Fahrbericht BMW R 1200 GS Rallye

Fahrbericht BMW R 1200 GS Rallye

Mach mal blau

Die BMW R 1200 GS Rallye ergänzt - ganz in Blau - die populäre Reihe der Großenduros mit dem Motto "Aufsatteln und losfahren - egal wohin, egal ob Asphalt oder Schotter."

Die BMW R 1200 GS Rallye ist nicht die erste GS, die sich die Gretchenfrage stellen lassen muss. Seit 1980, als BMW mit der G/S das Reiseenduro-Segment initiierte, diskutiert die Motorradwelt: Werden die Tourer im Crocodile Dundee-Outfit überhaupt abseits der Straße bewegt? Sind sie fürs holprige Terrain nicht zu hoch, zu korpulent, zu teuer und sowieso viel zu schade?

Die Antwort darauf gibt der Markt. Die dicken Dinger im Dschungel-Dress sind gefragter denn je. Ducati schickte die Multistrada im vergangenen Jahr erstmals als Endurovariante in den Schotter, zeitgleich steckte Triumph die Explorer in der XC-Ausgabe ins burschikose Gewand. KTM stellt den Adventure-Modellen ohnehin grundsätzlich einen grobstolligen R-Ableger zur Seite. Honda schraubte der neuen Africa Twin ausschließlich ein geländegängiges 21-Zoll-Vorderrad zwischen die Gabelholme – und bei BMW ­ordern derzeit 46 Prozent aller GS-Kunden die Adventure-Variante. Vor ein paar Jahren taten das noch weniger als ein Drittel Die Zeichen stehen also auf Offroad, ob man das nun für sinnvoll hält oder nicht.

Bei so viel Konkurrenz kann Verstärkung nicht schaden. Die BMW R 1200 GS Rallye soll die Flanken des fast vier Jahrzehnte andauernden bayerischen Siegeszugs absichern. Im Grunde genommen ist die Neue ­zunächst lediglich eine Modellvariante der Basis-GS. Blauer Rahmen, blau eingefärbte Kunststoffteile und ein prägnantes GS-Logo auf den Tankseiten unterscheiden sie optisch von der Stammesmutter BMW R 1200 GS. In deren Zubehörlager bedient sich die BMW R 1200 GS Rallye auch technisch. Die Kreuzspeichenräder und die groben Fußrasten ließen sich bereits bislang separat ordern, der niedrige Windschild, die flache, einteilige Sitzbank sowie der Kühler- und Rahmenschutz wurden jedoch erst mit der Rallye eingeführt. Alles zusammen für 590 Euro Aufpreis zur Standard-GS.

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BMW R 1200 GS Rallye

Doch wirklich interessant wird die Geschichte erst jetzt. Die Stichworte: Sportfahrwerk und Dynamic ESA "Next Generation". Vor allem dieses Duo – beides nur in Kombination und für insgesamt 1090 Euro Zuschlag erhältlich – soll Africa Twin und Co. weiterhin auf Respektabstand zur BMW R 1200 GS Rallye halten. Während das Sportfahrwerk, also die Federbeine von Paralever-Schwinge und Telelever-Gabel, bereits aus der Adventure bekannt sind und zwei Zentimeter längere Federwege und straffere Federn besitzen, betritt das Dynamic ESA Neuland. Zumindest bei BMW. Wie in der Aprilia Capo­nord (Zulieferer: Sachs) und der Triumph Tiger Explorer (WP Suspension) registrieren auch die Federwegsensoren an der von Sachs gelieferten Kombo der BMW R 1200 GS Rallye die Zuladung und passen die Federvorspannung selbstständig an. Das Sahnehäubchen setzt dem Hightech-Fahrwerk noch die Verknüpfung der Dämpfungsabstimmung mit den verschiedenen Fahrmodi auf.

