Impression Yamaha RD 350 YPVS

Schall & Rauch

Schrilles Plärren begleitet jeden Gasstoß, blassblaue Schwaden entweichen den Endrohren. Yamahas RD 350 YPVS, das Motorrad aus Schall und Rauch: jeder Ampelstart eine furiose Inszenierung, jede Landstraße eine Spielwiese. Einer der letzten Versuche, den Zweitakter über die Zeit zu retten. Wer sie fährt, legt ein rollendes Bekenntnis zum Straßensport ab, hält auf dem Sozius immer ein Plätzchen frei für ((Yamaha Grand Prix-Helden). Wer sie nicht fährt, macht besser Platz.

Nichts für gemeinsame Bummeleien zum nächsten Bikertreff, auch nichts für die Kult-Tour nach Italien. Eher was für einsame Ritte durchs Landstraßenrevier. Kernig, spontan. Los, ab in den Schwarzwald. In den Westerwald. Pfälzerwald passt auch, passt sogar perfekt. Nur gebremst durch verschlafene Käffer, deren Bewohner noch auf die Kirchglocken warten. Leise durchschleichen, und dann räng, täng, täng. Straßen wie auf der Go cart-Bahn, trickreich, anspruchsvoll. Abtauchen ins frühneblige Moseltal und - schwups - am nördlichen Ufer wieder hoch. Richtung: Südeifel.

Zwei Tankfüllungen auf einem Rutsch abgefackelt und nichts zwickt, kneift oder spannt. Eigentlich ein ganz schön bequemer Stuhl, die RD 350. Mit nett geschwungenem Rohrlenker, schmalem Tank, kuscheligen Sattel und Knubbel-Verkleidung. Heutzutage firmiert so was unter »Sport-Tourer«. Nur der Suff passt nicht zu dieser Kategorie: Unter sieben Liter Landstraße geht mal gar nix. Piano versteht sich. Wer`s brennen lässt, kommt auf zehn. Trotzdem: ein prima Straßenkrad.

Weil sich hier die Lederriemen des Elefantenboys noch ohne Verrenkungen verschnüren lassen? Na ja, auch, jeder hat eben so seine Vorlieben, oder? Nee, weil der Zweitakter eigentlich ein verlässlicher Kumpel ist. Egal ob kalt oder eiskalt, dreimal gekickt und gut iss. Läuft immer. Und wenn nicht, lässt er sich auch mit dem Bordwerkzeug richten. Oder ist richtig futsch. So mit Kolbenklemmer oder zerschredderten Pleuellagern.

Solch wüste Visionen jucken im Augenblick aber nicht. Die Yamaha rennt wie am Schnürchen. Vor allem jetzt, frühmorgens. Das passt ihr gut rein, wenn die kühle Luft mächtig viel Sauerstoff hergibt, der Motor schön mager läuft. Dann brennt der Zweitakter sein furztrockenes, ordinäres Plärren runter. So furztrocken, dass man vorsichtshalber mindestens zwei Finger einsatzbereit an der Kupplung liegen hat. Man weiß ja nie, wann`s klemmt.

Kurz vor Mühlebach wird noch mal Sprit gebunkert, glucksend ne Dose TTS-Öl nachgekippt, und dann nix wie hoch zur Nordschleife.
Alles wie gehabt. Da hocken die Jungs im bunten Leder wie Spalierobst auf der Planke, palavern über Nockenwellen und Gummimischungen und drücken bei denen, die aussehen, als ob sie´s könnten, heimlich den Chronometer. Stecken den Ticker aber schon kurz nach acht Minuten gelangweilt ins Kombi: Lohnt nicht, alles ab 8.15 Minuten ist Schnarchzapfen-Tempo.

