Fahrbericht Suzuki DL 1000 V-Strom

Zwei Halbe Mojito

Südafrika ist Klasse. Der Mojito kostet nur drei Euro. Das Beste daran: Er wird in Weizenbiergläsern serviert. Und als Begleitung wartet die neue V-Strom auf dich.

Die Bar ist klein. Rauchig, strandnah und voller Flanierraupen. Vor mir steht er. Glitzernd, gut eingeschenkt und durchgemixt. Brauner Zucker, der Saft zweier Limetten, frische Minze, ein gefährlicher Schuss Rum, ein wenig Soda und Eis – fertig. Ein halber Liter Mojito. Zwei davon ergeben den Hubraum der neuen Suzuki V-Strom. »Das Ding brauch doch kein Mensch«, kommentiert der Kollege links und nimmt einen tiefen Schluck. Abwarten.
Tags darauf reden die Japaner. Präsentieren die Früchte vom Feld der Inspiration. Von neuem Meilenstein ist die Rede. Ein Mix aus Enduro, Tour und Sport. In dieser Art noch nie da gewesen. 207 Kilogramm Trockengewicht, 210 km/h schnell. Als Antrieb dient der auf Tourentauglichkeit getrimmte Motor der TL 1000 S. Mit nunmehr 98 PS, geregeltem Kat und dem Doppeldrosselklappen-Einspritzverfahren, das sich in den GSX-R-Modellen bewährt hat. Vielleicht hatte er doch Recht, der Kollege links. Der Star des Tages tritt ins Rampenlicht. Nettes Gesicht, plumper Rücken, breiter Hintern. Großer Gott.
Gut. Dann zeig was du kannst, Baby. Per Knopfdruck brabbelt der Motor. Weicher Lauf, kaum mechanische Geräusche. Sitzprobe. Erster Eindruck: geräumig. Das Cockpit übersichtlich, Schalter und Griffe am rechten Platz. Und Platz ist sowohl für Zweimeterriesen als auch Geschöpfe um die 1,65 ideal. Los geht’s. Wieselflink taste ich mich durch den Innenstadtverkehr, die V-Strom überrascht mit einer für ihre Abmaße nicht erwarteten Handlichkeit. Trotz hydraulischer Betätigung funtioniert die Kupplung nicht leicht, ist dafür aber perfekt dosierbar. Neben mir hupt es. Eine Aufforderung zum Ampelrennen. Ein letzter Check: Ist der erste Gang gerastet? Hochdrehen, sanft auskuppeln. Jippee yeeah.
So muss es sein. Als wollte das Drehmoment den Asphalt auffräsen, schießt die V-Strom los. Das Vorderrad steigt. Und steigt. Ein perfektes Wheelie. Beifall beim Stopp an der nächsten Ampel. Ein Hupkonzert, die Aufforderung es zu wiederholen. Nein, Jungs, nun reichts. Auf einer zweispurig ausgebauten Trasse spuckt mich die schönste Stadt des Kontinents hinaus ins weite Land. Es riecht nach Durchzugstest. 3500/min, sechster und letzter Gang. Lüstern öffnen sich die Drosselklappen. Vollgas. Gemächlich spurtet der Vauzwo los, bei 5000 zieht er an und schiebt Afrika an mir vorbei, als gälte es, für immer goodbye zu sagen. Vibrationen? Leicht. Lebendigkeit? Irre. Ratz, fatz stehen 200 km/h auf dem Tacho. Und ein Bein von mir im Gefängnis. Das Speedlimit beträgt 120 km/h. Sorry, die Versuchung war zu groß. Außerdem: Nur so sind präzise Aussagen über Geradeauslauf und Windschutz möglich. Zwar nimmt die kleine Scheibe den Druck vom Oberkörper, der Kopf ist dem Sturm jedoch nahezu ungeschützt ausgesetzt. Die V-Strom selbst bleibt unbeeindruckt vom Tempo, läuft selbst bei Topspeed noch tadellos geradeaus. Zumindest in Afrika.
Das, was da auf mich zurauscht, ist das Schild zum Abbiegen. Upps! Vorn zu Beginn etwas stumpf, mit leichtem Druckanstieg jedoch perfekt verzögernd, hinten einfach lasch und druckpunktlos, bremse ich mich auf die Abzweigung zu. Komme mit quietschenden Reifen vor einem Wegweiser zum Stehen: Pringle Bay. Keine Frage, mein Ziel. Eine grandiose Küstenstraße lockt. Enge und weite Bögen, Kehren, bergauf, bergab. Rechts leckt der gischtschäumende Ozean, links türmen sich grandiose Felsformationen auf. Die Sonne wirft mir ihr verheißungsvollstes Lächeln entgegen. Das Leben ist schön.
Vor allem, wenn das Motorrad die Schräglagen so begierig verschlingt wie die V-Strom. Sind bei der Geburt eventuell ein paar Gene der SV 650 mit hineingerutscht? Verzeihliche Lastwechsel, ein präzises, wenngleich ein wenig Nachdruck forderndes Schaltwerk, sehr gut dosierbare Gasannahme. Die von Bridgestone neu entwickelten Reifen TW 101 und 152 harmonieren wunderbar mit der V-Strom, vermitteln ein gutes Gefühl für den Grenzbereich und glänzen auf trockener Straße mit tollem Grip. Gerade, als die Mundwinkel sich bis zu den Ohren ziehen, taucht sie im Rückspiegel auf und zieht außen an mir vorbei. Eine Yamaha YZF-R1.
Wie war das noch? Tour, Enduro, Sport? Mal sehen, ob ihr gemogelt habt. Es reicht, die V-Strom immer im Bereich um die 5000/min zu halten. Schacht öffnen, bedingungsloser Vorstoß. Das Vorderrad klebt sich ans Heck der Yamaha. Präzise befolgt die Suzuki meine Anweisungen. Will mehr mit der Kraft der Schenkel als über den Lenker dirigiert werden, trifft die angepeilte Linie und bleibt auf ihr. Das Fahrwerk ist gut gedämpft. Hinten nahezu perfekt, vorn vielleicht eine Nuance zu soft. Funkensprühend – die Fußraste! – jage ich die YPSE durch weit geschwungene Kurven. Keine Chance zum Überholen. Doch der Straßenverlauf ändert sich. Engere Kehren, ein kleiner Pass. Zwar hat die Yamaha bessere Bremsen, doch die V-Strom kontert mit ihren enduresken Genen. Durchsticht in Motocross-Manier die 180-Grad-Kehre, innen schlüpfe ich am Sportler vorbei. Verdiente Kaffeepause.
Der Cappuccino dampft, der Helm auch. Irgendwie hat Suzuki mit der V-Strom das geschafft, was Yamaha seit Jahrmillionen mit der TDM versucht. Die Sitzposition ist entspannt, aber vor allem sportlich aktiv. Für Reisewillige sind alsbald Heizgriffe, Steckdose, Koffersystem, hohe Tourenscheibe, Sturzbügel und Tankrucksack erhältlich. Und der Enduro-Aspekt? Rund 160 Millimeter Federweg vorn und hinten, Gussräder, ein Reifenprofil mit wenig Negativanteil. Egal. Karte her, wir sind in Afrika.
24 ungeteerte Kilometer sind es bis zum Asphalt. Einfach irre. Sobald man die 98 Gäule füttert, gehen sie durch. Selbst bei 120 km/h sind noch gezielte Drifts möglich. Digital zur Gasgriffbewegung groovt das Heck, der Reifen schleudert den Schotter ins Nirwana. Allerdings beginnt die Gabel, genau wie auch schon auf asphaltierten Wegen bei dicht aufeinander folgenden Bodenwellen zu stuckern und ist am Ende ihrer Mission. Genau wie der Tag und ich.
Es ist wieder diese Bar. »Hammerharter Kurvenfeger«, nickt der Kollege von links anerkennend. »Da muss sich die Konkurrenz warm anziehen.« Meine Hand ruht am Mojito. Soll sie ruhig. Cheers.
Anzeige

