BMW R nineT Racer im PS-Fahrbericht

Retro-Racer mit Boxer-Motor

Die BMW R nineT Racer gehört zu den optisch aufregendsten Motorrädern des Modelljahrs 2017. Beim ersten Fahrtest des Retro-Racers bestätigte sich jedoch eine Binsenweisweit: Schönes ist oft nicht einfach zu handhaben.

Als ich die ersten Bilder der BMW R nineT Racer sah, war ich voll erledigt. Was für eine gelungene Hommage an die schnelle Welt in den 70ern! Und als ich der urfeschen Maschine dann bei der Messe in Salzburg das erste Mal live begegnete und probeweise aufstieg, spielte es in mir den "Shin-Kick"-Morning von Rory Gallagher. Ich wollte sofort fahren. Allerdings war die Racer in weiser Voraussicht fest mit dem Messeboden verschraubt, und so musste ich viele Wochen warten, bis ich jetzt in Almeria endlich Feuer geben durfte. Meine Erwartungen waren hoch – zu hoch vielleicht.

Anzeige

Tank der BMW R nineT Racer ungewöhnlich lang

Das Aufsteigen auf die BMW R nineT Racer in Südspanien war anders als das Probesitzen auf der Messe. Weil ich jetzt nämlich nicht im geschmeidigen Sweater beziehungsweise im T-Shirt angriff, sondern mit fester, sperriger Lederjacke. Das macht einen großen Unterschied bei der Bewegungsfreiheit, wenn man die Arme weit nach vorne strecken muss. Und das muss man, denn einerseits ist der Tank der Racer (wie bei allen R nineT-Modellen) für heutige Verhältnisse ungewöhnlich lang und andererseits sind die Holmlenker, die gar nicht übertrieben tief liegen, weit vorne. In Kombination mit den etwas nach hinten verlegten Fußrasten spannt es dich auf den Hobel wie auf eine alte Rennmaschine. Vollkommen authentisch, aber irgendwie auch absurd. Denn trotz der überragenden und richtungsweisenden Optik ist die Racer selbstverständlich keine Rennmaschine à la S 1000 RR, sondern ein Aufsehen erregendes Flaniereisen mit sportlichem Potenzial.

Sitzposition auf der S 1000 RR entspannter

Um die Sache klarzustellen: Da beim BMW Motorrad Testcamp in Almeria auch RR-Maschinen zur Verfügung standen, hatte ich den direkten Vergleich und darf somit sagen, dass die Sitzposition auf der RR, die – im Gegensatz zur BMW R nineT Racer – im echten Renneinsatz zum Besten und Kampfstärksten gehört, das der Serienbau bietet, viel entspannter und geschmeidiger ist. Selbst die größten Fans der R ­nineT-Reihe – dazu zähle ich mich – wissen natürlich, dass man mit diesen Bikes schon sehr schnell fahren kann. Aber wer glaubt, man könnte mit topmodernen Supersportlern mithalten, hat entweder die Fahrtechnik von Marc Márquez oder den Realitätsverlust von Don Quijote.

Klang trotz Euro 4 kernig

Der "alte" luftgekühlte Boxer der BMW R nineT Racer mit 1170 cm³ leistet 110 PS bei 7.750/min und 116 Nm bei 6.000/min. Das darf man durchaus als echten Dampfhammer bezeichnen, der forsch aus dem Radius feuert. Beim Straßenfahren dringt man ja – egal, worauf man sitzt – selten in fünfstellige Drehzahlbereiche vor, und im vierstelligen Bereich muss sich der brachiale Boxer vor niemandem fürchten. Herrlich finde ich auch, dass der Klang trotz Euro 4 kernig und röhrend geblieben ist.

Schönes ist oft nicht einfach zu handhaben

Keine Frage, die luftgekühlte Motorisierung und die minimale elektronische Ausstattung (ABS ist Serie, ASC optional) passen sehr gut zur Plattform der R nineT, aber gerade bei der Racer kann man sich den Einsatz des stärkeren und geschmeidigeren Boxers mit dem wassergekühlten Kopf gut vorstellen und auch den Schaltassistenten Pro für kupplungsloses Rauf- und Runterschalten. Diesen Gedanken wurde ich einfach nicht los. Denn am schönsten und entspanntesten fuhr sich die BMW R nineT Racer im "Feuer frei!"-Modus bei Geschwindigkeiten über 100 km/h. Da schwebte dann der Oberkörper wie auf einem Luftpolster, und man tauchte in die Leichtigkeit des Seins ein.

Foto: BMW
Die Rundinstrumente waren damals wie heute urfesch. Da schaust du eh dauernd drauf, weil der lange Tank den Oberkörper so weit nach vorne streckt.
Die Rundinstrumente waren damals wie heute urfesch. Da schaust du eh dauernd drauf, weil der lange Tank den Oberkörper so weit nach vorne streckt.

Die nicht einstellbare 43er-Teleskopgabel, das in Vorspannung und Zugstufe justierbare Federbein und die 320-Millimeter-Doppelscheibenbremse werkten auf den spanischen Bergstraßen tadellos. Da gab es nichts zu meckern. Im Gegenteil. Alles eher auf der sportlichen Seite, aber gut zu handhaben und nicht ungemütlich. Auch das Einlenkverhalten der BMW R nineT Racer an sich war unaufgeregt und selbstverständlich. Etwas schwieriger war nur die Blickführung in engeren Kurven. Durch die gespannte, flache Oberkörperhaltung hat man sowieso schon wenig Überblick und das Drehen des Kopfes in Richtung Kurvenausgang wird erschwert. Das hat mir nicht getaugt, das war eher mühsam als herrlich.

Bauartbedingt nicht der ideale Rennmotor

Auf der Rennstrecke wäre das kein Problem, und ich denke, die natürliche Haltung auf der BMW R nineT Racer würde sehr gut passen. Da könnte man viel Freude mit der wunderschönen bayerischen Retro-Maschine haben. Zu groß sollte der Ehrgeiz allerdings nicht sein. Denn mit 110 PS für 220 Kilo vollgetankt und nur etwas mehr als 200 km/h Topspeed brennt man keine Rekorde in den Ring. Bauartbedingt ist der Boxer sowieso nicht der ideale Rennmotor, weil die abstehenden Zylinder die Schräglage begrenzen. Und das heikle Aufsetzen auf der Rennstrecke dürfte auf der R nineT Racer leichter passieren als damals im hart umkämpften und top besetzten Boxer-Cup, weil die Gabel der Racer im Gegensatz zum Telelever der Cup-Maschine eintaucht.

Eindeutig eine Maschine für die Straße

Nein, nein, die BMW R nineT Racer ist trotz ihrer sportlichen Anmutung eindeutig eine Maschine für die Straße. Es gibt sicher Motorräder, die bequemer zu fahren sind, aber dafür ist sie umwerfend und atemberaubend fesch. Und das weiß man ja auch von den Menschen: Unfassbare Schönheiten sind meistens nicht ganz unkompliziert. Eine Herausforderung sozusagen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote