BMW F 650, Suzuki GS 500 E, Yamaha XJ 600 S, Yamaha XV 535 Virago

34-PS-Motorräder im Vergleich

Vier Stationen absolvierten vier Neu- und Wiedereinsteiger - auf vier grundverschiedenen Motorrädern der 34-PS-Klasse rund um den Gardasee: Um für MOTORRAD zu testen, welches nach ihren Maßstäben das beste sei.

Volete ordinare?« »Ja, bitte. Eine Pizza Vier Jahreszeiten und einen Orvieto.« »Scusi, aber wir haben keine Quattro Stagioni. Hier gibt es nur Pasta.«Basta. Und schon muß Helmut von seiner Pizza wieder Abschied nehmen. Aber die phantastischen Nudelgerichte, die Bruno in seinem kleinen Restaurant »da Bruno« in Villa de Tremosine auf einer Hochebene über dem westlichen Ufer des Gardasees der MOTORRAD-Testmannschaft dann auftischt, versöhnen ihn wieder mit der Welt.

Zum Glück. Die italienische Küche spielt eine große Rolle, um die Stimmung der Ende Januar im sonnigen, aber kalten Norditalien versammelten Tester abends hochzuhalten - denn tagsüber ist hartes Testen angesagt: »Mensch, das ist ja wirklich Arbeit«, hatte sich nicht nur Martin über das MOTORRAD-Test-Programm gewundert. Die vier, die für MOTORRAD in einem Konzeptvergleich die Stärken und Schwächen von vier grundverschiedenen Motorrädern aus den Top Ten der 34-PS-Einsteigerklasse herausfinden sollen, hatten vom Motorradtesten ein etwas anderes Bild. Denn Alexandra Weidlich, Francesco Santoro, Martin Stöckigt und Helmut Herder - verfolgen sonst ganz andere Professionen: Alexandra, 26, ist Angestellte bei Mercedes-Benz, Francesco, 28, ist Student, Martin, 40, makelt Versicherungen und Helmut, 45, hält die Bilanzen eines Versandhauses im Lot.

Die Erfahrungen der vier mit und auf Motorrädern sind genau so verschieden: Alexandra hat 1989 ihren Motorrad-Führerschein gemacht, ist aber kaum gefahren. Erst seit letztem Jahr teilt eine Suzuki LS 650 ihre Motorrad-Leidenschaft. Francesco hat nach einigen wilden Jahren auf frisierten Rollern und Mokicks 1995 den Führerschein 1a absolviert und feilt seither auf einer KTM LC 4 620 an seinem Können - vor allem im Gelände. Martin hat Mitte der siebziger Jahre zusammen mit dem Auto- auch den Motorradführerschein gemacht. Doch erst vor zwei Jahren hat eine Honda CB 750 »SevenFifty« seine Motorrad-Leidenschaft endgültig entfacht. Die meiste Erfahrung hat Helmut. Von den ersten Runden auf Großvaters NSU Quickly im Alter von sieben Jahren bis zur Honda CBR 600, die heute in seiner Garage steht, spannt sich ein weiter Bogen von Motorrädern - der jedoch bis zum vergangenen Jahr für über ein Jahrzehnt von beruflichen und familiären Pflichten unterbrochen war.

Doch alle vier vereint eine Eigenschaft, auf die MOTORRAD zur Durchführung dieses 34-PS-Vergleichstests besonderen Wert legte: Als Neu- oder Wiedereinsteiger haben sie ihre eigenen Maßstäbe zur Beurteilung eines Motorrads - andere als die professionellen MOTORRAD-Tester?»Tirare, Signorina, tirare!« Nein, Alexandra kann wirklich nichts dafür, daß ihr auf der splittgestreuten Dorfstraße gleich bei der ersten Bremsung das Vorderrad der XJ 600 S wegrutscht. Weil sie nur Schrittgeschwindigkeit fuhr, ist kaum etwas passiert. Ein Blinkerglas später ist die Welt wieder in Ordnung. Doch sie und ein hilfreicher italienischer Arbeiter haben alle Hände voll zu tun, den schweren Vierzylinder-Sporttourer wieder in die Senkrechte zu hieven.

