Fahrbericht

Honda F6 C

Die Kraft und die Herrlichkeit eines Sechszylinder-Boxers machen die Honda F6 C zur Ausnahmeerscheinung in der Cruiser-Klasse.

Über Konfiguration und Eigenschaften eines idealen Cruiser-Triebwerks der Top-Kategorie gehen die Meinungen auseinander. Zwei Zylinder, viel Hubraum, wenig Leistung - so wird´s bei Harley und Kawasaki praktiziert. Vier Zylinder, weniger Hubraum, mehr Leistung - so setzt Yamaha die Royal Star in Szene. Viele Zylinder, viel Hubraum, noch mehr Leistung - mit dieser Kombination wirft sich die Honda F 6 C in Positur: 1520 Kubikzentimeter Arbeitsvolumen verteilen sich hier auf sechs in Boxeranordnung arrangierte Zylinder.

Obwohl der Motor in seinen Grundzügen unverändert aus der Gold Wing übernommen wurde, wo er sein Werk in der Abgeschiedenheit einer Verkleidung verrichtet, kann er sich an seinem neuen Arbeitsplatz glänzend in Szene setzen: Quadratmeterweise aplizierter Chrom und hochglanzpoliertes Aluminium lassen vergessen, daß dieser Triebwerksklotz ursprünglich gar nicht für den öffentlichen Dienst vorgesehen war. Doch nicht allein der schöne Schein erhebt den F-Sechser über das Gold Wing-Pendant. Größere Vergaser und schärfere Nockenwellen verhelfen ihm zu einer vergleichsweise stolzen Leistungsbilanz: 98 PS wird die zum Spätherbst erscheinende Deutschland-Ausführung haben, eine Handvoll mehr die offene Version.

Das Thema »Sechs-Appeal« bringt die Maschine, die in den USA unter dem Künstlernamen »Valkyrie« auf der Bühne steht, ohne falsche Scham an den Mann. Wer zweimal bis drei zählen kann und sich die Mühe einer Motorrad-Umrundung macht, kommt auf zwei mal drei Vergaser, zwei mal drei Krümmer und zwei mal drei Schalldämpfer-Endröhrchen. Die sechsistische Zurschaustellung ist freilich nur der Anfang eines dramaturgischen Gesamtkonzepts. Denn schon geht´s weiter mit der Stimmprobe: Auf Knopfdruck säuselt der Sechszylinder verhalten im Leerlauf, bei etwas Gas, so zwischen 1500 bis 2000 Touren, kopiert er gekonnt das Gänsehaut-erzeugende Brabbeln eines Big Block-V, schließlich sortiert er seine Stimmbänder und findet zu dem schauerlich- schönen Fauchen, das einem Sechszylinder-Boxer in die Wiege gelegt ist.

Seinen Lebenssaft saugt der aufgemotzte Flat Six aus einem kanaldeckelgroßen Spritbehälter mit 20 Litern Fassungsvermögen. Die Weite das Raums zwischen Sitzkissen und Gabelbrücke halbiert eine breite, nach hinten gekröpfte Lenkstange, so daß die Hände ohne vorbeugende Maßnahmen auf den wurstigen Lenkergriffen zu liegen kommen. Aus der Not, wegen ihrer ausladenden Zylinderbänke die Fußrasten relativ weit hinten tragen zu müssen, macht die F 6 C eine Tugend: Sie bietet eine eher touristische Sitzposition, die sich über längere Strecken gut ertragen läßt.

Daß längere Strecken - wenn sie nicht gerade über holprige Serpentinensträßchen führen - wie im Flug vergehen, ist zuallerst Verdienst der herzerwärmenden Fahrdynamik, die der 330 Kilo-Koloß auf den Asphalt zaubert. Wie es sich für einen Cruiser geziemt, kommt die F 6 C unspektakulär, aber mit ungeheurem Nachdruck aus den Startlöchern: Ein bißchen Gas, Kupplung raus, und ab geht die Post. Wie es dann weitergeht, liegt in der Hand des Fahrers. Klack, klack, klack (ja, das Getriebe schaltet sich nicht ganz geräuschlos) durch die Gänge eilen und die Maschine niedertourig dahingleiten lassen, ist eine Möglichkeit. Und eine angenehme obendrein, denn der Sechser läßt schon knapp über Leerlaufdrehzahl seine Muskeln spielen und bringt die Fuhre ab Tempo 40 im letzten Gang geschmeidig auf Trab. Oder die Gänge ausdrehen und den Ritt auf der Kanonenkugel genießen: Der Motor dreht unangestrengt bis zum Drehzahllimit bei 7500/min und macht dem Dickschiff mächtig Beine. Dritte Möglichkeit: Den Sechszylinder schön im mittleren Drehzahlbereich halten und die Maschine immer wieder mit kurzen Gasstößen davonschnellen lassen - auch nicht schlecht.

Die dabei zu registrierende Kardanreaktion, das sich sacht aus den Federn hebende Maschinenheck, leitet über zum Thema Fahrverhalten - bei Cruisern meist ein eher schattiges Kapitel. Die Honda F 6 C macht da keine Ausnahme und übt sich in Solidarität zu ihren Mitbewerbern. Ihre Fahrwerkscharakteristika - flach angestellter Lenkkopf, reichlich Nachlauf und endlos langer Radstand - lassen sie einerseits prächtig geradeaus und mit sauberem Strich durch weitgeschwungene Biegungen laufen, sind aber auf anspruchsvollen Kurvenstrecken eher hinderlich: Die Maschine wirkt unhandlich, in richtig engen Kehren auch kipplig, und die Lenkpräzsion läßt zu wünschen übrig. Die Bremsen, vorn immerhin im Doppelpack vorhanden, verlangen hohe Betätigungskräfte zulasten der Dosierbarkeit. Auch die Federungselemente sind nicht das Gelbe vom Ei. Trotz vorteilhafter Relation zwischen (viel) gefederter und (wenig) ungefederter Masse ist das Ansprechverhalten vorn wie hinten dürftig, werden kleine Fahrbahnunebenheiten kaum gemildert weitergericht.

Was ist die F 6 C also unter dem Strich? Eine beeindruckende Erscheinung mit viel Motor und wenig Fahrwerk. Ein Cuiser also, wie er im Buche steht.
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