Also Schluss mit ESA-Knöpfchen-Drücken, stattdessen mit Schwung auf die immerhin 870 Millimeter hohe Sitzbank klettern – und los geht's. Dass sich das Heck der BMW R 1200 GS Rallye nach wenigen Radumdrehungen zu nivellieren beginnt, ist während der Fahrt nicht zu spüren. Im Zwei-Personen-Betrieb oder mit Gepäck kann der E-Motor die Federbasis um bis zu zwei Zentimeter anheben. Stattdessen bringt sich der Antrieb in Erinnerung. Wie bereits bei der 2017er-Standard-GS (siehe MOTORRAD 23/2016) kappt der nun in allen Boxer-Modellen verbaute Torsionsdämpfer in der Abtriebswelle die Lastspitzen, reduziert die in der Vergangenheit oft heftigen Schaltschläge auf ein erträgliches Maß.

Stramm fühlt sich die BMW R 1200 GS Rallye an. Die härteren Federn und die relativ dünn gepolsterte Sitzbank verdrängen das von der Basis-GS gewohnte sänftenartige Fahrgefühl. Als Entschädigung liefert die BMW R 1200 GS Rallye eine von diesem Konzept bislang kaum gekannte Rückmeldung. Oder liegt’s an der geänderten Lenkgeometrie? Schließlich setzt das vordere Federbein an einem modifizierten Längslenker des Telelevers an. Fünf Millimeter weniger Nachlauf und ein elf Millimeter kürzerer Radstand sollten die BMW R 1200 GS Rallye etwas flinker durch die Kehren schwingen lassen. Ohne direkten Vergleich lässt sich der Unterschied nur vermuten.

Mit den beim Testbike aufgezogenen grobstolligen Metzeler Karoo 3 sowieso. Apropos Grobstöller. Wie war das? Die Zeichen stehen auf Offroad. Rechter Haken. 90 Grad abbiegen auf den Schotterweg. Vom Wasser ausgespülte Rinnen zwingen zum Aufstehen. Der einteilige Sitz baut im Bereich zwischen den Knien spürbar schma­ler, lässt die BMW R 1200 GS Rallye gefühlt leichter erscheinen als die Standardvariante. Die wog im MOTORRAD-Test 251 Kilogramm vollgetankt. Mit den etwas schwereren Speichenrädern dürfte die Rallye nur wenig mehr auf die Waage bringen.

Immer noch genügend, um im losen Terrain ausreichend Vorausschau walten zu lassen. Dennoch: Der butterweiche Leistungseinsatz des Boxers und der tiefe Schwerpunkt addieren sich zu einer stabilen Kombination. Der Enduro-Modus lässt dem Hinterrad genügend Schlupf, um schottrige Anstiege hochzuklettern, zähmt aber auch eine zu wilde Gashand gekonnt. Nur Könner sollten im Gelände die – für den Asphalteinsatz schräglagenabhängig arbeitenden – Assistenzsysteme (Traktionskontrolle und ABS) ganz abschalten. Vor allem der Blockierverhinderer arbeitet im Schotter erstklassig.

Und so braucht man im weichen Sand nur das Mütchen, die durch die schiere Masse taumelnde Frontpartie mit etwas Gas zu entlasten. Die Federung steckt den zügigeren Strich jedenfalls ordentlich weg und schlägt erst bei besagten kantigen Querrinnen durch. Tipp: Die ESA-Regelung in diesen Situationen per Lenkerschalter von "Auto" auf "Max"-Stellung, also die maximale Federvorspannung zappen. Das ­erhöht zumindest am Heck den Positiv­federweg und damit Bodenfreiheit und Durchschlagreserven erheblich.

Ihren Job, die Flanken gegenüber der Konkurrenz zu schließen, wird die BMW R 1200 GS Rallye bestimmt gut machen. Das einzige Risiko: Mit ihrer gefälligen Optik und schlankeren Taille könnte sie der über 270 Kilo schweren, monströsen Adventure ein paar Fans abspenstig machen.

Die BMW R 1200 GS-Flotte

Mit der BMW R 1200 GS Rallye fährt BMW nun die vierte Variante des Bestsellers R 1200 GS auf. Ein Überblick über die Gemeinsamkeiten der Modellvarianten und deren Unterschiede.   

Eine Zahl sagt alles: 47.000. Verständlich, dass die Bay­ern bei so vielen verkauften GS-Modellen im Jahr 2016 ihrer Cashcow mit Hingabe das Fell striegeln. Nach dem zeitlich versetzten Update der verschiedenen Varianten wird die Baureihe zur Saison 2017 technisch wieder auf die gleiche Basis gestellt.

