Fahrbericht Café Racer

My Generation

Zwei Maschinen, die ans Herz gehen, weil sie den Geist längst vergangener Tage wieder aufleben lassen: die LSL-Triumph Bonneville Ace Cafe und die Moto Guzzi V2 Sport, zwei echte Café Racer.

Eine gewisse innere Anspannung verspürte ich schon, als ich vergangenes Jahr zum ersten Mal zum Ace Cafe fuhr«, erzählt Jochen Schmitz-Linkweiler, Geschäftsführer der Krefelder Zubehörschmiede LSL. Tausende Biker tummelten sich auf dem Parkplatz vor dem berühmt-berüchtigten Londoner Café, als er mit seinem ersten Triumph Bonneville-Umbau namens Clubman vorfuhr. In den wilden Sechzigern gehörte es zum guten Ton, auf der letzten Rille auf den Parkplatz des Cafés einzubiegen.
Im neuen Jahrtausend, nach der grandiosen Wiedereröffnung 2001, geht es zivilisierter zu, verbindet das Ace, völlig egal, welche Marke man fährt. Sogar mit den einst verhassten Mods pflegen die Rocker inzwischen Freundschaften. Diese friedliche, aufgeschlossene Atmosphäre hat es Schmitz-Linkweiler angetan. Schnell schloss er bei seinem ersten Besuch Freundschaft mit Mark Wilsmore, der das marode Bauwerk des Ace Cafe in liebevoller und jahrelanger Kleinarbeit in neuem Glanz erstrahlen ließ. »Mark war von meiner Clubman-Bonnie so begeistert, dass er ein Paar Runden im Lokal damit drehte.« Klar, dass Schmitz-Linkweiler seither völlig angefressen ist vom Mythos Ace Cafe und dieses Jahr beim Ace Day wieder dabei sein wollte. Natürlich stilecht, mit einem eigens dafür erdachten Motorrad, seiner Triumph Bonneville Ace Cafe. In die steckte er viele, viele Arbeitsstunden, entwarf leckere Extras, die auch prima in das LSL-Zubehörregal passen.
Voll Vorfreude kommt er im Juni in England an, passt dann den einen kleinen Moment lang in einem Kreisverkehr nicht auf. Seine Triumph, seine Hommage an das Ace Cafe, kollidiert mit einem Laster. Reichlich lädiert erreichen Motorrad und Fahrer schließlich das Lokal. Wilsmore sieht die Malaise, lächelt nur und meint, so was sei früher ganz normal gewesen. In den Hochzeiten des Cafés fuhren die Jungs nämlich ihre Record-Races aus. Drop the coin into the slot – Münze rein in die Jukebox, ein Lied drücken, dann mit dem Motorrad bis zum vorher festgelegten Wendepunkt auf der North Circular Road rasen und zurück am Café sein, bevor der Song zu Ende war. Das zählte, dann war man der Chef vom Ace.
Wäre man in den 60ern mit dem Guzzi-Umbau und ihrem mächtigen Zweizylinder auf jeden Fall gewesen. Basis: die Moto Guzzi Jackal, umgebaut in Berlin-Kreuzberg, wo die Mannschaft von V2moto seit 1998 lebt und arbeitet. An die 100 Umbauten, vorzugsweise Guzzis, haben die drei Enthusiasten seither auf die Räder gestellt. Egal, ob die Renovierung einer Le Mans I oder, wie in diesem Fall, ein »Aus Neu mach Alt«-Modell. »Mit der Sport wollten wir zeigen, wie wir uns eine Guzzi vorstellen«, sagt Markus Brendel, einer der drei Geschäftführer von V2moto. »Wir haben schon viele Le Mans I restauriert, das kostet dann immer um die 8000 Euro, aber der Kunde hat nach wie vor ein altes Motorrad. Dann haben wir uns mal die Jakal angeschaut. Mensch, haben wir gedacht, da muss man ja nur...«.
»Nur« ist im Fall der V2 Sport relativ. Weil es eben jede Menge Teile und noch mehr Arbeit braucht, bis aus einem Cruiser ein klassischer Sportler im 70er-Jahre-Stil entsteht. Wenn man so will in bester Tradition der Café Racer, die ganz nach Gusto umgebaut wurden. Le Mans I-Tank, Magni-Halbschalenverkleidung, eine schmale, lederbezogene Sitzbank, breitere Speichenräder im 17-Zoll-Format, Verlegung der Batterie unter das Getriebe, Stummellenker, eine zurückverlegte Fußrastenanlage und, als Sahnehäubchen, eine Parallelogramm-Schwinge, ebenfalls von Guzzi-Veredler Aturo Magni. Wobei der Motor, bis auf eine selbst konstruierte Airbox, unberührt blieb. Nominal 75 kerngesunde Pferdestärken für die 210 Kilogramm schwere V2 Sport sind allemal gut für über 200 km/h. Wenn’s denn mal sein muss.
Schmitz-Linkweiler ließ den Twin seiner Bonneville ebenfalls unangetastet. Teures Tuning – wozu? Freilich, in den 60ern, da wurde frisiert und gemacht, bis die Pleuel abrissen. Heute reichen die serienmäßigen 66 PS des Zweizylinders. Genug Leistung, um bei einem imaginären Record-Race die einst berühmte Marke von 100 Meilen pro Stunde, »The Ton« genannt, zu knacken. Diese Ace Cafe Bonnie sieht nicht nur deutlich sportiver aus als das Basismodell, sie fährt auch so. Die Kombination aus Wilbers-Stereo-Federbeinen, progressiven Gabelfedern und breiteren, kleineren Felgen wirkt Wunder. Nicht zuletzt, weil auf diese Räder der Avon Azaro ST (AV 45/46) passt, ein feiner tourensportlicher Pneu, mit dem sich die dazugewonnene Schräglagenfreiheit vorzüglich auskosten lässt. Klasse, diese Abstimmung der LSL-Triumph. Genau die richtige Mischung aus Komfort und sportlicher Härte.
Die Bonnie verfügt über ein präzises, harmonisches Einlenkverhalten, verliert aber nichts von ihrer Handlichkeit, im Gegenteil. Schon erstaunlich, wie behände sich die gut über 200 Kilogramm schwere Bonneville fahren lässt. Dazu passt die deutlich mehr nach vorne orientierte, aber nicht unbequeme Sitzposition gut. Ein Motorrad für Genussmenschen, ideal für den forschen Ritt über winkelige Landstraßen. Flotte Gangart erfordert allerdings den beherzten Dreh am Gasgriff, denn ein Durchzugswunder ist der Twin trotz seiner 790 cm3 nicht gerade. Zwischen 4000 und 6000/min wirkt er etwas angestrengt, entschädigt über dieser Marke jedoch mit einer erstaunlichen Spritzigkeit, ohne über die Gebühr mit Vibrationen zu nerven.
Die gehören bei einem V2 aus Mandello serienmäßig dazu. Schüttelt sich beim Anlassen wie ein nasser Hund, hängt dank Saugrohreinspritzung willig am Gas, hat seinen großen Auftritt im mittleren Drehzahlbereich. Da schiebt und stampft die V2 Sport mächtig an. Und tatsächlich, diese Guzzi bringt das Le Mans I-Gefühl nahezu perfekt rüber. Auf der schmalen und niedrigen Maschine kauert man hinter der großen Magni-Halbschalenverkleidung, die einen bemerkenswert guten Windschutz bietet. Die Guzzi made in Kreuzberg bevorzugt, ganz ihrer Tradition verbunden, die weiten, schnellen Bögen. Gelassen, beinahe stoisch bügelt sie dabei Wellen weg. Selbst Guzzi-Neulinge kommen auf Anhieb gut mit ihr zurecht. Weil die Parallelogramm-Schwinge allzu harten Lastwechselreaktionen erfolgreich entgegenwirkt. »Natürlich könnten wir auch die Originalschwinge verwenden, aber dann keilt die Hinterhand vor allem beim Beschleunigen ganz schön aus«, begründet Brendel den Einsatz der teuren, aber guten Magni-Schwinge.
Ebenso segensreich: die zweite Brembo-Bremsscheibe am Vorderrad, die einem bei betont zügiger Fahrweise den Abbau kinetischer Energie deutlich erleichtert. Allerdings hat auch der Umbau der Bremsanlage seinen Preis: 590 Euro kostet das Set. 18645 Euro die V2 Sport. Ein geungenes Motorrad, das bislang ein Unikat ist. Doch die Jungs von V2moto hoffen, alsbald genug Interessenten für eine Kleinserie ihrer Retro-Guzzi begeistern zu können. Ähnliches plant Jochen Schmitz-Linkweiler mit seiner Triumph. Einziger Unterschied: Während bei der V2 Sport die Lackierung nach Kundenwunsch gestaltet werden kann, besteht der Krefelder bei seiner Ace Cafe Bonnie auf die für ihn einzig denkbare Farbe: Performance-Weiß.
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Technische Daten: Moto Guzzi V2 Sport

