Fahrbericht Yamaha WR 450 F 2-Trac

Allrad-Yamaha

Hinten schiebt der 18-Zöller, vorne zieht der 21-Zöller: Das klingt ziemlich abenteuerlich, doch Zweiradantrieb gibt es nun schon in Serie, nämlich in der Yamaha WR 450 F 2-Trac. Eine Entwicklung der Yamaha-Tochter Öhlins, quasi der Audi Quattro der Motorradbranche. Bereits vor gut drei Jahren konnte MOTORRAD eine Allrad-TT 600 R ausprobieren (5/2000), im Enduro- und Rallye-Sport wurden seither verschiedene Versionen getestet und weiterentwickelt.

Das Antriebsprinzip ist überzeugend simpel: Am Ritzel ist ein zweiter Kettentrieb für die Hydraulikpumpe angeflanscht. Zwei Schläuche führen zum Vorderrad, in dessen Nabe ein kleiner Hydraulikmotor nebst Getriebe steckt. Die Komponenten stammen vom deutschen Hersteller Brüninghaus, Tochter des Bosch-Rexroth-Konzerns. Das System ist von der Übersetzung her so ausgelegt, dass beim Fahren auf griffigem Untergrund vorn kaum Drehmoment übertragen wird. Erst wenn das Hinterrad durchdreht, baut die Hydraulik mehr Druck auf. Im Maximalfall werden 30 Prozent der Antriebsleistung nach vorn abgezweigt, außerdem begrenzt ein Überdruckventil das Drehmoment.
Ab Mai 2004 soll es eine Kleinserie mit Federelementen und Lenkungsdämpfer von Öhlins geben. Zusammen mit dem Vorderradantrieb ergeben die Öhlins-
Teile einen Aufpreis von rund 50 Prozent gegenüber der Basisversion der WR.
Ein ziemlich teures Vergnügen, von dessen Vorzügen sich MOTORRAD im Rahmen der Shamrock-Rallye im Süden Marokkos überzeugen konnte, wo eine 180-Kilometer-Tagesetappe mit der WR 2-Trac auf dem Programm stand. Der
erste Eindruck ist unspektakulär, was durchaus positiv zu verstehen ist: Antriebsreaktionen auf die Lenkung sind beim probeweisen Herumzirkeln auf hartem Boden nur leicht zu spüren. Die 2-Trac-Version wirkt ein wenig steifer um die Lenkachse als die Begleitmaschine, eine Standard-WR 450 F, verhält sich nicht ganz so agil. Der Zweiradantrieb erfordert aber keinerlei Gewöhnung, selbst die hintere Bremse darf zum schnellen Wenden blockieren. Ein Freilauf verhindert, dass das Vorderrad dabei mitbremst.
Die Vorteile des 2-Trac sollen sich
besonders bei rutschigen Verhältnissen oder tiefen Sand- und Morastböden auszahlen. Etwa in der grandiosen Dünenlandschaft der Westsahara, in die der Tross nach der ersten Zeitkontrolle eintaucht. Während die Rallye-Piloten im Wettbewerbsstress den direkten Weg
suchen, dürfen die Tester ein bisschen spielen. Das Hillclimbing auf die erstbeste Wanderdüne läuft überraschend easy. Also mal am Hang anhalten und wieder anfahren. Auch das klappt. Deutlich ist zu erkennen, wie der Vorderradantrieb bei durchdrehendem Hinterrad seine Arbeit aufnimmt. Beim Herumkurven an der
steilen Lee-Seite der Düne hält die 2-Trac ebenfalls erstaunlich gut Kurs.
Zum Vergleich dann das gleiche
Programm mit der konventionellen WR. Den Dünenkamm erklimmt sie mit Anlauf ebenso, nur Anhalten sollte man nicht, beim Wiederanfahren buddelt sie sich in den Sand ein. Die erste Kurve am Hang endet mit einem Sturz. Trotz Vollgas taucht die Maschine vorn tief ein, daher reicht der Schub nicht mehr. Erstaunlich der Unterschied zur 2-Trac, deren Vorderrad sich stets selbst aus dem Sand zieht.
Weiter geht es über ausgefahrene Sandpisten mit tiefen Lkw-Rillen. Bei
Vollgas, zirka 140 km/h, verhält sich die Allrad-WR deutlich stabiler, was zum Teil auf das Öhlins-Fahrwerk und den Lenkungsdämpfer zurückzuführen ist. Andererseits spürt der Fahrer mitunter das Mehrgewicht der Frontpartie. So um die drei Kilogramm wiegt der Antrieb im Vorderrad, das gesamte 2-Trac-System bringt sieben Kilogramm auf die Waage. Ein Wheelie ist kein Problem, jedoch
lässt sich die Vorderhand nicht so spontan über plötzlich auftauchende Bodenwellen heben. Die Leistungsverluste in der Hydraulik sind recht gering. Was schon daran zu erkennen ist, dass
sich die beiden Antriebsvarianten in der Höchstgeschwindigkeit nicht wesentlich unterscheiden. Im Tiefsand ist die 2-Trac-Yamaha sogar schneller. Messfühler an der Rallye-Maschine von David Frétigné, der die diesjährige Shamrock-Rallye auf einer Allrad-WR 450 F gewann, zeigten als Maximaltemperatur im Vorderradgetriebe moderate 60 Grad.
Rallye-Einsätze sind folglich das bevorzugte Einsatzfeld der Allrad-WR, auch bei Extrem-Endurorennen könnte die bessere Traktion hin und wieder von
Nutzen sein. Weniger versierte Fahrer werden die Sicherheit und Stabilität begrüßen. Im normalen Enduro-Sport ist die 2-Trac ebenfalls einsetzbar, gelegentliche Vorteile wiegen die Handling-Nachteile und das Mehrgewicht in den Sonderprüfungen jedoch wohl kaum auf.
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