BMW R nineT Pure und Triumph Bonneville T120 Black

Drucktherapie gegen Alltagstrott

Wer das Schöne im Leben sucht, muss den Blick aus dem Alltag werfen, den Winter-Blues endlich aus dem Kopf verbannen. Worauf also warten, wenn zwei Puristen unter den Roadstern vor der Garage stehen und zur Drucktherapie einladen? Eindrücke von den beiden Retro-Bikes BMW R nineT Pure und Triumph Bonneville T120 Black.

Wieder so ein Tag. Die Lider wollen kaum die Augen zu erkennen geben, der Körper hat mehr Kalk zwischen den Gelenken als Muckis auf den Knochen. Herrje, liegen die Lebensgeister wirklich schon halb unter der Erde? Bloß nicht vorzeitig das Handtuch werfen! Denn es gibt Gegenmittel. Drucktherapie ist das Stichwort. Kurzerhand den Kumpel aus der Koje geklingelt, die Triumph Bonneville T120 und die BMW R nineT Pure aus der Garage geschoben, Zahnbürste, Unterhose und Kreditkarte in die Gepäckrolle geworfen und schnell dahin bollern, wo der Alltag garantiert nicht auf uns wartet – an die Côte d’Azur.

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Aufgeräumt, massiv, klassisch

Mit einer Legende wie der Triumph Bonneville stehen die Chancen gut, sich innerhalb weniger Stunden zu rehabilitieren, den steifen Knochen mit ein paar Gasstößen wieder Freude einzuhauchen. Seit letztem Jahr gilt das umso mehr. Denn nun hängt im Herzen des Doppelschleifenrahmens der T120 ein fetter 1200er-Big-Bang-Motor. Und es sind nicht nur seine Kühlrippen, an denen man sich gar nicht sattsehen kann. Was die Herren aus Hinckley uns da präsentieren, könnte man locker gegen den Fernseher im Wohnzimmer tauschen. Dann gäbe es jeden Abend Traumschiff zu sehen. Wobei diese Beschreibung nur zum Teil zutrifft. So aufgeräumt, so massiv, so klassisch wie die Triumph Bonneville T120 Black vor einem steht, ist sie ein wahrer Traum.

Ein Schiff aber ist sie nicht, auch wenn sie im Profil so lang gestreckt ausschaut wie ihre Vorfahrin aus dem Jahr 1959. Mit einem Radstand von eher gemäßigten 1445 Millimetern (BMW: 1493 Millimeter) und einem Gewicht von immerhin 246 Kilogramm haben es die Ingenieure und Designer in liebevoller Kleinarbeit verstanden, die schmale Silhouette der Urahnin beizubehalten. Und das trotz des nun wasser­umspülten und über 300 Kubik größeren Zweizylinder-Motors. Herrlich entspannt und gut integriert hockt der Fahrer auf der abgesteppten braunen Ledersitzbank. Vor ihm streckt sich grazil das schmale 18-Zoll-Drahtspeichenrad aufs Parkett. Ja, die Reminiszenz an die T120 von einst ist ein Volltreffer. Die Triumph Bonneville T120 Black besitzt eine Seele. Das sieht man. Und das fühlt man.

Heftiges Boxer-Geballer gegen düsteren Alltags-Blues

Lässt die BMW R nineT Pure einen im Gegensatz dazu kalt? Mit dem Namenszusatz Pure erhält man die R nineT nun in jedem Fall noch puristischer. Nicht dass sie bisher als reguläre Variante zu viel Spielereien besaß, aber für rund 2.600 Euro weniger kommen nun vermutlich noch mehr Verbraucher in den Genuss, mit dem luftgekühlten Boxermotor das eigene Gemüt wieder auf Touren zu bringen. Am Aggregat selbst hat man nicht gespart. Der 1200er-Dampfhammer lehnt selbstbewusst wie seit jeher seine kühlverrippten Zylinder links und rechts aus dem Gitterrohrrahmen-Motor-Getriebe-Verbund. Aber was unterscheidet dann die ­Pure vom Original? Anstatt Drahtspeichen-Felgen gibt es Fünf-Speichen-Gussräder im 17-Zoll-Format, die Upside-down-Gabel weicht einer konventionellen Telegabel mit 125 Millimetern Federweg, die Verzögerung übernehmen anstatt der radial angeschraubten Bremssättel konventionell befestigte, das Cockpit ziert ein einzelner Tachometer samt integriertem LC-Display. Das war es im Wesentlichen. Und versierte BMW-Kenner wissen längst: Die Pure kombiniert Teile der Scrambler mit denen der Normalo-Version. Auch die Fahrwerksdaten wie Lenkkopfwinkel (63,4 Grad) und Nachlauf (105 Millimeter) befinden sich genau zwischen beiden Modellen. Wer die Pure auf den ersten Blick erkennen will, achtet am besten auf den Auspuff: Anstatt Doppelflöte trägt die Pure einen einzelnen, konisch zulaufenden Endtopf. 

