Fahrbericht Kawasaki VN 1500 Mean Streak

Bruder Grimmig

Kawasaki stellt den friedlichen Cruiser-Schwestern einen bösen Bruder namens »Mean Streak«, frei interpretiert »grimmige Miene«, zur Seite. Muss die Konkurrenz nun ängstlich bibbern?

Obwohl sich über die Übersetzung der Typbezeichnung seitens Kawasaki streiten lässt, klar ist, dass »mean« grimmig bedeutet. Und ähnlich wie Harleys V-Rod und Hondas VTX 1800 entsagt der Neuling dem nostalgisch schwülstigen Retro-Style des weiterhin erhältlichen Drifter-Clans sowie der verspielten Optik der übrigen Vulcan-Modelle. Ihre schnörkellos fließende Figur mit der ellenlangen Schwinge wirkt vielmehr wie eine ernsthafte Viertelmeilen-Dampfansage. Vermutlich bleibt es bei der Absicht, denn ein Blick gen Datenblatt sorgt für entspannte Mienen bei der Konkurrenz, generiert der wassergekühlte, per Einspritzung versorgte und mittels U-Kat sowie Sekundärluftsystem abgasgereinigte 1471-cm3-V2 überschaubare 72 Pferdestärken. Sieben PS mehr als bei den zahmeren Kawa-Schwestern, Verdienst größerer Ventile, geänderter Steuerzeiten und einer durchsatzfreudigeren Zwei-in-zwei-Auspuffanlage.
Brav stampft der 50-Grad-Twin ab 1000/min los und dreht angesichts des Hubraums schnurstracks, für Cruiser-Maßstäbe fast gierig, gen rotem Bereich, der bei 6000/min beginnt. Gröbere mechanische Geräusche oder unangenehme Vibrationen stehen nicht auf dem Programm – dafür pulsieren satte Beats in den Gehörgängen der Besatzung, während sie auf der omnipräsenten Drehmomentwoge – maximal 114 Newtonmeter – schwelgen darf. Also, fünften Gang einlegen und fertig, bei Landstraßentempo muss sich die Kurbelwelle dann gerade 3000 mal pro Minute in ihren Lagern drehen.
In Sachen Sitzkomfort sollten Mean-Streak-Treiber trotz des bequemen Polsters Toleranz mitbringen, gibt die strenge Cruiser-Ergonomie doch eine auf Dauer anstrengende Sitzposition vor. Zudem verhalten sich die luftunterstützen hinteren Federbeine mit einstellbarer Zugstufendämpfung nicht gerade zimperlich beim Weitergeben straßenbaulicher Unpässlichkeiten. Speziell beim Beschleunigen, wenn der Fahrstuhleffekt des Kardanantriebs hinzukommt, katapultiert es den Fahrer hin und wieder aus dem Sattel. Deutlich verbindlicher absorbiert die ebenfalls recht straff agierende Upside-down-Gabel Unebenheiten.
Vorn mit Sechskolbenzangen bestückt, hält die Bremsanlage den vollgetankt über sechs Zentner schweren Performance-Cruiser stets sicher im Zaum, ohne allerdings besonders bissig zu wirken. Dafür leistet der hintere Stopper bereitwillig Hilfestellung, unterstützt von griffigen Dunlop Sportmax im 17-Zoll-Format - nicht nur gut für kurze Bremswege, sondern auch für mehr Schräglage, als die aufsetzenden Fußrasten zulassen. Wer will, kann flott durch die Gegend cruisen – zumindest, solange die Radien nicht zu eng und die Straßen nicht allzu holprig sind. Und sich am massivem Charakter der Mean Strak erfreuen: vom Zündschloss auf der verchromten Tankkonsole über Kupplungs- und Handbremshebel – beide einstellbar – bis zu den Lenkergriffen, alles urwüchsig, aber gar nicht grimmig. Insofern sollte sich niemand vom finster klingenden Namen täuschen lassen – die neue Kawa ist eigentlich eine ganz Nette.
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