Fahrbericht

Kawasaki ER-5

Im Kawasaki-Programm fehlte ein unkompliziertes, kostengünstiges Motorrad mit Breitenwirkung. Mit der ER-5 scheint das Problem gelöst.

Honda hat die CB 500, Suzuki die GS 500 E, Yamaha die XJ 600 N - und Kawasaki hatte das Nachsehen. Wohl gab´s (und gibt´s) im Halbliter-Programm der Grünen die EN 500 (Chopper), die KLE 500 (Enduro) und die GPZ 500 S (Sportler), aber eben keinen unprätentiösen Allrounder mit kleinem Preis statt viel Chrom oder Plastik.Problem erkannt, Problem gelöst. Mit der ER-5 schließt Kawasaki die Lücke, und dieser Lückenfüller hat gute Chancen auf eine ehrenhafte Plazierung in künftigen Zulassungsstatistiken: Das Motorrad steht optisch proper da, ist mit 50 (wahlweise 34) PS standesgemäß motorisiert und zählt mit einem Verkaufspreis um die 8500 Mark zu den besonders brieftaschenfreundlichen Angeboten.Dafür muß hingenommen werden, daß die ER-5 in Sachen Antrieb auf altgediente - man kann auch sagen: altbewährte - Technik zurückgreift. Was gar kein Handicap ist, zählt doch der Motor ungeachtet seiner mittlerweile elf Jahre währenden, wechselhaften Karriere zu den zeitgemäßen Vertretern der Spezies Paralleltwin. So hüllt er seine thermisch beanspruchten Teile in ein kühlendes und geräuschdämmendes Wassermäntelchen, werkeln in seinem Oberstübchen vier Ventile pro Brennraum, müht sich im Untergeschoß eine stirnradgetriebene Ausgleichswelle, prinzipbedingte Vibrationen im Keim zu ersticken - von einem Makel der frühen Geburt kann da keine Rede sein.Zumal der Twin in der Praxis gute Umgangsformen zeigt. Der Kurzhuber wirkt zwar nicht besonders drehfreudig und spritzig, dafür läuft er kultiviert und kommt im unteren und mittleren Tourenbereich kräftig zur Sache, bietet also gute Voraussetzungen für entspanntes, schaltfaules Fahren.Ungeachtet seiner Durchzugsstärke kommuniziert der Motor mit einem sauber schaltenden Sechsganggetriebe - gut für dynamisches Beschleunigen aus dem Stand - und einer relativ kurzen Endübersetzung - gut für ordentlichen Durchzug im letzten Gang. Das Fahrwerk der ER-5 ist von einfacher Machart. Ein breit geführter Stahlrohr-Doppelschleifenrahmen bemüht sich, mit seinen Oberzügen eine möglichst direkte Verbindung zwischen Lenkkopf und Schwingenlagerung zu schaffen. Das Vorderrad dreht sich in einer konventionellen Telegabel mit 37er Standrohren, während das Hinterrad von einer Zweiarmschwinge mit zwei direkt angelenkten Federbeinen geführt wird. Die Federelemente zeigen keinerlei High-Tech-Attribute, bis auf die verstellbaren Federbasen an der Hinterhand werden keine Abstimmungsmöglichkeiten geboten. Ihrer Aufgabe sind sie - zumindest im Solobetrieb - gewachsen. Sie sprechen ordentlich an und bieten genügend Weg- und Dämpfungsreserven, um auf schlechtem Untergrund ohne Durchschlagen oder Schaukelbewegungen über die Runden zu kommen.In Sachen Fahrwerksgeometrie bewegt sich die ER-5 auf erprobtemTerrain. So erstaunt es nicht, daß die neue Kawasaki eine Auswahl unspektakulärer, aber durchweg positiver Charaktermerkmale präsentiert. Auf der einen Seite läuft sie bei Höchstgeschwindigkeit brav geradeaus, auf der anderen Seite zirkelt sie ohne Eiertanz um langsamste Kehren. Zwischen diesen Extremen läßt sich die mehr als 190 Kilogramm schwere Maschine ohne nennenswerten Kraftaufwand dirgieren. Ermuntert durch die Hebelwirkung ihres breiten Lenkers, steht die ER schnellen Richtungswechseln aufgeschlossen gegenüber, um - einmal auf Kurs gebracht - ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen an den Tag zu legen, das auch von Unebenheiten im Fahrbahnbelag nicht getrübt wird. Ausreichende Bodenfreiheit und ordentliche Lenkpräzision tun ein übriges, das Vertrauen in die eigenen Fahrkünste zu stärken.Plötzliches Bremsen in Schräglage, bei breit besohlten Showbikes oft eine Thema mit Kursvariationen, läßt die ER kalt: Es gibt kein nennenswertes Aufstellreaktionen. Plötzliche und gesundheitsgefährdende Schräglage beim Verzögern mit aufrechter Maschine ist auch nicht zu befürchten: Die Gefahr, das Vorderrad zu überbremsen, ist wegen der passabel dosierbaren Einscheibenanlage mit Doppelkolbensattel, die relativ hohe Handkräfte verlangt, eher gering. Also kein Haken an der neuen Kawasaki? Vielleicht bei der Ausstattung? Nein, die neue Kawa ist vom komplett bestückten Cockpit bis zum Hauptständer ein vollwertiges Motorrad - und damit wohl zielsicher auf ERfolgskurs.
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