MOTO GUZZI V2 SportDatenMotor: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle längsliegend, eine untenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, Stoßstangen, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Transistorzündung, keine Abgasreinigung, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 350 W, Batterie 12 V/30 Ah.Bohrung x Hub 92,0 x 80,0 mmHubraum 1064 cm³Verdichtungsverhältnis 9,5:1Nennleistung 55 kW (75 PS) bei 6400/minMax. Drehmoment 94 Nm (9,6 kpm) bei 5000/minKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Zweischeiben-Trockenkupplung, Fünfganggetriebe, Kardan, Sekundärübersetzung 33:8.Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Standrohrdurchmesser 45 mm, Parallelogramm-Schwinge, Stereo-Federbeine, verstellbare Federbasis und Zugstufe, Scheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 320 mm, Vierkolbensattel, Scheibenbremse hinten, Ø 270 mm, Zweikolbensattel. Speichenräder mit Alu-Felgen 3.00 x 17; 3.50 x 17Reifen 120/70 ZR 17; 150/60 ZR 17Fahrwerksdaten: Radstand 1575 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Nachlauf 98 mm, Federweg v/h 124/114 mm.Farbe Metallic-TitangrauPreis inkl. MwSt. 18645 EuroEinzelpreiseFahrwerkMagni-Parallelogrammschwinge 1136,80 EuroBitubo-Stereo-Federbeine 306 EuroBremsscheiben-Kit (zweite Bremsscheibe, Handpumpe, Stahlflexbremsleitung, Brembo-Vierkolbenbremszange) 590 EuroRäderMorad Alufelge 3.00x17” 423,40 EuroMorad Alufelge 3.50x17« 583,50 EuroSonstigesAirbox V2moto 450 EuroBatteriekasten aus Edelstahl 102 EuroBlinkerkit 148,50 Euro Valpolini-Lenkungsdämpfer 166,50 EuroSitzbank mit Lederbezug 406 EuroStummellenker 174 EuroFußrastenanlage V2moto 290 EuroMagni-Halbschalenverkleidung (lackiert) 887,40 EuroInstrumententräger 232 EuroTank (lackiert) 326 Euro