Wer in seinem Kopf weiterhin den Alltags-Blues hört, versetzt per Knopfdruck die längs liegende Kurbelwelle in Rotation, lässt sich von ihrer Existenz durch einen einmaligen Linksdrall des gesamten Motorrads überzeugen, zieht kräftig am Ride-by-Wire-Gasgriff und knallt mit heftigem Boxer-Geballer alles aus dem Hirn, was da nicht hingehört! Ein herrlich harter Zweizylinder-Schlag katapultiert sich bei geöffneten Drosselklappen aus dem Auspuff in die Freiheit, lässt die Nackenhaare aufstellen und Passanten am Mittelmeer ungläubig die Augen reiben. Ob es sich um eine Art bajuwarische Beweisführung handelt, dass die Euro 4-Norm kein Klang-Killer sein muss? Sicher ist zumindest nun, dass die BMW R NineT Pure es ernst meint mit ihrer Kategorisierung als Roadster. Ganz nach dem Motto: Zu Hause ist, wo die Straße hinführt.

Kerniger klingt die BMW, beruhigender die Triumph

Von ganz anderem, nämlich dezenterem Schlag präsentiert sich der Bonneville-Zweizylinder, der schon aus der Thruxton bekannt ist. Ihm haben die Brit-Ingenieure für die Tätigkeit in der Triumph Bonneville T120 mehr Gelassenheit antrainiert. Niedrigere Verdichtung, zahmere Steuerzeiten, mehr Schwungmasse lassen im Ergebnis maximal 78 PS an der Kurbelwelle galoppieren, die bis zu 101 Newtonmeter liegen dafür schon bei niedrigen Drehzahlen an. Gute Vorzeichen also für den therapeutischen Ritt durch das bergige Hinterland. Oder? Ein Druck aufs Knöpfchen und die Triumph verpasst ihrem Fahrer mit dem ersten Verbrennungstakt eine wohltuende Seelenmassage. Kein Rabauke, sondern ein bassiger Schmeichler stampft hier unrhythmisch mit 270 Grad Kurbelwellensatz vor sich hin.

Kerniger klingt die BMW, beruhigender die Triumph. Der Fahrer der Triumph Bonneville T120 muss zudem genau hinhören: Die zwei Auspuffrohre im „Pea Shooter“-Design enden ­unsymmetrisch erst auf Höhe des schmalen 150er-Pirelli-Phantom-Sportscomp und somit weit hinter den Ohren des Piloten. Sei’s drum, ab etwa 2.000 Touren nimmt die Bonnie ruckfrei Gas an, zeigt schon ab hier, dass viel Kraft im Triebwerk steckt. Der fette Schub erreicht bereits zwischen 3.000 und 3.500 Umdrehungen das Plateau, auf dem man gerne und breit grinsend umhersurfen kann. Und auch wenn der Druck wenige Umdrehungen später wieder absinkt: Selbst bei 6.000 Touren zeichnet das Prüfstandsdiagramm noch 90 Newtonmeter aufs Papier – genug!

Klingt fast nach der Assistenz eines Schaltautomaten

Dass man trotz der Power bei beherztem Rumkurven einen fleißigen Schaltfuß braucht, stört nicht wirklich. Das recht lang übersetzte Sechsganggetriebe rastet nämlich sehr exakt und leichtgängig. Die Triumph Bonneville T120 will eben keine Weltrekorde mehr aufstellen, sie mag lieber mit königlicher Souveränität die Straßen dieser Welt entlangstolzieren. Und das – wenn man es nüchtern betrachtet – am liebsten aufrecht. Nur mit hoher Lenkkraft lässt sie sich in Schräglage bringen, muss in Wechselkurven mit harter Hand dirigiert werden, um die angepeilte Linie halten zu können. Das überrascht. Mit den schmalen und reichlich Grip liefernden Reifen würde man ein lebendigeres Handling erwarten. Ob es an den Stahlfelgen liegt? Die komfortabel abgestimmte Telegabel und die traditionellen Stereo-Federbeine machen ihre Sache ansonsten prima, federn lange Wellen sauber weg, geben nur Querfugen als Schläge bis zum Fahrer weiter. Trotz moderner Helferlein wie der Anti-Hopping-Kupplung, der Traktionskontrolle und den zwei Fahrmodi („Rain“ und „Road“) mag die Triumph lieber flanieren, nicht rüpelhaft ums Eck gescheucht werden. Wer das akzeptiert, dem massiert das Bike die Seele, der hat wieder Freude am Leben.

Freude produziert auch die BMW R nineT Pure, aber ganz anders: Wer auf ihr Platz nimmt, hat gegenüber der Triumph Bonneville T120 das Gefühl, auf einem scharfen Naked Bike zu hocken. Das liegt nicht nur an der dünn gepolsterten Sitzgelegenheit, sondern an der viel aktiveren, aber keineswegs beengten Sitzposition. Man thront geradezu auf der 219 Kilogramm schweren Münchnerin, packt das maximal 112 PS und 116 Newtonmeter leistende Bike dank des breiten Lenkers sicher an den Hörnern und fühlt sich auf ihr wie ein Gleitschirmflieger. Sauber trennt die Trockenkupplung, das Getriebe lässt sich unhörbar schalten. Beim flotten Durchzappen der sechs Gangstufen klingt das fast nach der Assistenz eines Schaltautomaten, so sanft und schlagfrei wechselt man manuell die Übersetzung.

Aufsteigen und wohlfühlen

Die Aufgeräumtheit, die saubere Struktur des Triumph-Motors darf man schon konzeptbedingt beim Boxer nicht erwarten. Clean sieht das massive Boxer-Triebwerk nicht aus. Dennoch: Die BMW R nineT Pure trifft ins Herz. Und das überwiegend durch ihr ultradirektes Fahrgefühl. Auch wenn die Gabel zu wenig Dämpfung aufweist, in der rasanten Bergwertung durchaus überfordert wirkt und das Federbein alles andere als rückenschonend anspricht: Wenn man Kurve um Kurve tiefer abwinkelt, ein ums andere Mal später in die gut dosierbare und kräftige Bremse packt, nach wenigen Kehren so früh ans Gas geht, dass der 180er-Bridgestone-T30-EVO-Hinterreifen ans Griplimit gerät, dann ist es, als kippe man sich Kehre um Kehre einen großen Schluck eines perfekt gemischten Gefühlscocktails die Kehle runter. Der Boxer drückt aus niedrigsten Drehzahlen kraftvoll voran, gewinnt in der Mitte an Drehfreude und zündet im oberen Drehzahldrittel ein Feuerwerk, dass man innerlich jubiliert. Wer jetzt meint, man hätte eine Propeller-Brille auf der Nase: Die BMW R nineT Pure hat über 30 PS mehr als die Triumph Bonneville T120, wiegt 27 Kilogramm weniger, zieht in nahezu halber Zeit von 60 auf 100 km/h und von 100 auf 140 km/h durch. Das sind Welten!

Und genau das trifft den Nagel auf den Kopf: Die Triumph Bonneville T120 und die BMW R nineT Pure sprechen verschiedene Sprachen, wollen ungern miteinander verglichen werden, kommen aus anderen Welten. Wenn es ums Fahrerische geht, muss man zur BMW greifen, wenn es um cleane und traditionelle Optik geht, zur Bonneville T120. Beide Motorräder sind moderne Konstruktionen, liegen in derselben Kategorie und Preisklasse und begeistern dennoch auf ganz eigene Weise. Was sie verbindet: wie sie durch die Konzentration aufs Wesentliche ihre Fahrer in den Bann ziehen, den Alltag vergessen machen, mit ihren bärigen Motoren die Lebensgeister reaktivieren. Aufsteigen und wohlfühlen ist die Devise dieser puristischen Roadster. 

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