Fahrbericht Kawasaki VN 800 Drifter und VN 1500 Drifter

Driftin’ away

Freiheit und Abenteuer – Klappe, die 57. Wie, schon wieder eine Chromödie? Von wegen, jetzt wird’s ernst: Mit dem Drifter-Design dreht Kawasaki vom herkömmlichen Cruiser-Kurs ab.

Es war alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Da ist doch irgendwas schief gegangen – dachte ich. Am Anfang, als ich noch nichts verstand. Als ich in den beiden Drifter-Modellen nichts weiter sah denn zwei VN-Epigonen, hemmungslos auf »retro« getrimmt. Mit Kotflügeln aus Plastik, groß wie Tiefgaragen, und Sitzmöbeln, die ungeniert unter Chippendale firmieren könnten. Dann dieses Schwarz. Überall. Gabel, Lenker, Lampe – alles schwarz. Einfach so.
Ich begriff nichts. Suchte vergeblich nach der Linie, nach der Stilrichtung, nach dem Sinn. Bis zu jenem Abend, an dem die untergehende Sonne Floridas dieses sanfte Licht auf die 1500er legte. Es war Demut, was mich in diesem Moment ergriff. Zumindest hielt ich’s dafür.
Kawasaki hatte zu ersten Probefahrten eingeladen. An keinen geringeren Ort als God’s Own Country selbst. Aber ich bin mir sicher, der Funke wäre auch auf der Schwäbischen Alb übergesprungen. Nach einem Tag. Spätestens. Was die VN 1500 Drifter anbelangt. Im Sattel der 800er dauert’s länger – ob in Trochtelfingen oder Miami Beach. Denn die 800er ist anders. Vom Charakter her eher spritzig, will das nostalgische Outfit nicht recht zu ihr passen. An der mächtigen, in sich ruhenden 1500er hingegen sorgt es für ein völlig neues Cruiser-Gefühl. Fern jeglicher Eitelkeiten, ohne Getue, dem Wesentlichen zugewandt.
Das Geheimnis liegt in den schwarzen Komponenten. Aber darauf muß man erst mal kommen. Denn zunächst irritieren sie ungemein. Weil da etwas fehlt: der blaue Himmel im Scheinwerfergehäuse, das verzerrte Gesicht auf Gabelbrücke und Lenker. Orientierungslos wandert der Blick über die Frontpartie. Tastet jeden Millimeter ab: Welt, wo bist du? Und langsam beginnt der Prozeß des Begreifens. Hier geht es um die Lehre der reinen Form. Die Lampe ist Lampe, der Lenker ist Lenker, das Motorrad ist Fahrzeug, durch und durch echt. Man führt keinen herausgeputzten Christbaum gassi, sondern bewegt sich fort. Motorisiert, auf zwei Rädern, ohne Firlefanz und Glitter.
Back to the roots. Allerdings nicht mit allen Konsequenzen. E-Starter, elektisches Licht und sogar eine automatische Blinkerrückstellung gehören bei der VN 1500 Drifter zur Serienausstattung. Ebenso ein Katalysator. Und eine elektronisch gesteuerte Einspritzanlage. Darin unterscheidet sie sich aus technischer Sicht von der VN 1500 Classic. Zudem wurde das Verdichtungsverhältnis von 8,6 auf 9:1 erhöht. Neuerungen, die unter anderem den Spritverbrauch des 50-Grad-V2-Motors senken sollen.
Keine schlechte Idee, denn die Trinksitten der Classic-Modelle (MOTORRAD 9 und 10/1998) grenzen an Suchtverhalten. Ansonsten gab’s und gibt’s an dem großvolumigen Vierventiler nichts auszusetzen. Von geballter Kraft kann bei 64 Pferdestärken und 321 Kilogramm Leergewicht zwar nicht unbedingt die Rede sein, aber in Sachen Herrlichkeit, da ist was geboten. Das Thema Cruisen beherrscht dieses Triebwerk in nahezu perfekter Manier. Den spürbaren Pulsschlag der Kolben unterm Hintern, eine vollklingende V-Zweizylinder-Symphonie im Ohr, genießt man das weiche Tuckern im Stand und den sanften, gleichwohl aber nachdrücklichen Antritt in den unteren Gängen.
Wer mit einer behutsamen Gashand gesegnet ist, kann ab 50 km/h alles im Fünften erledigen. Auch Beschleunigungsmanöver. Grobmotoriker hingegen sollten sich der soliden Schaltwippe bedienen, bevor sie den Würgegriff ansetzen, da der Hubraumriese sonst abstirbt. Mangels Schwungmasse. Die Gangwechsel gehen, nebenbei bemerkt, äußerst gepflegt vom Fuß. Für dauerhaft gute Laune bei höherem Tempo sorgt die zahnradgetriebene Ausgleichswelle. Rigoros schleudert alle fiesen Vibrationen über Bord, und der Kapitän erfreut sich auch abends noch eines knitterfreien Nervenkostüms.
Der Passagier hingegen nicht. Während hinterm breiten Lenker der Drifter – ob sie mit Vornamen VN 800 oder VN 1500 heißt – geradezu ausufernde Platzverhältnisse herrschen, findet man in der zweiten Reihe eher drittklassige Bedingungen vor: Die Sitzbank ist schlicht zu kurz geraten, und die hohe Reling schränkt die Bewegungsfreiheit ein. So hängen Mitreisende quasi stets auf Halbmast mit leicht nach hinten geneigtem Oberkörper.
Weitere Gemeinsamkeiten zwischen der 800er und der 1500er sind eher die Ausnahme. Auch wenn sich die beiden noch so ähnlich sehen. Die Große fährt mit Kardan, die Kleine mit Chain. Die eine trägt zwei Federbeine zur Schau, die andere keins. Zugunsten der Starrahmenanmutung arbeitet die zentral angeordnete Hinterradfederung der VN 800 im verborgenen. Und sie arbeitet härter, steckt mehr weg. Auch vorn bietet die 800er etwas mehr Reserven. Zudem kommt sie schneller zum Stehen. Angesichts nahezu baugleicher Bremsen und 54 Kilogramm weniger Gewicht kein Wunder.
Alles an der kleinen Drifter wirkt agiler. Und aufgeregter. Sie vermittelt nicht jene Gelassenheit, die sich im Sattel der 1500er einstellt. Viel eher weckt sie ausgelassene Gefühle. Das leichte Handling, der drehfreudige Motor, der surrende Sound - da kommt richtig Lust am Gas geben auf. Übrigens hat das Triebwerk ein PS zugelegt. Dank neuem Vergaser und Kennfeldzündung. Verstärkung erfuhr auch das Fahrwerk, mittels größer dimensioniertem oberem Rahmenrohr und strafferer Federung, was spürbar mehr Ruhe ins Gebälk brachte. Jetzt noch vier Pfund Schräglagenfreiheit draufgepackt, und der Racing-Cruiser wäre perfekt.
Was für ein Ansinnen. Komplett abgedriftet. Mea culpa. Ich weiß, hier geht’s um andere Werte. Aber wie gesagt, die 800er bringt’s nicht so ganz rüber. Animiert selbst beim kitschigsten Sonnenuntergang noch schnell die nächste Kurve zu kratzen, anstatt inne- und Andacht zu halten.
Der Fall liegt also klar: Hitzige Gemüter wählen die VN 800 Drifter, religiöse den sanften, ebenfalls fahrwerksverstärkten Riesen, der in seiner ruhigen Art garantiert niemals in Versuchung führt, auch nur eine einzige Verkehrssünde zu begehen. Freilich kostet der eine Stange mehr: ganze 6500 Mark! Aber wenn man einmal hochrechnet, was man im Laufe der Jahre an Strafmandaten und Kirchensteuern sparen könnte, geht das in Ordnung.
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