Technische Daten: Triumph Bonneville T800 Ace Cafe London

Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertaktmotor, Kurbelwelle querliegend, zwei Ausgleichswellen, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Keihin-Gleichdruckvergaser, Ø 36 mm, Transistorzündung, ungeregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 324 W, Batterie 12 V/10 Ah.Bohrung x Hub 86,0 x 68,0 mmHubraum 790 cm³Verdichtungsverhältnis 9,2:1Nennleistung 45 kW (61 PS) bei 7300/minMax. Drehmoment 62 Nm (6,3 kpm) bei 3500/minKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, X-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 43:17.Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel,Standrohrdurchmesser 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahlrohren, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, verstellbare Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 310 mm, Doppelkolbensattel, Scheibenbremse hinten, Ø 255 mm, Doppelkolbensattel.Speichenräder 2.50 x 18; 4.25 x 17Reifen 110/80R 18; 150/70R 17Fahrwerksdaten: Radstand 1493 mm, Lenkkopfwinkel 61 Grad, Nachlauf 117 mm, Federweg v/h 120/105 mm.Garantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungPreis inkl. MwSt. 11 890 EuroGrundpreis Triumph T 800 Bonneville 7860 EuroEinzelpreise LSL-Zubehör Triumph BonnevilleRadumbauBehr-Felgensatz 2.50x18« und 4.25x17« 629 EuroEinspeichen und Zentrieren 179 EuroFahrwerkProgressive Wilbers-Gabelfedern und Gabelöl 107,80 EuroWilbers Suspension Stereo-Federbeine 619 EuroSonstigesLSL-Fußrastenanlage 289 EuroLSL-Lenker »Match« (im Zollformat) 349 EuroLSL-Instrumentenkit (mit Drehzahlmesser) 249 EuroLSL-Alu-Lampenhalterung 109,95 EuroBlinker (Chrom) 12,95 Euro/StückFaltenbälge 59,95 Euro

It’s only Rock ’n’ Roll

Die Legende lebt: 2001 öffnete das traditionsreiche Ace Cafe wieder seine Pforten.
Ende der 50er, Anfang der 60er erlebte das Ace Cafe in London seine Blütezeit: Rock ’n’ Roll, Triumph, Norton, Royal Enfield, BSA und wilde Umbauten, die Café Racer, für illegale Rennen. Weltberühmt durch den Film »Quadrophenia«, Höhepunkt: die Ausschreitungen in Brighton 1964, als sich Rocker und Mods, die junge, rollerfahrende und Amphetamin schluckende Mittelschicht, stundenlange Straßenschlachten lieferten. 1969 dann das vorläufige Ende des Cafés, beinahe zeitgleich mit dem schleichenden Niedergang der britischen Motorradindustrie.Mit viel Idealismus und noch mehr Mut baute Mark Wilsmore zusammen mit Freunden den Treffpunkt wieder auf. Seit der Eröffnung 2001 organisieren sie jährlich den »Ace Day« und den »Ride with the Rockers« nach Brighton. Die Website: www.ace-cafe-london.com

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