Ihr Wunsch, auf der folgenden engen, kurvenreichen Abfahrt zum See statt der hohen, schweren XJ 600 S doch lieber die XV 535 des gleichen Herstellers zu fahren, ist deshalb verständlich. Da spielen viele Aspekte mit hinein. Der niedrige Schwerpunkt der XV 535 und ihr breiter Lenker geben Vertrauen schon beim Rangieren ohne Motorkraft. Durch den niedrigen Sitz kommt der Fahrer immer sicher mit beiden Füßen auf den Boden und hat so genug Kraft zum Halten und schieben. Und die Sitzposition der XV 535 signalisiert Friedfertigkeit: »Entspann« dich, ich hetz« dich nicht.« Francesco, der Enduro-Fex, hat sich gleich die BMW F 650 gegriffen und grinst. So hat er sich das vorgestellt. Aufrecht, komfortabel - und der satte Schlag von Einzylinder-Motoren liegt ihm ohnehin. Aber müssen diese seltsamen BMW-Koffer und das Topcase wirklich sein? Beim Auf- und Absteigen schlägt sein rechter Fuß stets dröhnend vor den schwarzen Thermoplast. Das Gegenmittel ist einfach, aber ungewohnt. Mit einem Riesenschritt über die Maschine steigen - ähnlich wie Carl Lewis beim Hürdenlauf. Martin, der sich schon in der Kleiderkammer der MOTORRAD-Redaktion stil- und zielsicher einen Textil-Touren-Fahranzug aussuchte, ist sichtlich glücklich mit der XJ 600 S, die er von Alexandra erben konnte. Das ist sein Ding: Schwer, aber solide, halbverkleidet und mit einem gleichmäßig schnurrenden Motor gesegnet - der Sport-Tourer in Reinkultur.

Nur Helmut fühlt sich etwas deplaziert. Er ist zwar der mit dem sportlichsten Motorrad daheim in der Garage, doch die Sitzposition auf der Suzuki GS 500 E erscheint ihm doch zu sehr vornübergebeugt: hoch angebrachte Fußrasten, der tiefe Lenker, dann die gestreckte Sitzposition. Nein, so richtig glücklich ist Helmut auf dem kleinen Sportler nicht. Und dann ist da ja auch noch das mit seinem Rücken...Doch keine Sorge. So wie es jetzt ist, wird es nicht bleiben. Denn schließlich soll jeder der Vier auf jedem der Motorräder einen halben Tag am Stück verbringen, um sich eine sichere Meinung bilden zu können: Wem liegt welche Art Motorrad am besten?

Der Strich der vier auf den anspruchsvollen Straßen rund um den Gardasee wird mit den ersten Kilometern immer sicherer. Schon bald stellen sich die ersten Unterschiede der Motorenkonzepte heraus (siehe auch Seite XX). Der vermeintlich durchzugsstarke Einzylinder der F 650 muß viel häufiger durch Schalten in seinem besten Drehzahlband gehalten werden. Unter 3000 Touren ist dem hackenden Single keine nutzbare Leistung zu entlocken. Das andere Zylinder-Extrem, die XJ 600 S, zieht dagegen noch bei nur 2000/min wacker durch. Die XV 535 macht dem Mythos vom blubbernden, niedrigtourigen V-Zwei-Chopper alle Ehre. Und selbst die GS 500 E, die Hubraumschwächste im Test, hält im Bummeltempo wacker mit der Gruppe mit.

Dann der erste Fahrzeugwechsel:«Wo sind denn hier die Fußrasten?« Alex übernimmt die GS 500 E, Francesco die XJ 600 S, Martin die XV 535 und Helmut die F 650. Wer wie Alex daran gewöhnt ist, daß die Rasten an seinem Motorrad weit vorn liegen, kann sich auf der Suzuki schon einmal mit den Füßen verirren. Helmut dagegen ist mit der BMW erheblich glücklicher, denn: »Ich hasse nichts mehr, als wenn mich beim Motorradfahren etwas zwackt. Bequem muß es einfach sein.« Jeder Kleinwagen hat heute eine Sitz- und teilweise sogar Lenkradverstellung. Daß aber auch nicht ein Motorrad-Hersteller in der Lage ist, Lenker und Fußrasten so zu gestalten, daß jeder Fahrer sie an seine Bedürfnisse anpassen kann, stellt der Motorradindustrie tatsächlich ein Armutszeugnis aus. Am flachen, weitläufigen Südufer des Gardasees liegen schnelle Landstraßen-Abschnitte an.