Technische Daten - Suzuki DL 1000 V-Strom

Motor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, je zwei obenliegende, Zahnrad- und kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Ø 45 mm, Motormanagement, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 350 W, Batterie 12 V/12 Ah.Bohrung x Hub 98 x 66 mmHubraum 996 cm³Verdichtungsverhältnis 11,3 : 1.Nennleistung 72 kW (98 PS) bei 7600/minMax. Drehmoment 101 Nm (10,3 kpm) bei 6400/minKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 41:17.Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluprofilen, geschraubtes Rahmenheck, Telegabel, Standrohrdurchmesser 43 mm, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Doppelkolbensättel, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 310 mm, Scheibenbremse hinten, Einkolbensattel, Ø 260 mm.Alugussräder 2.50 x 19; 4.00 x 17Reifen 110/80 R 19; 150/70 R 17Fahrwerksdaten: Radstand 1535 mm, Lenkkopfwinkel 110 Grad, Nachlauf 64 mm, Federweg v/h 160/159 mm.Maße und GewichteL/B/H 2295/865/1335 mmSitzhöhe 840 mmGewicht vollgetankt 235 kgZulässiges Gesamtgewicht 440 kgZuladung 205 kgTankinhalt/Reserve 22 LiterGarantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Blau, SilbergrauPreis inkl. MwSt. plus Nebenkosten 9990 Euro

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote