Fahrbericht: Yamaha FZS 1000 Fazer

Weck das Tier in dir

FZS 1000 Fazer, das ist das Kraftpaket aus der YZF-R1, eingepflanzt in einen handlichen Allrounder – und der Garant für tierisch gute Unterhaltung.

Man stelle sich vor: Ein hand-
licher Allrounder, schlank wie eine 600er mit 143 PS Leistung, 106 Nm Drehmoment, 205 Kilogramm Trockengewicht, laut Fahrzeugschein 250 km/h schnell. Dazu die Fahrwerksreserven eines Topsportlers. Kaum auszudenken, wie sich so was fährt. Das Vorderrad wird’s vom Asphalt reißen. Die Arme werden lang gezogen. Den Hinterreifen wird’s zerfetzen, das Blut aus deinem Gehirn pressen. Traum oder Alptraum? Egal, denn die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.
Es dauert nämlich keine zehn
Kilometer, bis die FZS 1000 Fazer ihr wahres Gesicht zeigt. Klar versucht man zunächst einmal, den ersten Gang voll durchzubeschleunigen. Auch klar, dass dabei das Vorderrad leicht wird und bei zirka 100 km/h fröhlich in der Luft tänzelt.
In Windeseile markiert der Tachometer
120 Sachen, die Drehzahlmessernadel schnellt blitzartig bis auf 11000/min. Zeit, den zweiten Gang einzulegen – und Zeit nachzudenken. Gesetze gelten schließlich auch auf den Landstraßen in Spaniens dünn besiedeltem Süden. Dort darf die 1000er-Fazer bei der ersten Fahrpräsentation zeigen, was sie drauf hat.
Und das ist deutlich mehr als enorme Beschleunigung. Drehmoment und Durchzug heißen die Zauberwörter. Immer und überall im fünften oder sechsten Gang
dahingleiten. Und dabei nichts von der Spritzigkeit und Kraft eines echten Landstraßenflitzers einbüßen. Was der vom Supersportler YZF-R1 abgeleitete Motor aus dem Drehzahlkeller zu Tage fördert, ist mehr als beeindruckend. Schon ab 1500/min kann im großen Gang beschleunigt werden, ohne dass auch nur das
geringste Rucken, Zucken oder Kettenpeitschen zu spüren ist. Ab 3000/
min steht genügend Druck für spontane Überholmanöver zur Verfügung, und ab 6000/min zieht die Fazer dir tatsächlich die Arme lang.
Diese Souveränität resultiert natürlich zum größten Teil aus dem einwandfreien Erbgut der R1. Doch die japanischen Ingenieure gaben sich nicht mit der bloßen Transplantion des überragenden Vierzylinders zufrieden, sondern änderten eine Fülle von Details, um die 143 PS für den Einsatz in einem Allrounder geschmeidig zu machen. Damit die Vergaserbatterie in dem Doppelschleifenrahmen in horizontaler Lage angeflanscht werden kann, musste ein neuer Zylinderkopf her. Entsprechend wurde das Ansaugsystem geändert. Die Schwungmasse der Kurbelwelle erhöhten die Techniker zugunsten einer kultivierteren Leistungsentfaltung, die Auspuffanlage ist neu gestaltet und aus Edelstahl gefertigt.
Am auffälligsten wirkt sich die Überarbeitung von Getriebe und Kupplung aus. Ohne jegliches Krachen rasten die sechs Gänge sauber ein. Die im Vergleich zur YZF-R1 im Durchmesser kleinere, aber um je eine Stahl- und Belaglamelle
aufgestockte Kupplung überzeugt mit traumhafter Dosierbarkeit bei angenehm geringer Handkraft. Einziges Manko: Am Hebel fehlt eine Verstellmöglichkeit.
Ein Schönheitsfehler, der schnell wieder in Vergessenheit gerät. Denn die neue Fazer versteht es vortrefflich, ihren Passagier mit ihren Qualitäten zu begeistern. Zum Beispiel das Fahrwerk. Vor
allem auf engen und holprigen Sträßchen werden die Vorzüge der hochwertigen Federelemente mehr als deutlich. Sensibel im Ansprechen, hervorragend in der Dämpfung und mit genügend Reserven
in der Federrate muss sich die neue
Fazer vor keinem noch so teuren Supersportler verstecken.
Und wird das Tempo verschärft, die Zuladung durch einen Sozius erhöht
oder einfach mehr Komfort gewünscht – bitte sehr. Gabel und Federbein sind
voll einstellbar und bieten außer einer
geländetauglichen so ziemlich jede Abstimmungsmöglichkeit.
Kein Wunder, dass sich die FZR 1000 wie an der Schnur gezogen durch das winklige Bergland Andalusiens steuern lässt. Anbremsen, einlenken, Gas geben – so einfach kann Big Bike fahren sein. Ohne Schalten, ohne Stress, gleichwohl sportlich flott. Erst wenn es daran geht, auf schlechtem Straßenbelag die Leistungsreserven der Tausender zu mobilisieren, indem vor dem Beschleunigen mal eben drei, vier Gänge nach unten
