Impression Honda CB 500 Four

Do it again!

Nein, dieses Motorrad erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Ähnlichkeit mit noch lebenden, zulassungsfähigen Honda. Es ist weder besonders schön noch besonders gut. Aber - authentisch. Hundertprozentig. Verbastelt, bemalt und geliebt wie einst. Wer die Chance kriegt, mit seinem persönlichen Bike der ersten Stunde noch mal Kontakt aufzunehmen, darf nicht zögern. Noch einmal dran schrauben, eine letzte Runde drehen, noch mal 20 sein.

Da hinten steht sie, zwischen den Reifenstapeln und der Werkzeugkiste unter dem staubigen Fenster. Die alte 500er aus der Frankfurter Garagen-WG in der Westerwaldstraße 7. Streng genommen gehörte sie nicht mir, sondern I. Nur dass I. lieber schraubte als fuhr und deshalb ich eine Taunusrunde nach der anderen damit drehte. Weil die 500er viel geiler war als meine 400er. Hundert Jahre muss es her sein. Vorsichtig quetsche ich mich an Autoteilen, Auffahrrampen und rostigem Werkzeug vorbei, bis ich an dem grünstaubigen Abdecktuch angelangt bin. Gespannt hebe ich einen Zipfel an, entdecke den schwarzen Tank, die alte, verschlissene Höckersitzbank und die goldenen Fußrasten - sie ist es wirklich. I. trennt sich einfach von nichts. Ein Prickeln breitet sich in mir aus, ich hebe die Decke etwas weiter an. Es ist schön und schrecklich zugleich. I. hatte da wohl noch einiges vorgehabt und nicht zu Ende gebracht. Prächtige gelochte Doppelscheiben stecken am Vorderrad, aber der Rest der Bremse bis zum Lenker fehlt. Ebenso die Vierrohr-Auspuffanlage und das Hinterrad. Der Sprit von vor 20 Jahren scheint dafür noch drin. Au Backe. Ich lasse das Tuch wieder runter – bin froh, dass es mich nicht betrifft. Allein die verpilzte Vergaserbatterie ... .

Ich gehe zurück ins Haus, wo I. gerade Kaffee kocht. Wir plaudern ein bisschen. Ja, ja die alte Honda. Wie’s Lottchen wär’ die gelaufen. Batterie rein, Schlüssel rum und ab die Post, so würde es sein, ganz sicher. I. hat wohl schon länger nicht mehr unter das grüne Tuch geguckt. Wir errechnen gemeinsam, dass es kurz nach dem Ende der Frankfurter Garagen-Combo gewesen sein muss. So vor 13, 14 Jahren vielleicht.... Echt? Mhm. Ist ja auch wurscht, dafür sei die Doppelscheibe aber doch klasse, oder? Von Eckert! Mit Gutachten sogar. Hebel und Pumpe wären mir persönlich offengestanden wichtiger. Aber es ist ja nicht mein Motorrad. Ach, das fehlende Zeug befände sich alles irgendwo im Keller.

Eine Woche später bin ich wieder da. Ob ich’s mal versuchen dürfte...? Klar. Die Schlüssel? Tja, die Schlüssel. Es habe da mal so ein Ledersäckchen gegen, aber wo das jetzt ist... Ich glaube, es war doch keine so gute Idee. Doch I. verspricht, einen Tee zu kochen und währenddessen danach zu suchen. Ich wallfahrte derweilen wieder in die Garage, ziehe Werkzeugkisten, Reifen und Tuch zur Seite und die Honda erbarmungslos ins Licht. Es ist niederschmetternd. Wie Hildegard Knef nach einer schweren Nacht. Sie hat definitiv schon bessere Tage gesehen. Rissige Reifen mit Standplatten, Lack und Armaturen von einer schmierigen Patina aus Öl, Staub und Fliegendreck überzogen, die Bank nur noch lose in einem Scharnier hängend, der Hinterbau komplett leergeräumt, kein Auspuff, keine Bremse, keine Kette, kein Rad. Warum gehe ich nicht einfach ins Kino? Oder besuche mal wieder meine Mutter? Wahrscheinlich, weil es sie ist. Sie, mit der ich nicht nur den Taunus unsicher, sondern auch die ersten großen Touren gemacht habe. Über die Alpen, ans Mittelmeer, nach Korsika. Bewegt entdecke ich den kleinen Korsenkopf am Seitendeckel, rieche fast den Diesel der Fähre und die Macchia. Ich sinke auf die wackelnde Höckerbank, packe den schmalen Sportlenker - und alles ist wieder da. Alles.

