Fahrbericht VOR EN 400

Volle Kraft voraus

Der Name scheint Programm. Mit beachtlichem Engagement steuert der italienische Hersteller VOR einen Fixplatz in der Stollenbranche an.

Die Verantwortlichen hören´s nicht gerne, aber was sein muss, muss sein: Die Wiege der VOR-Modelle stand bei den Brüdern Vertemati. Sie waren es, die Anfang der neunziger Jahre den Anspruch hatten, technisch eigenständige Grobstöller zu bauen. Und der sollte mit Hilfe externer Geldgeber realisiert werden. Doch aus der Zusammenarbeit zwischen den Finanziers und den streitbaren Brüdern wurde nichts. Halt doch, daraus entstand VOR.
Und VOR hat es – im Gegensatz zu den Experimental-Unikaten der Vertemati-Brüder – geschafft, seit 1998 serienreife Offroad-Maschinen auf die Räder zu stellen. Mit Erfolg – der Vize-Titel in der großen Viertakt-Klasse der Enduro-WM 2001 zeugt davon. Ermutigung genug, um mit der größten Modelloffensive der noch jungen Firmengeschichte in die Vollen zugehen.
Wichtigste und augenfälligste Änderung: der Rahmen. Anstatt des bislang eingesetzten Einschleifenrohrrahmens, dessen Oberrohr und Unterzüge unkonventionell durch Schraubverbindungen miteinander gekoppelt waren, bildet nun – mit Ausnahme der Super-Moto-Modelle – ein üppig dimensionierter Brückenrahmen das Skelett der neuen VOR. Mit ausreichend Raum für die neue Tankform. Denn nur die Hälfte des Spritvorrats von 9,5 Litern findet am konventionellen Platz Unterschlupf, der Rest lagert schwerpunktgünstig in der Erweiterung des Tanks im Rahmendreieck.
Auch motorenseitig werden Unterschiede zwischen den Produktlinien gemacht. Generell offeriert man für jede Disziplin eine separate Hubraumvariante. Enduros werden mit wahlweise 400, 450 oder 530 cm3 Hubraum ausgeliefert. Super Motos gibt´s als 450er oder 530er, Crosser nur mit 530er-Motor.
Die Motocrosser sollen weiterhin mit dem bisherigen Motorenkonzept glücklich werden. Will heißen: Der Ventiltrieb wird durch Schleuderöl des – übrigens zahnradgetriebenen – Nockenwellenantriebs geschmiert. Anders bei den Enduros und den Super-Moto-Flitzern. Für mehr Standfestigkeit sorgt künftig eine Ölpumpe, die den Ölinhalt von 1,3 Litern zuverlässig über alle hochbelasteten Teile vergießen soll.
Ansonsten bleibt´s im Wesentlichen beim bisherigen, ungewöhnlichen Konzept. Das Kassettengetriebe ist, ohne den Motor zu demontieren, seitlich aus dem Motorgehäuse herausnehmbar. Der Kickstarter wird nach vorn getreten. Oder besser: Er wird gar nicht mehr getreten. Denn abgesehen von den Cross-Modellen sind alle VOR künftig zeitgemäß mit Elektrostarter ausgerüstet. Ein Wermutstropfen bei den ehrgeizigen Projekten sind die Gasfabriken. Statt den bei Sport-Viertaktern derzeit üblichen High-Tech-Vergasern von Keihin verwendet VOR die preisgünstigeren Dellorto-Vergaser.
Aber was soll´s, das Ergebnis zählt. Und das ist bei der Enduro unserer Wahl, der 400er, zunächst ganz gefällig. Freilich, als wieselflinkes Maschinchen vom Schlag einer KTM ist die VOR EN 400 nicht ausgelegt. Dafür zieht die große Schwarze sauber und spurstabil ihren Strich. Kein überraschendes Aufbäumen, kein Gewackel in den Wellen – die Italienerin bleibt gutmütig und ruhig. Auch die Federelemente – vorn eine Upside-down-Gabel von Paioli, hinten ein Federbein aus gleichem Haus – sind ganz Enduro-like abgestimmt: weich und sensibel ansprechend. Hilfreich für das Unterfangen im Unterholz ist außerdem der sanfte Leistungseinsatz des 400er-Aggregats. Ganz sanft lässt sich die Italienerin über glitschiges Terrain dirigieren, und nur die verschärfte Offroad-Liga wird sich bei perfekter Traktion mehr Biss wünschen. Die Peripherie – der stabile Rahmen, die akzeptablen Federelemente und die prima Bremsen – würde es locker verkraften.
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