Neben den Anpassungen zur Euro 4-Homologation bedeutet das vor allem eins: Bei allen GS-Modellen kappt nun ein Torsionsdämpfer auf der Getriebeausgangswelle die Lastspitzen und reduziert dadurch die Schaltschläge. Auch ein überarbeiteter Schaltstern sowie modifizierte Getriebewellen und Lager verbessern die Gangwechsel. Allen Modellen gemeinsam sind auch kleinere Retuschen an Front- und Tankverkleidung. Die Basisversion der BMW R 1200 GS steht mit 15 150 Euro in den Preislisten.

Eher eine Farb- als eine Modellvariante stellt die jüngst präsentierte BMW R 1200 GS Exclu­sive dar. Sie unterscheidet sich durch eine graue und braune Metallic-Lackierung, goldfarbene Bremssättel, eine Kühlerverkleidung aus Edelstahl statt Alu und ein GS-Logo auf dem Tank von der Standardversion. Aufpreis 330 Euro (Grundpreis: 15 480 Euro).

Für die BMW R 1200 GS Rallye beträgt der Aufschlag 590 Euro (Grundpreis: 15 740 Euro).

Den Spitzenreiter der Familie stellt die BMW R 1200 GS Adventure dar. Längere Federwege, Speichen­räder, Sturzbügel, Motorschutz und 30-Liter-Tank kennzeichnen das massige Flaggschiff. Die Adventure kostet 1350 Euro mehr als das Einstiegsmodell, also 16 500 Euro.

BMW R 1200 GS Rallye: die Unterschiede zur Basis-GS

Motor

  • keine Änderungen

Fahrwerk

  • Sitzbank einteilig
  • Speichenräder
  • Kühlerschutzgitter
  • Rahmenschutz
  • Fußrasten gezackt
  • Windschild niedrig
  • Kühlerverkleidung vorn
  • aus Edelstahl

Sonstiges

  • Farbgebung (Karosserie
  • blau-weiß-rot, Motor und ­Antriebsstrang schwarz,
  • Bremssättel golden)
  • Tank mit GS-Logo
  • Rallye-Paket (siehe Aufzählung oben): 590 Euro
  • Sportfederung als Option: 300 Euro, jedoch nur in Verbindung mit Dynamic ESA: 790 Euro
  • Federwege 20 mm länger
  • Federn um 5 N/mm härter
  • Längslenker geändert (Nachlauf 95 mm statt 100 mm, Radstand 1496 statt 1507 mm)

Daten: BMW R 1200 GS Rallye*

Motor: Luft-/wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-­Boxermotor, eine Ausgleichswelle, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier ­Ventile pro Zylinder, Schlepphebel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, 2 x Ø 52 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 620 W, Batterie 12 V/12 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, Kardan, Sekundärübersetzung 2,910.
Bohrung x Hub: 101,0 x 73,0 mm
Hubraum: 1170 cm³
Verdichtungsverhältnis: 12,5:1
Nennleistung: 92,0 kW (125 PS) bei 7750/min
Max. Drehmoment: 125 Nm bei 6500/min

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Stahlrohr, längslenkergeführte Telegabel, Ø 37 mm, hydraulischer Lenkungsdämpfer, elektronisch verstellbare Federbasis und Dämpfung [verstellbare Federbasis], Zweigelenk-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, direkt angelenkt, elektronisch verstellbare Federbasis und Dämpfung [verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung], Doppelscheibenbremse vorn, Ø 305 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 276 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Traktionskontrolle, Teilintegral-Bremssystem, ABS.
Speichenräder mit Alu-Felgen: 3.00 x 19; 4.50 x 17
Reifen: 120/70 R 19; 170/60 R 17

Maße + Gewichte: Radstand 1507 [1496] mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 100 [95] mm, Federweg vorn/hinten 210/220 [190/200] mm, Sitzhöhe 870–890 [850–870] mm, Leergewicht 244 kg, zulässiges Gesamtgewicht 460 kg, Tankinhalt/Reserve 20,0/4,0 Liter.
Gewährleistung: zwei Jahre
Farbe: Blau
Preis: 16 830* [15 740] Euro
Nebenkosten: 390 Euro

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