150 Jahren nie gut, nur alt waren. Denn kurz nachdem man die Black Hills, jenen 160 Kilometer langen und 96 Kilometer breiten Gebirgszug, 1868 den Indianern als Rückzugsgebiet übergeben hatte, wurde Gold in den Bergen gefunden, was zu einem Goldrausch führte und eine ­Invasion von Schatzsuchern nach sich zog. Die Indianer sollten verdrängt werden. In der geschichtsträchtigen Schlacht am Little Big Horn unterlagen General Custers Truppen zwar den aufgebrachten Indianern, diese wurden letztlich dennoch besiegt. Fotos und Gemälde in ­nahezu jedem Motel und jeder Bar erinnern an jene ­Tage. Doch während der Bike Week besteht die Invasion in den Black Hills nicht aus Reitern mit Pfeil und Bogen, sondern aus solchen mit bollernden Bikes.

Anzeige
Foto: Henniges
Reges Treiben bis weit nach Mitternacht: Während des Treffens werden die Bürgersteige erst gegen vier Uhr morgens hochgeklappt.
Reges Treiben bis weit nach Mitternacht: Während des Treffens werden die Bürgersteige erst gegen vier Uhr morgens hochgeklappt.

Und ihre Iron-Horses ähneln sich: Weit über 90 Prozent der Fahrer haben sich für Harley-Davidson entschieden. Mindestens 80 Prozent setzen dabei auf teure Touring-Modelle vom Schlage einer Electra Glide, Road King oder Street Glide. Und mindestens 90 Prozent von allen können ihr Fahrzeug nur bedingt sicher steuern. Wie, das darf man nicht sagen? Doch! Wer den vor sich hin schleichenden Massen auf gewundenen Straßen begegnet, dem stellt sich unweigerlich die Henne-oder-Ei-Frage: Schleichen die Fahrer, weil ihre Maschinen so schräg­lagen­ungeeignet sind? Oder verzichten die Hersteller auf Schräglagentauglichkeit, weil die Piloten sowieso nur bedingt fahren können?

Wie auch immer: Die Polizeipräsenz während der Bike Week ist beängstigend. Und die doppelt ausgeführte durchgezogene Linie endet nicht mal am Horizont. Ein absolutes Überholverbot, an das sich der stets streng überwachte US-Bürger strikt hält. Da wird der mit 25 km/h dahingurkende Truck nicht überholt. Basta. Auch wenn er eine aus Hunderten von Bikes bestehende Schlange hinter sich herzieht. Infarktgefahr für überholverwöhnte europäische Bikerherzen. Man kann diese Henne-oder-Ei-Frage übrigens öfter stellen. Beispielsweise: Stellt die US-Straßenbehörde vor schön geschwungenen Kurven 20-km/h-Schilder auf, weil alle fast ausnahmslos mit Stirnbändern, Muskel- oder T-Shirts respektive Bikinis Motorrad fahren? Oder fahren alle leicht beziehungsweise kaum bekleidet Motorrad, weil ein Sturz bei Schrittgeschwindigkeit vielleicht nicht groß schmerzt?

Ausnahmezustand in Sturgis

Mit dieser offenen Frage kehren wir zurück nach Sturgis, ins Epizentrum des motorradelnden Wahnsinns. Hier must the Show go on. Und zwar fast rund um die Uhr. Wenn die Letzten gegen sechs Uhr morgens in ihre Zelte oder Hotellöcher kriechen, krabbeln die Ersten wieder aus ihnen heraus. Wer Ruhe sucht, muss mindestens 80 Kilometer weit rausfahren. Denn jeder in der strukturschwachen Gegend möchte ein wenig Rahm abschöpfen. Motelzimmer, den Rest des Jahres mitunter gegen 29,95 Dollar erhältlich, kosten während der Sturgis-Rallye plötzlich das Zehnfache. Und manch einer, dessen Garten nur leicht größer ist als der Platz für die klassische Hundehütte, deklariert sein Refugium kurzerhand zum Campground. 500.000 Menschen müssen schließlich irgendwo bleiben.

Beispielsweise im Zentrum von Sturgis. Zu den Stoßzeiten geht hier nichts. Möchte man die Stadt auf der Hauptstraße durchqueren, braucht man für die drei Kilometer mitunter anderthalb Stunden. Und wird von Schau­lustigen begafft. Die Main Street ist während der Rallye für Autos ganz gesperrt, hier parken Bikes in vierter Reihe. Wer bis abends genug begafft wurde, steuert sein Bike in das Buffalo Chip, jene legendäre Freilichtbühne, auf der in diesem Jahr an neun Tagen 40 Bands aufspielten. Bands wie Loverboy, Mötley Crüe, ZZ Top oder The Cult. Man kann mit seinem Bike übrigens bis knapp vor die Hauptbühne fahren. Und statt zu applaudieren, einfach den Motor anschmeißen. So wie die meisten es tun. Ist man nicht auf Events wie den im Rahmenprogramm stattfindenen Dirt-Track-, Motocross- oder Hillclimbing-Rennen hängen geblieben, bleibt letztlich noch die Möglichkeit, die Abende in einer der legendären Bars wie dem „Easy-riders Saloon“ oder dem „Knuckle Saloon“ ausklingen zu lassen. Hier geht’s nur noch um eins: Bier vernichten. Möglichst lange. Möglichst viel. Möglichst lustig.

Trink-Wettkämpfe, Bierbauch-Duelle und Miss-Wahlen

An Spaß mangelt es wirklich nicht. Denn Biker sind Brüder. Alle. Oder Schwestern. In den USA ist die Szene motorradfahrender Frauen mächtiger als in Europa. Und auffälliger, denn viele Vertreterinnen des vermeintlich zarten Geschlechts pilotieren aufsehenerregende Big Bikes. Diese Frauen geben am Tresen mitunter so viel Gas wie auf der Maschine. Bis die Bars gegen vier Uhr morgens schließen und Kehrmaschinen statt Motorräder über die Straßen rollen, kommt jeder auf seine Kosten.

Überall gibt es lässige Unterhaltung wie Limbo-Tanz, Trink-Wettkämpfe, Bierbauch-Duelle oder Miss-Wahlen, und 0,3 Liter Bier kosten umgerechnet vier Euro. Werden aber oft von Mädels ser­viert, die außer Stiefeln, einem knappen String und zwei Brustwarzen-Aufklebern nur ihre Unschuld tragen. Falls überhaupt. Es ist kurios: In Amerika darf keine Frau ­bar­bu­sig herumlaufen, weshalb die Zeigefreudigen unter ­ih­nen ihre Brustwarzen abkleben. Nun, das passt zum Ver­bot, auf öffentlichen Straßen Alkohol zu trinken. Daran halten sich übrigens nicht alle. Viele ste­cken ihre Bierbüchse in eine Papptüte. Dann sieht’s niemand.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote