Fahrbericht Norton C652 International

Silberstreif

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum der Traditionsmarke erscheint die NortonC652 International am Horizont. Kann die Farbe des bollernden Singles als gutes Omen gedeutet werden?

Die Marke Norton mußte schon so manchen erfolglosen Reanimationsversuch über sich ergehen lassen. Auch mit der C652 International, die in einer limitierten Auflage von 100 Stück auf den Markt kommt, soll der Weg für ein Comeback geebnet werden. Endlich können sich Norton-Fans wieder eine silberne Maschine mit dem legendären Schriftzug auf dem Tank zwischen die Schenkel klemmen und auf den Spuren von Geoff Duke und Mike Hailwood wandeln.

Eins hat das Retro-Bike, Baujahr 1998 jetzt schon geschafft: Es erregt trotz oder gerade wegen seiner zierlichen Erscheinung Aufsehen. Allerdings fallen die Reaktionen unterschiedlich aus: »Was, ist das die, die wie ‘ne MZ mit F650-Motor aussieht?«, fragt Kollege Johnny Riegsinger respektlos, während Veteranen-Fan Siegfried »Fred« Güttner bedauert, daß die neue Inter mehr als 500 Kubik hat,»sonst könnte man einen schönen Vergleich mit der Manx machen«. Spannend wäre es sicher zu sehen, wie sich eine neuzeitlich-weichgepülte Zivilvariante gegen britisches Einzylinder-Urgestein in Szenesetzt.
Immerhin steht die Neue von der Papierform her nicht schlecht da: Der Rotax-Vierventilmotor aus der BMW F650 mobilisiert 48 PS, der handgefertigte Tigcraft-Stahlrohrrahmen und die 43er Ceriani-Gabel, durch eine Plakette kurzerhand als traditionsreiche »Roadholder« deklariert, versprechen souveräne Stabilität. Gußeiserne Traditionalisten mögen ob des englisch-kontinentalen Teilemix gequält mit den Augen rollen, doch halt: Norton hat mit Fremdmotoren schon früher gute Erfahrungen gemacht. War es doch ein Peugeot-Motor, der 1907 eine Norton zum ersten TT-Sieg in der Zweizylinder-Klasse trieb.
Dank der Großserien-Zutaten gestaltet sich der Umgang mit der Norton als Genuß ohne Reue. Auch im englischen Exil erwacht der Bayern-Single selbst nach frostiger Nacht sofort und bollert nach kurzer Choke-Phase zufrieden vor sich hin. Für den nötigen Charakter sorgen die kernigen Lebensäußerungen aus der wunderschönen Zweirohr-Auspuffanlage im Stil der Norton Commando. Freunden gepflegten Einzylinder-Schlages zieht es dabei die Mundwinkel bis hinter die Ohrläppchen. Laut International-Initiator Joachim »Jo« Seifert, dem Chef der Norton Deutschland GmbH, handelt es sich aber (leider) um ein Vorserienmodell - die Serienversion soll deutlich leiser sein
Glücklicherweise hat sich Seifert bei bei der Wahl der Reifenbreite in Understatement geübt. Die Norton läßt sich mit minimalem Kraftaufwand am schmalen Rohrlenker geradezu spielerisch dirigieren. Maximiert wird der Fun-Faktor durch die versammelte Sitzposition hinterm handgedengelten Alutank und die schier unendliche Schräglagenfreiheit. Schnell wird klar, welches die Paradedisziplinen der exklusiven Britin sind, nämlich untermalt vom sonor bollernden Single-Beat über schmale Landstraßen zu swingen, oder Sonntag morgens Kurven suchen fahren. Wen wundert’s, entspricht das Rahmenlayout doch dem erfolgreicher S.o.S.-Rennmaschinen. Auch die Bremsen erweisen sich bei flotter Kurvenhatz nicht als Spielverderber, allerdings verwindet sich die Gabel ein wenig, sobald der Brembo-Vierkolbensattel herzhaft in die vordere 320er-Scheibe beißt. Die Verzögerung ist heftig, der Druckpunkt dürfte dagegen etwas genauer definiert sein. Wer’s mag, darf jetzt noch seinem Spieltrieb nachgehen, die Vorderhand ist in Druck- und Zugstufendämpfung, das Koni-Federbein in Federvorspannung und Druckstufe einstellbar.
Ob die neue Inter der von Norton-Fans herbeigesehnte Silberstreif am Horizont ist, muß jeder für sich selbst entscheiden. Sicher ist, daß der Preis von 21 000 Mark für Exklusivität sorgen wird, wobei es das Gefühl, einen Hauch Motorradgeschichte zu inhalieren, ganz und gar kostenlos gibt.
Kurzum, Jo Seifert hat ein für Kleinstserienverhältnisse ordentlich verarbeitetes, unkapriziöses Motorrad auf die Räder gestellt, dem trotz einer mächtigen Portion rustikalen Charmes jeglicher zwielichtige Bastelbudenmief abgeht. Und das Schönste ist: Man kann die Fahrgestellnummer entsprechend des eigenen Geburtsjahres wählen. Versuchen sie das mal bei einem Japaner...
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Norton: Eine Marke mit Tradition

Modelle wie Manx, Commando und International, sowie Fahrerlegenden wie Geoff Duke, Mike Hailwood, Phil Read bis hin zu Steve Hislop: All das steht für die 100jährige Norton-Tradition, in deren Verlauf neben 38 TT-Siegen, drei Markenweltmeisterschaften in Folge und immerhin zehn Vizeweltmeisterschaften in der 500er-Klasse eingeheimst werden konnten.Die Geschichte der Firma Norton ist ebenso bewegt wie ambivalent. Mehrere Besitzerwechsel, aber auch sportliche Erfolge ziehen sich als roter Faden durch die Historie der englischen Motorradschmiede.1898 gründet James Lansdowne Norton in Birmingham die Norton Manufacturing Company, 1902 werden die ersten Motorräder produziert. Bereits 1907 gewinnt eine Norton mit Peugeot-Motor die erste TT in der Zweizylinder-Klasse auf der Isle of Man. Die erste »International«, eine Serienversion der Einzylinder-Werksrenner mit ohc-Motor, taucht 1932 auf.Nach dem Konkurs im Jahre 1966 geht es zwei Jahre später dank der »Commando« wieder aufwärts, zwischen 1968 und 1977 werden rund 55 000 Exemplare gebaut. 1978 wird die Norton Motors Limited neu gegründet und sucht einen Neubeginn mit Motorrädern mit Wankelmotor. Obwohl diese Phase 1992 durch einen Sieg von Steve Hislop bei der Senior TT auf dem F1-Wankel-Superbike gekrönt wird, stellt sich kein geschäftlicher Erfolg ein. Schon ein Jahr zuvor hat sich der Deutsche Jo Seifert die Rechte am Namen Norton auf dem Kontinent gesichert, bevor die Norton-Konkursmasse 1992 an eine kanadische Gruppe geht.Im November 1997 bietet Seifert zum Neustart zunächst 100 Exemplare des Typs C652SM an, die als besonderen Gag in Anspielung auf das 100jährige Firmenjubiläum die Fahrgestellnummern 1898 bis 1998 tragen.

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