Ich könnte es jetzt einfach dabei belassen. Mit I. einen netten Nachmittag verbringen, über die alten Zeiten schwadronieren, von Galibier und l’Iseran und der dünnen Luft dort oben, wo die Kiste zu zweit kaum drüber kam, von Korsika und dem unglaublichen Diebstahl, in Calvi, direkt vom Zelt weg. Und wie wir sie wiederfanden, irgendwo einfach an einem Baum lehnend. Erinnerungen, wie sie Rosamunde Pilcher nicht glühender erfinden könnte ... Es wäre wunderschön und kein bisschen dreckig. Stattdessen gehe ich in den Keller und gucke nach den Teilen. Völlig unverbindlich.

Der Keller. Abgrund oder Paradies, ich bin noch nicht sicher. Hinter Fahrrädern, Laubrechen, Vogelhäuschen, Klappgrill und Blumenübertöpfen entdecke ich eine ganze Wand sorgfältig in Pappkartons versenkter Honda-Teile. Zwei Raummeter Innereien von schätzungsweise drei verschiedenen 500ern, wie ich zwei Stunden und fünf Dreckschichten später weiß. Ein bis zur hintersten Getriebewelle zerlegter Motor, mehrere Räder, sechs Seitendeckel, zwölf Auspuffrohre – sogar die legendäre schwarze Vierrohr-Termignoni aus Italien ist dabei, die in Frankfurt jeden Bullen in zehn Kilometern Umkreis anlockte -, die Einzelteile von sicher viereinhalb Bremsanlagen, ein kompletter Umzugskarton voller Kabelbäume, Schalter, Blinker, Armaturen, Lichtmaschinen, ein Kistchen Dichtungen aller Größen und als ich schon gar nicht mehr daran glauben will, fische ich aus einem Kistenabgrund sogar eine Vergaserbatterie hervor. Sauber geputzt und mit 105er Hauptdüsen zum Wechseln dabei. Ein Fund, der in die Liga goldener Valentinstags-Geschenke vorstößt. Und als I. dann noch triumphierend ein ganzes Probier-Sortiment verschieden abgebrochener und verbogener Schlüssel schwenkt, bin ich fast trunken vor Glück. Es ist wirklich noch alles da. Selbst der grässliche Becker-Gepäckträger, der damals ums Verrecken nicht dran zu bringen war. Und fast einen ganzen Urlaub vermasselt hätte. Eine Lawine von Anekdoten und Weißt-du-nochs bricht los. Die Weinkisten stehen greifbar neben den Kurbelwellenteilen und nach ein paar Gläsern ist der Deal eingetütet: I.s Urlaub steht vor der Tür und wenn ich in der Zeit die Katze füttere und die Blumen gieße, dürfe ich hier so lange freischraubend herumwildern, wie ich wolle. Genial!
Eine Woche später quartiere ich mich mit Reistasche, Rostlöser und Sheba-Katzenhäppchen ein. Fast so schön wie Strandurlaub auf Fuerteventura. Statt Sonnenöl gibt es WD 40, statt Henning Mankell Ernst Leverkus. Und eine der schönsten Wochen des Sommers beginnt. Bewacht von Katze Lilli und dörrenden Stiefmütterchen setze ich wie ein Puzzle Teil um Teil die alte Maschine wieder zusammen, rekonstruiere die einst so vertrauten Arbeitsgänge wieder ein. Was wir damals gemacht hatten, mit diesen Hondas. Wie eingestellt, was getunt, wo gefeilt, gefrickelt, bedüst, und umgebaut. Es läuft mit jeder Stunde besser, die Hände finden wie von selbst den richtigen Dreh, die Bolzen ihre Muttern, die Räder ihre Achsen, die Bremsen zwischen die Sättel, die Ketten auf die Ritzel, die Schrauben in ihr Drehmoment - irgendwann ist alles dran. Ich kann es kaum glauben. Nur das Schutzblech fehlt. Es ist definitiv im Keller nicht zu finden. Vermutlich hatten wir es sowieso abgesägt. Rattenkurz und absolut ABE-frei. Ganz sicher. So trug man es. Genauso wie Magura M-Lenker, Höckerbank und das Zündschloss oben zwischen die Armaturen gefrickelt. Unten am Motor war’s defintiv zu uncool! Und der Rahmen: in VW-»Sonnenrot« und goldene »Moto Italia«-Alurasten dran. Italienisches Ambiente... Himmel, wir haben wirklich keine Verschönerungsmöglichkeit ausgelassen. Soichiro Honda kann froh sein, auf der anderen Seite der Erdkugel gewesen zu sein. Aber wir fanden’s mega-scharf. So und nicht anders musste ein Motorrad aussehen.
Ich bin gespannt wie beim Tanzstunden-Ball auf die erste Umdrehung. Klick – unter stundenlanger Rostlöser-Zuwendung hatte es tatsächlich einer der Schlüssel geschafft, das völlig festkorrodierte Schloss zu durchdringen – die rote und die grüne Lampe in dem kleinen Lenker-Panel glimmen auf. Sie lebt! Die Kontrollinstrumente einer Herzoperation können nicht prickelnder sein. Umpf, Umpf, ein paar mal Kicken, dann ein Versuch mit dem E-Starter. Worauf sich sofort katapultartig der Federknopf an die Garagenrückwand verabschiedet, beißender Qualm unter der Sitzbank hervordringt und zischend ein Kurzschluss durchs Kabelgebälk pfeilt. Aus. Gute Gelegenheit zu überlegen, wo eigentlich die Sicherungen sitzen. Unterm Seitendeckel, genau. Filigrane Glasröhrchen wie aus einem Chemielabor.
Noch mal. Jetzt eben nur Kicken. Nichts. Komisch eigentlich. Dann fällt es mir ein, das magische kleine Rändelrädchen am Vergasergestänge. Im normalen Leben zuständig für Schieberstand und korrekten Leerlauf, hilft es knapp bedüsten Halbliter-Hondas beim Kaltstart zuverlässig auf die Sprünge. Was wäre eine alte 500er ohne dieses Stellrad? Nichts. Mausetot vermutlich. Und dann passiert es. Das Unfassbare. Rasselnd legt sie los, mit allen Zylindern, ohne wenn und aber, kein Rumpeln, kein Verschlucken, läuft einfach so, als stünde sie immer noch in der Garage in der Westerwaldstraße sieben. Als ginge einfach wieder die Saison los und wir führen in den Taunus. Was für ein Motorrad! Grummelnd nimmt sie Fahrt auf, und ich springe schnell auf den altvertrauten Platz zwischen M-Lenker und Höcker, als hätte ich nie was anderes getan. 20 Jahre Zeitsprung. Eine Proberunde, dann raus auf die Landstraße. Sie fährt tatsächlich. Wackelig und zäh wie ein alter Hanomag Henschel, und vermutlich noch gerade mal 30 von dereinst 48 Pferden am Geschirr, aber wir bewegen uns. Es ist mehr, als ich erhofft hatte. Da sie kaum bremst, passt es ohnehin wieder. Ortsschild um Ortschild taucht auf und verschwindet, wir fahren und fahren, es fühlt sich an wie damals, alle Träume schnellen wieder an den Ausgangspunkt zurück. Noch einmal 20 sein, unendliche Fantasien haben und fast noch keine Antworten. Ich gebe etwas mehr Gas, versuche erste Schräglagen auf den steinharten Reifen, schalte herum, probiere alle Hebel. Die Angst, irgendwas Übersehenes könnte plötzlich wichtig werden, die Bremse abfallen oder der Motor zerbröckeln, tritt allmählich zurück, und ich beginne die wenigen Stunden zu geniessen, die mir nun bleiben. Diese viel zu kurze Zeitspanne, bis unignorierbar wird, dass eine alte Honda trotz Roland Eckert, Moto-Italia und Giulliari-Höcker nie mehr die Welt erzittern lassen wird. Dass auch Hildegard Knef nicht mehr 30 ist und selbst 105er-Hauptdüsen es nicht mehr rausreißen. Doch bis dahin wird es wunderbar sein. Einmal Frankreich und zurück, 130 Kilometer, es könnte gerade so klappen.













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Technische Daten - Honda CB 500 Four

Motor: luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, Bohrung x Hub 56 x 50,6 mm Hubraum 499 cm³, eine obenliegende Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, 48 PS bei 9000/min, vier Keihin-Vergaser, o 22 mm.Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel vorn, o xx mm, zwei Federbeine hinten, hydraulisch betätigte Scheibenbremse vorn, o xxx mm (nachgerüstet: gelochte Eckert-Doppelscheibe), Trommelbremse hinten, 0 xxx mm.Messwerte (1974): Höchstgeschwindigkeit 178 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h 5,7 km/h, Gewicht 183 kg trocken. Bauzeit: 1971 – 1978, Preis (1971): 5595 Mark.

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