Fahrbericht Triumph Speedmaster

Living History

100 Jahre Motorradbau verpflichten. Triumph ist sich dessen bewusst und lässt mit der neuen Speedmaster die Tradition weiterleben.

Santa Barbara an der Westküste der USA. Weg von den mondänen Metropolen Los Angeles und San Francisco. Keine Spur von Hektik und Businessmanie. Stress ist hier nicht en vogue. Surfen, Power-Walking und cooles Cruisen auf dem heißen Eisen sind angesagt. Okay, Sonnenbrille, Speedmaster und Zeit. Es kann losgehen.
Triumphs Nachfolgerin der legendären T120 von 1964 bietet einen komfortablen Platz an der Sonne. Dank der breiten, tief in den Rahmen gezogenen Gunfighter-Sitzbank herrscht eine saloppe Bequemlichkeit an Bord. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Bonneville vermittelt die Speedmaster durch ihre Sitzposition Cruiser-Feeling. Stundenlange Touren sind kein Problem. Mit ausgestreckten Armen, den flachen Lenker fest im Griff, nimmt der Oberkörper eine aktive Haltung ein. Die weit vorn montierten Fußrasten bringen das Erscheinungsbild der Speedmaster auf den Punkt: cooles Dahingleiten. Haltungsnote: sehr gut.
Drehzahlmesser und Kontrollleuchten bilden auf der Oberseite des Tanks die zentrale Informationseinheit. Weitab vom Blickfeld. Außerdem ist schon bei mäßiger Sonneneinstrahlung Schluss mit sichtbar. Dass die Zündung hinten links unter der Sitzbank eingeschaltet wird, der Choke auf der gleichen Seite am Vergaser sitzt, ist nicht ganz zeitgemäß. Dafür stilecht.
Bisschen anfetten, und der 790 Kubikzentimeter Zweizylinder-Reihenmotor startet problemlos. Auffallend wirkt nur sein Äußeres. Die polierten Kanten der Kühlrippen und das gelochte Luftfiltergehäuse im Chromlook bilden auffällige Kontraste zum dominierenden Mattschwarz. Feine Sache. Um den Hitzekollaps zu verhindern, wurde ein Ölkühler zwischen den Rahmenunterzügen platziert. Hitzwallungen bekommt eher der Fahrer, wenn er den Seitenständer bedient. Weit vorn am Rahmen angeschraubt, mit viel zu kurzem Ausleger, bringt er Kurzbeinige in Schwierigkeiten und bei der Fußfummelei ins Schwitzen.
Klock – leises Einlegen des ersten Gangs. Ein erster zarter Gasstoß. Etwas leblos klingt sie, mehr Sound – brummelnd und wummernd – würde der Speedmaster gut stehen. Mit Soundengineering ließe sich da sich noch was machen. Zwei ungeregelte Katalysatoren nebst Sekundärluftsystem sorgen dafür, dass der britische Twin – laut Triumph – die ab 1. April für neue Motorräder gültige Euro-2-Abgasnorm deutlich unterbietet. Locker lässig dreht der Vierventiler hoch. Durch die beiden Ausgleichswellen ohne unangenehme Vibrationen über den gesamten Drehzahlbereich. Geräuschlos lassen sich die fünf Gänge schalten.
Angenehm komfortabel präsentiert sich die Fahrwerksabstimmung der Speedmaster. Das hintere Scheibenrad in Kombination mit einem 170er-Hinterreifen verleiht ihr eine dynamische und wohlproportionierte Rückansicht. Ausreichend straffe Federelemente lassen die Maschine auch bei schnellerer Gangart nicht aus der Ruhe kommen. Ob entlang der Küstenstraße oder bei flotterer Fahrweise durch die Berge, die Speedmaster liegt satt auf dem Asphalt. Klare Linie mit feiner Lenkpräzision, saubere Geradeauslaufstabilität. Längsrillen hingegen kann sie nicht ab, da entwickelt die Engländerin eine unangenehme Eigendynamik.
Pluspunkte gegenüber der Bonneville sammelt die Speedmaster bei Beschleunigung und Durchzug. Ihre Gesamtübersetzung ist kürzer gewählt, woddurch die Neue aus Hinckley etwas sportiver losspurtet und das Durchzugsvermögen in allen Lebenslagen besser ist. Trotzdem fehlt dem 790-cm3-Motor mit seinen 61 PS der bärig-fette Durchzug, der nur aus dem Hubraum kommen kann. Gemütliches Cruisen ohne zu schalten – kein Problem. Soll es aber richtig zur Sache gehen, muss der Speedmaster-Pilot runterschalten.
Gewöhnungsbedürftig agiert die vordere Bremse. Die beiden Doppelkolben-Schwimmsättel bieten zwar ausreichende Verzögerung, der Druckpunkt fühlt sich jedoch sehr schwammig an. Vorsicht ist geboten, wenn der Fahrer härter zupacken muss. Dann neigt das Rad unvermittelt zum Blockieren. Die Dosierbarkeit sollte Triumph schnellstens verbessern. Damit das Bild der Speedmaster, in welcher den Briten die Verbindung zwischen elegante und massig anmutendem Design prima gelungen ist, nicht getrübt wird. Sie bereitet sicherlich auch ohne Sonnenbrille und bei bedecktem Himmel ordentlichen Fahrspaß.
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