Helmut und Francesco auf den halbverkleideten F 650 und XJ 600 S haben gut lachen. 120 km/h machen ihnen auch auf Dauer keine Mühe. Alexandra, die auf der unverkleideten GS 500 E zunächst nicht gerade glücklich wirkte, entspannt sich zusehends. Bei dieser Geschwindigkeit ist die vorgebeugte Sitzhaltung prima. Der Fahrtwind stützt den Oberkörper, die Handgelenke werden vom Gewicht entlastet. Nur Martin mault. Mit seinem weitgeschnittenen Tourenanzug und dem hochgekröpften Lenker der XV 535 hängt er nun wie das sprichwörtliche Segel im Wind.

Dies wirkt schnell ermüdend. Die abendliche Zwischenbilanz bei Bruno bringt schon Licht in die Urteile der vier Testfahrer: »Im Tourentempo ist die Sitzposition auf der XV 535 prima«, resümiert Martin, und Alexandra pflichtet ihm bei. »Aber wenn du weite Strecken auf der Autobahn fahren möchtest, dann gute Nacht«, fährt er fort. Die F 650 gefällt Francesco und Helmut gleichermaßen gut. »Aber der Unterschied zwischen dem Einzylinder und dem Vierzylinder der XJ 600 S hat mich doch erstaunt«, gibt Francesco zu. »Der Vierzylinder zieht ja ganz unten um Klassen besser.«Die XJ 600 S wird dafür in der Spritzigkeit von ihrem hohen Gewicht und der langen Standard-Übersetzung gestraft. Die unveränderte Endübersetzung muß sich in der 34-PS-Variante negativ auf das Temperament auswirken. Die Ein- und Zweizylinder wirken vor allem bei Überholmanövern auf den engen italienischen Landstraßen erheblich lebendiger.

Die Nacht bei Bruno wird lang und lustig. Doch die vier freiwilligen Tester haben am nächsten Morgen weniger Probleme, in die Gänge zu kommen, als einige Motorräder. Es ist Januar, und Minusgrade sind nachts immer drin. Die F 650 läßt sich mit voll gezogenem Choke nicht lange bitten und pafft weiße Kondenswolken aus ihrem gewaltigen Kanonenrohr. Die GS 500 E braucht da schon mehr Anlauf. Aber erst einmal in Schwung, nimmt auch ihr Paralleltwin sauber Gas an. Die beiden Yamaha jedoch, die XV 535 und die XJ 600 S, laufen auch mit voll gezogenem Choke nur sehr schwer an und lassen sich anschließend lange bitten, bis sie Gas annehmen, ohne sich zu verschlucken. Das Problem ist Yamaha bekannt. Die XJ 600 S besitzt eine Vergaserheizung, um die Warmlaufphase zu verkürzen. Daß die XV 535 den Chokehebel an den Vergasern sitzen hat, stellt dagegen für keinen der Gast-Tester ein Problem dar.

Francesco, ein durchtrainiertes Mannsbild von 185 Zentimetern und 100 Kilogramm, fühlt sich auf der nach seinen Maßstäben winzigen GS 500 E wie Gulliver im Lande Liliput. Gerade anders herum ergeht es Alex, die kaum auf die XJ 600 S, ihr Angstgefährt, hinaufkommt. Ein Tip: Versierte Motorradfahrer halten ihre Motorräder beim Aufsteigen nie am Lenker fest, sondern stellen sie auf den Seitenständer, mit dem eingelegten ersten Gang als »Handbremse«. Martin hat mit dem Ersteigen der F 650 keine Mühe, doch Helmut läßt sich nur mit Augenrollen auf die niedrige XV 535-Sitzkuhle nieder. Die XV 535 ist auf schlechten Straßen - und die geben rund um den Gardasee nun einmal den größten Fahrspaß her - die unkomfortabelste von allen vier Motorrädern.

Die straffen Federelemente ermöglichen zwar auch mit 219 Kilogramm die höchste aller möglichen Zuladungen, doch ist der Federungskomfort spürbar eingeschränkt. Dazu treffen die Fahrbahnstöße auch noch senkrecht in die aufgerichtete Wirbelsäule. BMW F 650 und Yamaha XJ 600 S fliegen dagegen nur so über die Bodenwellen. Die Suzuki folgt nach, nicht unkomfortabel, doch der eine oder andere Stoß verwackelt schon einmal Francescos Linie. Die vorgebeugte Sitzhaltung läßt zudem die Übersicht der aufrecht sitzenden BMW- und XJ 600-Fahrer missen. Deren breite Lenker sorgen auch für geringe Lenkkräfte und eine zielgenaue, weniger nervige Lenkung als an der Suzuki. Selbst die schwerste, die XJ 600 S, reagiert auf Lenkimpulse und Wechselkurven erstaunlich leichtfüßig. In der reinen Handlichkeit kann die XV 535 mithalten. Einzig ihr Vorderrad benötigt in Kurven einen größeren Radius. Helmuts Fahrstil erinnert ein wenig an das Schild »Vorsicht - Fahrzeug schwenkt aus« an langen Lkw.

Auffällig ist, wie wenig sich jeder der vier Gast-Tester über die Bremsanlagen äußert. Ein Bremsenvergleich auf einem leeren Parkplatz unter kontrollierten Bedingungen bringt auch die Gründe zutage. Keiner der vier bringt mit den Test-Motorrädern auch nur annähernd die mögliche Bremsverzögerung zustande. »Lieber früher bremsen, dafür aber sicher und ohne die Räder zu blockieren«, resümiert Helmut, und die anderen nicken. Ein weiches Einsetzen und gute Dosierbarkeit der Bremsen stehen für Normalfahrer deutlich höher im Kurs als ein klar definierter Druckpunkt, das direkte Zupacken oder die maximale Verzögerung, wie sie die geübten MOTORRAD-Tester bevorzugen.

Der letzte Motorradwechsel bringt keine anderen Resultate mehr zustande als vorher - mit der Ausnahme, daß Alexandra auf der folgsamen BMW F 650 endgültig ihre Angst vor hohen Tieren verliert und es mit ihr ordentlich ums Eck pfeffern läßt. Nur Francesco mault, weil seine Knie in Serpentinen ein- ums andere Mal an den eingeschlagenen XV 535-Lenker stoßen. Zurück in Vesio, dem kleinen Ort gleich oberhalb Villa, bringt die Zapfsäule der kleinen Dorftankstelle eine letzte Überraschung zutage - mit wie wenig Sprit man so viel Spaß haben: Die Suzuki GS 500 E kam bei ganz normaler Fahrweise mit 3,9 Litern 100 Kilometer Landstraße weit, und die anderen drei brauchten auf dieser im Grund typischen Motorrad-Tour auch nur 4,5 bis 4,8 Liter Benzin.

Bruno hat sich langsam an seine Gäste aus Germania gewöhnt. Die Spaghetti-Berge auf den Tellern werden mit jedem Abend größer. Und das Fazit der Einzelnen? Alexandra: »Ich bevorzuge weiterhin die XV 535. Ich mag Chopperfahren. Und die XV kann alles, was ich brauche. Was will ich mehr?« Francesco: »Die BMW F 650 ist schon prima. Aber bitte ohne dieses Gepäcksystem. Und eine besser angepaßte Endübersetzung wäre für die 34-PS-Version auch gut. Damit könnte man den unter 3000 Touren hackenden Motor besser überspielen.« Martin: »Entweder die XJ 600 S oder die BMW F 650 - aber die für mich bitte mit den Koffern.

Die XJ 600 kommt mir als einzige etwas untermotorisiert vor. Wenn, würde ich die wohl mit wenigstens 50 PS bevorzugen.« Und Helmut: »Für mich gilt auch: BMW oder Yamaha XJ 600. Wobei ich wegen der besseren Laufkultur wahrscheinlich zum Vierzylinder greifen würde.« Und die Suzuki GS 500 E? Die spielt in diesem MOTORRAD-Vergleichstest ein wenig die Rolle des Außenseiters. In natura aber sieht die Sache doch anders aus - mit über 3000 verkauften Motorrädern liegt die GS 500 E klar auf dem ersten Platz der 34-PS-Hitparade. Aber dieser Einwand eines um Ausgewogenheit besorgten MOTORRAD-Redakteurs geht einfach unter in den Gesprächen, Klängen und Geräuschen eines Abends an einer italienischen Pasta-Tafel.

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