Als die rasselnde RD 350 auf den Ring biegt, reckt kein Mensch den Hals, die Uhren bleiben im Sack. Auch schön, dann darf die alte Dame elegant und unbefangen fliegen. Oben an der Kuppe zum Flugplatz, wo die Schwerelosigkeit lauert, da wartet auch die Hassliebe zur grünen Hölle wieder. Ein flüchtiger Blick über die Schulter zur alten Nürburg, dann den Motor ausgedreht, bis es süß kommt, die Gänge in derber Cross-Manier bei Vollgas und mit leichtem Auskuppeln durchgedrückt. Vor allem: nie den Schwung verlieren. Immer das nutzbare Drehzahlband im Visier. Gänge wechseln, Gänge wechseln.

Die RD hat nichts verlernt. Erteilt wieder mal Lektionen in Sachen Einlenkverhalten. Macht alles mit. Schlägt dem Fortschritt ein Schnippchen. Nur in Topspeed-Nähe verlangt das flotte Gestühl Vorsicht. Buckel und Wellen bringen sie jenseits von 160 km/h gerne mal aus der Spur. Für sensible Kradler der reinste Horror-Trip, zwingen altgediente RD-Reiter das Biest mit Gewichtsverlagerung nach vorn zur Ruhe, packen den Lenker bestimmt, aber ja nicht verkrampft. Eine heikle Diva eben. Aber ziemlich spaßig das Ganze. Weil sie auf ihren handbreiten Reifchen so gut wie widerstandslos ums Eck biegt. Etwas eirig bisweilen, aber stramm genug, um lustig mit den Auspufftüten zu funken.

Doch die größte Lust zappelt am Gaszug. Wie auf Kommando kreischt der 350er Twin aus den Ecken, und gelegentlich lupfen die 61 PS sogar das Rad vom Boden. Hoch zum Karussell etwa, mit einem leichten Ruck am Lenker - Wheeeeeelie. Sekunden später presst die Federung in den überhöhten Betonplatten stumpf bis auf den Anschlag durch, schnalzt ein paar Meter weiter wie ein Flummi aus dem Kessel. Da ist er wieder, der verdammte Fortschritt. Aber egal: Gas und rauf den Berg. Einfach Spitzenklasse, so ein Zweitakterle. Wie es schiebt und drückt, Gang für Gang, keine Pause. Und mir nix, dir nix, findet man sich lang liegend hinter dem kleinen Windschild wieder. Der gutbürgerliche Vorsatz von der lässigen Tour muss irgendwo zwischen Arembergkurve und Adenauer Forst dem vorpubertären »Wer bremst, ist feige« gewichen sein.

Es geht voran, dieses Motorrad lässt keine Zeit zum Philosophieren. Mutig in die Vollgasecken an der Hohen Acht eingetaucht, Luft anhalten, umlegen. Klappt prima, fast wie damals, als Nordschleife und RD 350 zum alleinigen Lebensinhalt ausuferten. Zack, und schon passiert`s. Im Brünnchen, wie könnt`s auch anders sein, `ne nasse Stelle erwischt, das Vorderrad gerade noch mal eingefangen und im langem Bogen wieder eingefädelt. Komisch, noch immer vereint die RD 350 Genuss und Übermut wie keine andere. Deshalb ist sie selten geworden, die Gute, deshalb soll diese hier nicht zerknittern. Aber viel, viel schlimmer als eine zerknitterte RD 350: Innen rum hat sich ein Gummikuh-Cowboy vorgedrängelt, schraddelt mit blankgeputzten Ventildeckeln weiße Streifen auf die Ideallinie, spannt flugs die Gasschnur und lässt die alte Yamaha bergauf zur XXXXX Kuppe einfach stehen. Das ist er nun wirklich, der Fortschritt: Boxer versägt RD, das hat’s früher nicht gegeben.

Jetzt ist aber gut, ja? Beleidigt abdrehen, mit leicht irritiertem Kopfschütteln die völlig überraschte Nordschleifen-Schnecke spielen. Motto: Touri mit Oldie auf Besichtigungsrunde, oder besser: Oldie mit Touri auf..... .

