Fahrbericht Yamaha XV 1600 Wild Star

Schöner Zug

In glänzendem Ambiente ein hubraumgewaltiger, duchzugsstarker Motor - die XV 1600 ist ein Star mit ganz besonderer Anziehungskraft.

Masse und Anziehungskraft stehen in physikalischem Zusammenhang - je größer die eine, desto größer die andere. Bei der XV 1600 Wild Star sind es jedoch nicht die rund sechseinhalb Zentner Lebendgewicht, die ihre Attraktivität ausmachen. Es ist das Arrangement der Baugruppen, die - räumlich säuberlich voneinander getrennt und in ihren Einzelfunktionen klar durchschaubar - in ihrer Summe das reizvolle Bild eines großen, starken, elementaren Motorrads vermitteln.
Kein Trugbild, wie sich bei näherer Betrachtung herausstellt. Hier bunkert der Tank tatsächlich Benzin, hier ist der Luftfilterkasten wirklich Atmungsorgan, hier liegt veritables Stahlblech unter Chrom und Lack.
Vor allem der monumentale Motor ist ein Beispiel schonungsloser Ehrlichkeit. Wie kein anderes Cruiser-Triebwerk japanischen Ursprungs kehrt der Wild Star-V2 sein Innerstes nach außen, gerade so, als sei seine vornehmste Aufgabe, als Anschaungsobjekt zum Thema »so funktioniert ein Viertaktmotor« zu dienen.
Im Zentrum des nostalgisch-rustikalen Geschehens rotiert eine Kurbelwelle von gigantischen Ausmaßen, darüber türmen sich - im schlanken Winkel von 48 Grad arrangiert - hochaufschießende, luftgekühlte Zylinder, in denen die Kolben auf extrem langen Wegen zwischen den Totpunkten oszillieren. Die Ventilsteuerung übernehmen Kipphebel, untenliegende Nockenwellen und ellenlange Stoßstangen. Maßnahmen zur Eindämmung systembedingt auftretender Massenkräfte? Nichts dergleichen.
Moderne Zeiten scheinen allenfalls in Details auf. Für gute Wärmeabfuhr sind die Alu-Zylinder Keramik-beschichtet, für die Füllung der Zylinderröhren sorgen Vierventilköpfe, Hydrostößel lassen das Wort »Ventilspiel« vergessen, und um effiziente Verbrennungsabläufen kümmert sich eine elektronisch gemanagte Zündanlage, die zwei Kerzen pro Kopf aufblitzen läßt.
Eine halbe Etage über dem Maschinenraum, auf Direktionsebene quasi, springt der Funke schon bei ausgeschalteter Zündung über. Wie ein aufgeräumter Schreibtisch, auf dessen blank polierter Platte nett arrangierte, noble Accessoires blitzen, weckt der Blick in den Kommandostand der Wild Star herrschaftliche Gefühle, die durch die tiefe Sitzpotion auf üppig gepolstertem Gestühl zusätzlich Nahrung erhalten.
Der Druck aufs Starterknöpfchen vervollkommnet die Illusion, an den Hebeln der Macht zu sitzen. Der Schwung von Kurbelwelle, Pleueln und Kolben läßt Mensch und Maschine wohlig erschauern, das lässig hingeworfene, niederfrequente Auspuffstakkato ist Ohrenschmaus und Versprechen zugleich: Was so klingt, muß auf kleinste Befehle brachiale Kraft nur so aus dem Ärmel schütteln.
Ein Griff zum leichtgängigen Kupplungshebel, ein Tritt - klack - auf die Schaltwippe, ein wenig Gas, und die freudige Erwartung üppiger Kraftentfaltung macht der Gewißheit Platz, daß der 1600er tatsächlich eine echte Zugnummer ist. »Shortshifting torque« - ein Drehmomentangebot, das Hochschalten bei niedrigsten Drehzahlen erlaubt - hier wird`s mit satten 134 Nm bei 2250/min in Hülle und Fülle geboten. Und gern genutzt: Ab Leerlaufdrehzahl nimmt der Motor spontan Gas an, wobei sich die Vibrationen in absolut vertretbaren Grenzen halten. Das angeblockte Fünfganggetriebe schaltet nach Cruiser-Maßstäben vorbildlich leicht, präzise und geräuscharm.
Überhaupt ist die Kraftübertragung über Kritik erhaben. Trotz eines beispiellosen Zickzackkurses zum Hinterrad - Stirnrad-Primärantrieb, Vorgelege per Zahnkette, Endantrieb über Zahnriemen - fließt das Motormoment geschmeidig und ohne Lastwechselreaktionen zu seinem Bestimmungsort.
Der liegt exakt 1685 Millimeter hinter der Vorderachse, womit die Wild Star ausgeprägten Langmut beweist. In Verein mit flachem Lenkkopf und langem Nachlauf müßte die Maschine eigentlich einen großen Bogen um enge Kurven machen. Doch siehe da: Die Fuhre läßt sich ohne Umstände in Schräglage biegen, erlaubt fußelfreie U-Turns im Rahmen des gebotenen Wendekreises, läßt sich im Stadtverkehr bis hinunter zu Schrittempo ohne Schlangenlinien auf Kurs halten.
Daß angesichts enger Kurven dennoch angeraten ist, die satte Wirkung der großzügig dimensionierten Bremsanlage ins Spiel zu bringen, geht auf das Konto der mehr als mageren Schräglagenfreiheit. Eingebremst wird die Maschine auch auf den Flickenteppichen drittklassiger Nebenstraßen: Da zappelt`s schon mal in der Lenkung, da treten Unreinheiten im Gangbild auf, die mäßigend auf den Vorwärtsdrang wirken. Das ist insofern schade, als die Maschine in Sachen Federungskomfort durchaus fürs Gröbere gerüstet ist.
Gerüstet ist die Wild Star auch für Unternehmungen im Duett. Zwar ist der hintere auch der billigere Platz, bietet aber gleichwohl genügend Komfort und Lebensraum für einträchtige Zweierbeziehungen. Und das ist nun wirklich mal ein schöner Zug.
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