Fahrbericht Aprilia RSV mille R

R-staunlich

Sie dachten auch, die Aprilia RSV mille R könne man kaum noch verbessern? Falsch. Aprilia setzte an über 200 verschiedenen Stellen an, um das Gegenteil zu beweisen. Mit Erfolg?

Nach Jahren stiller Vorbereitung machte Aprilia 1997 ernst: Die RSV mille erschütterte die kraftradelnde Welt, gewann auf Anhieb Vergleichstests, düpierte die völlig überraschte Konkurrenz, machte sich durch gute Verarbeitungsqualität und Zuverlässigkeit Fans – ein Blick in den Langstreckentest ab Seite 48 sollte auch die letzten Zweifler beruhigen.
Immer überzeugender gerieten die durchdachten Bikes aus dem Veneto, gekrönt zum Beispiel von der supersportlichen, technikgespickten und dabei erschwinglichen mille R. Man gedenke des letzten Supersportler-Vergleichstests (MOTORRAD 20/2000): beste Rundenzeit, Sieger auf der Rennstrecke, in der Straßenwertung auf dem Podium - und Einigkeit in der Testmannschaft, dass die »R« zu den besten Motorrädern der Neuzeit zählt. Nicht gut genug, befand Aprilia.
Rassiger als ihre Vorgängerin präsentiert sich die RSV mille R des Jahrgangs 2001. Allein die kleinen Luftleitbleche an der Verkleidungsnase beleben ihren Auftritt, bedeutend lockerer auch die Heckpartie, zierlicher und irgendwie dynamischer der Tank. Dass die »R« laut Aprilia zudem in über 200 Punkten verbessert wurde, macht die erste Probefahrt im italienischen Imola umso spannender. Wie deutlich lässt sich so Gutes noch verbessern?
Schon beim Warmfahren trumpft die Neue auf, denn die stärker profilierten Fußrasten bieten besseren Halt, der viel schlankere Tank mehr Bewegungsspielraum. Vom ersten Meter weg überzeugt der Rotax-Twin mit guten Manieren: kaum wahrnehmbar das vormals typische Kettenpeitschen, gemildert die Vibrationen – Phänomene, die prinzipiell auf dem zwangsläufig unrunden Lauf des zweifach ausgleichsbewellten 60-Grad-V2 beruhen. In der 2001er Version wirken dem ein überarbeitetes Kennfeld des Motormanagements sowie eine ausgeklügeltere Ruckdämpfung der Kupplung entgegen. Die erfordert darüber hinaus geringere Handkräfte und lässt sich beim »reindriften in die Kurven wie die meines Superbikes dosieren« – so der sichtlich begeisterte MOTORRAD-Mitarbeiter und Superbike-WM-Pilot Markus »Sideways« Barth.
Ohnehin wurde das Triebwerk grundlegend überarbeitet, atmet nun zunächst durch eine optimierte Airbox, dann durch geänderte Einlasskanäle und weiter öffnende Ventile größeren Durchmessers ein. Ein äußerlich unveränderter, indes deutlich leichterer, besser dämpfender Schalldämpfer mit U-Kat entsorgt kernig bellend die gesäuberten Abgase in die Umwelt.
Ergebnis: reichlich Fahrspaß. Die Kurvendiva schiebt aus den Ecken wie der sprichwörtliche Elch, hängt zackig und wohldosierbar am Gas, schon in der Mitte des Drehzahlbandes immens kräftig, so dass gern einmal ein Gangwechsel ausfällt. Die Entwicklungsarbeit hat sich gelohnt. Über 280 km/h schnell soll die aerodynamisch ausgefeilte Athletin rennen – ein glaubwürdiger Wert angesichts der vorgeführten Schubkraft. Einzig beim Hochschalten auf der Rennstrecke dürfte die Mille noch etwas kooperativer sein. Fixe Gangwechsel verlangen nämlich nach weit geschlossenem Gasgriff, so dass Hochschalten seine Zeit braucht, ein kleiner Lastwechselruck kaum vermeidbar ist.
Auch am Fahrwerk – wie beschrieben schon bisher eines der besten überhaupt – hat Aprilia gearbeitet. Der Motor hängt höher im Brückenrahmen, zum Ausgleich wanderte im Dienste bestmöglicher Gestaltung der Kettenzugsmomente auch der Schwingendrehpunkt himmelwärts. Das edle Öhlins-Federbein und auch die Geometrie seiner Anlenkung wurden grundlegend überarbeitet, die Öhlins-Gabel entsprechend neu abgestimmt. Wie erwartet geben die Federelemente denn auch keinerlei Anlass zur Kritik, bügeln supersensibel die Strecke glatt, bieten einen breiten Abstimmungsbereich, halten die Reifen perfekt auf dem Asphalt.
Apropos Reifen: Die Mille R rollt als erstes Motorrad auf Pirelli Supercorsa, einem direkt vom letztjährigen Rennreifen abgeleiteten Pneu mit – Nomen est omen – äußerst supersportlichen, dabei alltagstauglichen Qualitäten. Der Vorderreifen zeigt jetzt wieder einen 70er- statt des vormaligen 65er-Querschnitts. Der Lenkkopfwinkel schrumpft um ein halbes auf jetzt 65 Grad. Und? Fast noch mehr als schon die alte »R« darf die Neue als Referenz in Sachen Lenkpräzision und Linientreue gelten. Ihre gerade bei hohem Tempo schier unglaubliche Handlichkeit in Wechselkurven verdankt sie auch den aufwendigen, superleichten Alu-Schmiederäder, die natürlich auch der Beschleunigung auf die Sprünge helfen.
Einen großen Schritt nach vorn macht die Mille durch ihre neue Bremsanlage: völlig neu entwickelte Bremszangen von Brembo, die pro Bremsscheibe vier kleine Einzelbeläge auf die Scheibe drücken. Vorteile? Der massive Mittelsteg zwischen den Belägen versteift den Bremssattel. Der Druckpunkt wird definierter, Fading durch Wärmeverzug der Belagplatten nahezu unmöglich. Die Praxis bestätigt die Theorie, denn die edel anmutenden Stopper lassen sich bei relativ sanftem Einsatz perfekt dosieren, ohne in der Wirkung nachzulassen. So muss das sein.
Aprilia wäre nicht Aprilia, ohne an die Belange des Alltags zu denken. So erhellen zukünftig stärkere Scheinwerfer die Nacht, beugt eine extra starke Antriebskette starkem Verschleiß vor. Wahrhaftig, ein guter Auftritt. Ob’s da noch was zu verbessern gibt an den Motorrädern aus Noale?
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