Vesper. Schnitzel mit Pommes und Mayo, hinterher einen Kaffee aus dem Pappbecher. Im Stehen. Auch am Schnellimbiss an der Brücke in Adenau tummeln sich die Knieschleifer. Und drüben, an der Leitplanke, lehnt tatsächlich noch eine andere RD 350 YPVS. Lehnt, mangels Seitenständer. Scheinwerfer Marke Taschenlampe, Verkleidung von der TZ-Rennmaschine, genau wie der Auspuff. Die Räder von PVM, und überhaupt: eine RD 350 wie aus dem richtigen Leben. Kein TÜV, keine Schalldämpfer, kein gar nix. Hauptsache schnell, laut und leicht. Kaum eins dieser Dinger blieb von den Frisierkünsten seines Dompteurs verschont. Nächtelang wurde mit Feile und Fräser am Zylinder herumgewerkelt, dicke 34er Vergaser und hochwichtige Membranplättchen verbaut, schlanke Auspuffbirnen mit einer akustischen Reichweite vom Ring bis nach Köln draufgesteckt. Das einheitliche, heldenhafte und völlig legitime Ziel der ganzen Fummelei: Leistung, Drehzahl, Speed.

Denn im Grund ihres Herzens war die RD 350 YPVS nix anderes als eine verkappte Rennmaschine. Hätte eigentlich eine Yamaha TZ mit Licht und TÜV werden sollen. »Das Ding vom Ring«, so hat Yamaha den Knaller 1983 beworben. Und alle, die keine TZ hatten, aber eine wollten, sich aber keine leisten konnten, haben sich die Nasen an den Yamaha-Schaufenstern plattgedrückt.

Der Ottmar zum Beispiel, Renn-Mechaniker in der zweiten Liga, in der OMK-Klasse. Hat jedes Wochenende TZ 350 geschraubt, sie geputzt und gewienert und mit Hingabe warmlaufen lassen: wääääng, wäääng, wäääng. Den Ottmar hat dann nix und niemand mehr gehalten, und er hat sich für gerade mal XXXX Mark die weiß-rote Zweitakträtsche in den Hof gestellt. Beim ersten engagierten Ausritt musste er dann jedoch erkennen, dass die RD von der echten TZ 350 Rennmaschine um Lichtjahre entfernt ist. War ihm aber egal, weil schön war sie trotzdem, und der Motor hatte mehr technische Finessen, als sie die TZ 350 je haben sollte. Weltmeister wollte Ottmar sowieso nicht werden und wenn`s ganz furchtbar gewackelt hat, hat er eben das Gas zugedreht.

Geputzt und gewienert aber wurde die RD wie eine TZ. Mit aller Hingabe. Am liebsten ließ er den spritzigen Zweitakter mit kurzen, bellenden Gasstößen warmlaufen, wääääng, wääääng..... . Und das tut er heute noch. Deshalb kriegt er sein gutes Stück knitterfrei zurück. Einen Liter Castrol A 747-Rennöl als Dankeschön. Damit Ottmar auch riecht, was er fährt.
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Technische Daten - Yamaha RD 350 LC YPVS

Motor: Zweitakt-Reihenzweizylinder, 347 cm3, Bohrung x Hub 64 x 54 mm, Membraneinlass- und Power Valve-Auslass-Steuerung, zwei Mikuni-Vergaser, O 26 mm, 43 kW (58 PS) bei 9200/min. Fahrwerk:Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, luftunterstützte Telegabel, O 35 mm, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten, Leichtmetall-Gussräder, Bereifung 40/90 H 18 vorn und 130/80 H 18 hinten, Gewicht vollgetankt 170 kg. Fahrleistungen: Beschleunigung von 0 bis 100 km/h solo 4,9 s, Höchsgeschwindigkeit: solo 189 km/h. Preis 1983: 5838 Mark.Eventuell noch Bauzeit von bis angeben

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