gesteppt wird, ist es mit der Ruhe schlagartig vorbei. Dann beginnt die Fazer in bester R1-Unart nervös mit dem Lenker zu zappeln. Zwar kann über den breiten Rohrlenker genügend Kraft aufgebracht werden, um wildes Schlagen von Lenkanschlag zu Lenkanschlag zu verhindern, doch die unruhige Front mahnt zur
Vorsicht.
Also Gas raus und genießen. Die
entspannte Sitzposition zum Beispiel, bei
der nur der Knieschluss am 21 Liter
fassenden Tank nicht optimal ist. Ähnlich der 600er-Fazer ist der Spritbehälter im Übergang zur Sitzbank etwas zu breit
geraten. Ansonsten passt die Ergonomie prima auch für ausgedehnte Touren. Die kleine Verkleidungsscheibe hält selbst groß gewachsenen Fahrern den Winddruck bis Tempo 160 wirkungsvoll vom Oberkörper ab. Der Helm allerdings steht verwirbelungsfrei, aber gänzlich ungeschützt im Sturm.
Wer dennoch mehr will, kann mehr haben. Schnell Fahren lässt sich die
Fazer nicht nur aufgrund der gebotenen Leistung, sondern auch, weil ihre Bremsanlage eine Anleihe aus dem Supersportbereich ist. Die vordere Doppelscheibenbremse stimmt bis auf die Belagmischung mit der der R1 überein. Die Scheibe
hinten besitzt sogar einen um 22 Millimeter größeren Durchmesser und verzögert deutlich kräftiger.
Kleiner, oder besser gesagt schmaler ist dagegen die hintere Felge. Statt der Sechs-Zoll-Felge der YZF-R1 begnügt sich die Fazer mit 5,50 Zoll und einem 180er-Metzeler ME Z4. Diese eher tourenorientierte Reifenwahl bedeutet zwar einen Abstrich in Sachen Haftung, entschädigt dafür aber mit einem Plus an Handling, Haltbarkeit und Komfort.
Letzterer wird auch durch so ein-
fache Mittel wie die in Gummi gelagerten Fußrasten erhöht. Nahezu vibrationsfrei
werkelt der seidenweich agierende Vierzylinder im Stahlrohrchassis. Nicht sonderlich schön das Ganze, auch nicht
gerade gewichtssparend, doch zumin-
dest ausreichend steif und dank des
abschraubbaren rechten Unterzugs für die Mechaniker in der Werkstatt einigermaßen schrauberfreundlich gestaltet. Die massiv wirkenden Aluminiumplatten im Schwingenbereich sind lediglich dünne Zierblenden.
Ansonsten hat es die FZS 1000 Fazer nicht mit Blenderei. Ganz im Gegenteil. Sie besitzt einen grundehrlichen und leicht zu durchschauenden Charakter. Protzt im ersten Augenblick mit ihrer unglaublichen Power, dem sportlichen Fahrwerk und den tollen Bremsen, um schon im nächsten Moment eine Gelassenheit und Souveränität zu vermitteln, wie man sie unter Big Bikes bislang nur von
deutlich hubraumstärkeren Maschinen wie beispielsweise einer Hayabusa kennt. Ein Raubtier, so sanft, dass man es sich getrost als Haustier zulegen kann.
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Technische Daten - Yamaha FZS 1000 Fazer

Motor: Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, fünf Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Mikuni-Gleichdruckvergaser, Ø 33 mm, kontaktlose Transistorzündung, Sekundärluftsystem, E-Starter.Bohrung x Hub 74 x 58 mmHubraum 998 cm³Verdichtungsverhältnis 11,4:1Nennleistung (ECE) 105 kW (143 PS) bei 10000/minMax. Drehmoment 106 Nm (10,8 kpm) bei 7500/minKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Standrohrdurchmesser 43 mm, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Vierkolbensättel, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 298 mm, Scheibenbremse hinten, Zweikolbensattel, Ø 245 mm.Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17Fahrwerksdaten: Radstand 1450 mm, Lenkkopfwinkel 64 Grad, Nachlauf 104 mm, Federweg v/h 140/135 mm.Maße und Gewichte: Sitzhöhe 820 mm, Gewicht trocken 205 kg, zulässiges Gesamtgewicht 420 kg, Tankinhalt 21 Liter.Garantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Schwarz, Blau, RotGrundpreis inkl. MwSt. 21165 MarkNebenkosten 335 Mark

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